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Verein Verein 22.02.2010
Joachim Löw: "Wir freuen uns für Urs!"

Nach der Verpflichtung von Urs Siegenthaler als neuen Sportlichen Leiter des HSV, äußert sich Bundestrainer Joachim Löw im ausführlichen Interview auf hsv.de.

Hamburg - 2010 – das Jahr, in dem in Südafrika die erste Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden stattfindet. Vier Monate sind es noch, bis in der Soccer City in Johannesburg der Anpfiff zum weltweit größten Sportereignis ertönt. Hsv.de sprach mit Bundestrainer Joachim Löw über den neuen Sportlichen Leiter in Hamburg, die vier WM Aspiranten im Kader von Bruno Labbadia und die Chance, am 11.Juli als Weltmeister nach Deutschland zurückzukehren.
 
 
hsv.de: Herr Löw, mit Urs Siegenthaler hat der HSV jenen Mann als sportlichen Leiter unter Vertrag genommen, der bis zum Ende einer hoffentlich erfolgreichen Weltmeisterschaft beim DFB für die Sichtung und die
 
Spielvorbereitung der Nationalmannschaft verantwortlich ist. Sind Sie traurig, einen so kompetenten Mann aus Ihrem Stab abgeben zu müssen?
 
Joachim Löw: Ich habe keinen Grund, traurig zu sein. Es ist vertraglich so geregelt, dass Urs Siegenthaler dem DFB auch über die Weltmeisterschaft 2010 hinaus wichtige Erkenntnisse liefern kann, wenn es der DFB denn möchte. Zudem freuen wir uns für Urs, dass er bei einem Verein wie dem HSV absoluter Wunschkandidat für die Position war, die er nun ab Juli bekleiden wird.
 
Beim HSV soll Siegenthaler eng mit Trainer Bruno Labbadia zusammenarbeiten. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit ihrem Chefscout und wie eng ist die Kommunikation?
 
Löw: Urs Siegenthaler ist Teil des Trainerteams des DFB, entsprechend findet auch ein regelmäßiger Austausch statt. Er liefert uns wichtige Informationen in der Gegneranalyse, ist ständig bei Länderspielen und Turnieren wie dem Afrika Cup oder dem Copa América vor Ort. Über diese Vogelperspektive auf den internationalen Fußball hinaus aber ist es auch seine Aufgabe, Tendenzen und Trends im Fußball frühzeitig zu erkennen und zu analysieren. Seine Erkenntnisse sind für uns absolut notwendig, um professionell arbeiten zu können. Als wir diese Stelle 2004 geschaffen haben, wurden wir noch belächelt – heute sieht man: Wir hatten Recht.
 
Was macht für Sie den Menschen Urs Siegenthaler aus?

Löw: Ich kenne ihn sehr lange, schon aus der Zeit, als ich noch in der Schweiz gearbeitet habe. Er ist absolut vertrauenswürdig und ein loyaler, zuverlässiger Mensch. Urs Siegenthaler ist einer derjenigen, die Werte wie Offenheit und Klarheit vertreten. All das macht es sehr angenehm, mit ihm zusammenzuarbeiten, unterstreicht aber auch seinen einwandfreien Charakter.

Auch DFB-Teammanager Oliver Bierhoff wird immer wieder mit Führungspositionen in Bundesligavereinen in Verbindung gebracht. Sehen Sie dies als Anerkennung Ihrer akribischen Arbeit beim DFB?

Löw: Wenn sich Bundesligavereine wie der HSV bei uns erkundigen, wie wir Themen wie das Scouting oder das Management der Nationalmannschaft handeln, ist das schon eine Bestätigung unserer Arbeit. Allerdings ist es für mich eine selbstverständliche Frage der Kooperation mit den Vereinen – regelmäßiger Austausch ist unentbehrlich.

Eine Bestandsaufnahme: 2006 vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land gab es viele Pessimisten, die der Mannschaft ob schwacher Testspielleistungen nicht viel zutrauten. Wie erleben Sie die Stimmung nun, vier Jahre später, wieder im Vorlauf einer Weltmeisterschaft?

