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Viertelfinale gewonnen, Halbfinale vor der Brust

Nachbericht

29.04.18

Viertelfinale gewonnen, Halbfinale vor der Brust

Mit dem 3:1-Auswärtssieg beim VfL Wolfsburg hat der HSV sein selbst gesetztes Viertelfinale gewonnen. Doch der Bundesliga-Dino benötigt für die Rettung weitere Siege und steht am kommenden Sonnabend in Frankfurt vor dem nächsten Finalspiel. 

46 Tage vor der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland spielt der Hamburger SV im Bundesliga-Saisonfinale sein ganz eigenes Turnier. Angesichts vier verbleibender Spieltage und eines Rückstands von acht Zählern auf den Relegationsplatz 16 rief Mittelfeldspieler Lewis Holtby vor zwei Wochen das „Final Four“ aus. „In diesen vier Spielen muss es brennen“, so der 27-Jährige damals. Seitdem hat der HSV zwei der vier Partien gewonnen und das Bild des K.o.-Modus hat sich innerhalb der Mannschaft verfestigt und wurde vom Trainerteam gezielt skizziert. Mit einem über weite Strecken eindrucksvollen 3:1-Auswärtssieg beim VfL Wolfsburg gewann der HSV am gestrigen Sonnabend das von Christan Titz ausgerufene „Viertelfinale“ und verkürzte den Rückstand auf die Konkurrenz damit auf zwei Zähler. Der Glaube an ein Fußballwunder ist nicht nur in der Mannschaft, sondern auch in der Stadt Hamburg zurückgekehrt. Doch alle Beteiligten wissen auch, dass der HSV im „Do or Die“-Modus wie bei einer Weltmeisterschaft zwei weitere Siege braucht, um das Unmögliche doch noch möglich zu machen. Im Halbfinale wartet am kommenden Sonnabend auswärts die Eintracht aus Frankfurt (Anstoß 15:30 Uhr). "Wir haben momentan noch nichts erreicht, sondern sind lediglich auf zwei Punkte herangekommen. Wir können erst stolz sein, wenn wir das Ziel erreicht haben, es doch noch zu packen. Wir fahren jetzt nach Frankfurt und wenn wir noch über den Strich springen wollen, dann müssen wir auch dort gewinnen", erklärte HSV-Trainer Christian Titz am Tag nach dem Auswärtssieg in Wolfsburg. 

HSV.de blickt noch einmal auf das gestrige Spiel in Wolfsburg zurück, gibt einen Überblick über die Personalsituation und wirft einen Ausblick auf die kommende Woche. 

Douglas Santos und die Rothosen behielten im Nervenkrimi gegen den VfL Wolfsburg die Oberhand.

Zum Spiel: Am 32. Spieltag trafen der VfL Wolfsburg und der Hamburger SV in einem wahrhaftigen „Sechs-Punkte-Spiel“ aufeinander und dementsprechend zerfahren verlief die Anfangsviertelstunde. Beide Teams hatten zwar früh Strafraumszenen, ließen aber die letzte Konsequenz und spielerische Überzeugung vermissen. Der HSV kam anschließend besser in die Partie und übernahm wie bereits in den vergangenen Spielen unter Titz mit viel Ballbesitz die Spielkontrolle. Äußerst eifrig agierte dabei Wirbelwind Tatsuya Ito, der kurz vor der Pause im Duell mit Guilavogui einen Elfmeter herausholte. Bobby Wood, der erstmals unter Titz in der Startelf stand, behielt vom Punkt die Nerven und schob trocken ins rechte Eck ein (43.). Nach langer Durststrecke der zweite Saisontreffer des US-Boys. Doch damit nicht genug: Zwei Zeigerumdrehungen später köpfte Holtby, der wiederum sein viertes Tor in den letzten sechs Spielen erzielte, nach Ito-Vorlage zum 2:0-Pausenstand in die Maschen (45. +1). Der HSV hatte eiskalt per Doppelschlag zugeschlagen.

Im zweiten Durchgang ließen die Hamburger gegen weitestgehend harmlos agierende Wölfe dann lange Zeit souverän das Spielgerät durch die eigenen Reihen zirkulieren, verpassten durch Kostic (72.) und Douglas (76.) allerdings die Entscheidung. Ein Freistoßtreffer des eingewechselten Brekalo (78.) machte das Spiel anschließend noch einmal spannend. Doch die Hamburger behielten die Nerven und setzten in Person von Luca Waldschmidt (90. +4), der einen verschossenen Kostic-Elfmeter per Nachschuss über die Linie drückte, den Schlusspunkt zum 3:1. „Wir sind trotz des Rückschlages stabil geblieben. Wir haben weiter nach vorn gespielt, so dass Wolfsburg uns nicht erdrücken konnte“, so Torhüter Julian Pollersbeck über den Schlüssel zum Sieg, die mentale Stärke. Auch Christian Titz sprach seiner Mannschaft ob der Schwere der zu meisternden Situation ein Lob aus. 

Bobby Wood ließ in Wolfsburg den Knoten platzen und erzielte per Strafstoß das wichtige 1:0.