Löw: Die Stimmung vor einem Großereignis wie einer Weltmeisterschaft ist immer gespannt und von einer gewissen Nervosität und großen Aufmerksamkeit geprägt. Überregionale Diskussionen machen diese Zeit sehr interessant. Dabei sind auch Stimmungsschwankungen und unterschiedliche Meinungen völlig normal. Letztendlich ist es wie im Vereinsfußball auch. In der Vorbereitung wird alles auf den Tag X ausgelegt, an dem die Saison oder in unserem Fall das Turnier, die Weltmeisterschaft, beginnt. Und da hat niemand sonst so ein gutes Gespür für die Entwicklungen innerhalb der Mannschaft wie der Trainer, der dann auch mal aus einer Testspielniederlage wichtige Erkenntnisse ziehen kann. Das 1:4 gegen Italien im Vorlauf der WM 2006 beispielsweise war auf dem Weg zu einem erfolgreichen Turnier eines der wichtigsten Spiele für uns.

Mit dem FC Bayern München und dem VfB Stuttgart in der Champions League und dem Hamburger SV, Werder Bremen, dem VfL Wolfsburg und Hertha BSC Berlin haben insgesamt sechs Vereine international den Sprung in die nächste Runde geschafft. Wo sehen Sie den deutschen Fußball im kontinentalen Vergleich?

Löw: Dass noch so viele Mannschaften im internationalen Wettbewerb vertreten sind, ist sehr erfreulich. Allerdings befinden wir uns am Anfang des Jahres. Die Bilanz können wir erst am Ende der Saison ziehen. Ich hoffe, dass die deutschen Vertreter im Europapokal erfolgreicher abschneiden können als in den vergangenen Jahren, Bremens Finalteilnahme 2009 ausgenommen. Der internationale Vergleich ist extrem wichtig für junge Spieler. Dort treffen sie auf Mannschaften anderer Mentalität und Kultur. Diese neuen Herausforderungen fördern sie.

2006 waren Sie unter Jürgen Klinsmann Co-Trainer. Wie beurteilen Sie die Entwicklung in der deutschen Nationalmannschaft – sowohl sportlich als auch strukturell – nach dreieinhalb Jahren im Amt des Bundestrainers?

Löw: Nach dem Vorrundenaus bei der Europameisterschaft 2004 wurde ein struktureller Wandel notwendig. Schaut man sich seit diesem Zeitpunkt unsere Ergebnisse bei Turnieren und Qualifikationsrunden an, kann man von einer positiven Entwicklung sprechen, die die Mannschaft genommen hat. Auch im taktischen Bereich wurden viele Fortschritte gemacht. Es ist uns gelungen, viele junge Spieler einzubauen. Das haben wir immer als einen zentralen Baustein unserer Philosophie proklamiert.

Mit Spielern wie Leverkusens Toni Kroos, Mesut Özil und Marko Marin von Werder Bremen und nicht zuletzt Jerome Boateng und Dennis Aogo vom HSV drängen gleich mehrere U21-Europameister in den A-Kader. Für Sie Anzeichen von so etwas wie einer „goldenen Generation“?

Löw: Die jungen Spieler sind auf einem guten Weg, müssen ihre Leistungen aber über viele Jahre unter Beweis stellen. Auch heutige Leistungsträger wie Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger oder Per Mertesacker haben schon früh ein gutes Niveau erreicht und in der Nationalmannschaft auf sich aufmerksam gemacht. Nicht nur in der Nationalmannschaft, auch in den Vereinen hat ein konzeptionelles Denken eingesetzt, das jungen deutschen Talenten die Möglichkeit gibt, sich zu präsentieren.


 
Die European Club Association (ECA) ist die Interessenvertretung der europäischen Fußballvereine, der insgesamt 201 Vereine aus 53 UEFA-Mitgliedsländern angehören. Der Verband löste die Interessenvertretung G-14 ab. Der HSV ist einer von nur vier Bundesligavereinen mit einer Vollmitgliedschaft. Mehr darüber gibt es auf der Homepage der ECA.
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