Zum Personal: Am Tag nach dem Auswärtssieg in Wolfsburg stand neben dem Spiel-Ersatz-Training wie gewohnt die Regeneration im Mittelpunkt. Die gestern ausgesprochenen Gelben Karten für Julian Pollersbeck (1.) und Kyriakos Papadopoulos (11.) bleiben im Hinblick auf das Frankfurt-Spiel ohne Auswirkung. Zudem kehrten die Spieler mit Ausnahmen von einigen Blessuren weitestgehend gesund aus Wolfsburg zurück. Regisseur Aaron Hunt (muskuläre Probleme) wird wie in der Vorwoche voraussichtlich zunächst individuell trainieren.

Christian Titz könnte für das kommende Spiel also personell aus dem Vollen schöpfen und auf eine Vielzahl an Spielern zurückgreifen, die eine ansteigende Formkurve vorweisen. Stellvertretend dafür standen die gestrigen Torschützen Bobby Wood, Lewis Holtby und Luca Waldschmidt sowie Vorlagengeber Tatsuya Ito. Erstgenannter feierte in seinem Startelf-Debüt unter Coach Titz ein gelungenes Comeback. "Man darf nicht verkennen, dass wir nach 26 Spieltagen vollkommen abgeschlagen und eigentlich chancenlos waren. Da darf man nicht erwarten, dass die Spieler binnen von Wochen wieder genauso funktionieren, wie es zu ihrer Hochzeit war", erklärt Titz. "Das benötigt eine gewisse Zeit. Bobby hat etwas länger gebraucht, um sich an die Umstellung zu unserer Spielidee und dem Trainerstab zu gewöhnen. Bei ihm war in den letzten zwei Wochen ein deutlicher Trend nach oben zu erkennen. Er hat sich mit guten Trainingsleistungen belohnt und sich das Selbstbewusstsein über die Trainingsarbeit zurückgeholt."

Den verwandelten Strafstoß zum 1:0 hatte ihn dabei sein eng verbundener Teamkollege Aaron Hunt überlassen, der eigentlich als erster Elfmeterschütze vorgesehen war. Eine vielsagende Aktion im Hinblick auf den sichtlich erstarkten Teamspirit der Rothosen. Dieser wurde zuletzt auch außerhalb des Platzes mit einem wiederkehrenden Ritual befeuert. Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos lud die Mannschaft zuletzt mehrmals zum gemeinsamen Essen beim Griechen ein. "Wir haben gesagt, dass es den Spielern freisteht, ob sie das in der kommenden Woche wiederholen wollen. Die Mehrzahl der Spieler tendiert wieder dazu", gab Titz mit einem Schmunzeln bekannt. "In meinen Augen ist es gut so, weil es uns das Treffen ein Stück weit Vertrauen gibt und die gewohnten Abläufe so erhalten bleiben." 

Christian Titz weiß, dass es für das Spiel in Frankfurt wieder einer extrem akribischen Trainingswoche bedarf.

Der Ausblick: Der HSV war vor zwei Spieltagen mit acht Zählern Rückstand auf den Relegationsplatz bereits öffentlich abgeschrieben. Durch die beiden Siege gegen Freiburg (1:0) und in Wolfsburg (3:1) haben sich die Rothosen nun eindrucksvoll im Kampf um den Klassenerhalt zurückgemeldet und den Glauben an ein Wunder weiter gefestigt. "Diesen Glauben spürt man innerhalb des Teams schon etwas länger. Das sieht man auch daran, mit welchem Mut die Mannschaft auftritt", weiß Christian Titz. "Heute morgen herrschte eine gewisse Lockerheit, die in dieser schwierigen Situation auch wichtig ist. Bei den Spielern entsteht unmittelbar vor dem Spieltag eine extreme Anspannung,  die auch wieder abfallen muss. Sie haben sich diese Entspannung verdient. Morgen gibt es einen freien Tag und ab Dienstag gilt dann unser voller Fokus Frankfurt."

Der gebürtige Mannheimer und sein Team bemühen vor dem wichtigen Auswärtsspiel in der Mainmetropole dabei weiterhin die Metapher des Turniermodus und stehen somit vor einem Halbfinale. Dort wartet mit dem DFB-Pokalfinalisten und Tabellensiebten Eintracht Frankfurt dementsprechend ein äußerst unangenehmer Gegner, wie Titz weiß: "Für Eintracht Frankfurt geht es um die Qualifikation für den Europapokal. Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie taktisch unglaublich flexibel ist und eine hohe Qualität im Vorwärtsspiel hat. Das wird meiner Meinung nach eine richtig schwere Aufgabe, weil es auch für Frankfurt noch um eine Menge geht. Vielleicht liegt darin aber auch ein Vorteil, dass beide Mannschaften müssen." Die Gegneranalyse, den eigenen Spielplan und die Inhalte der bevorstehenden Trainingswoche haben Titz und sein Trainerteam bereits vorbereitet, so dass auch der 47-Jährige, der nach dem gestrigen Spiel mit einem Besuch im ZDF-Sportstudio einen Marathon hinlegte und nur wenige Stunden Schlaf fand, Zeit findet, "um einen Tag Ruhe walten zu lassen". Die Kommunion seiner Tochter steht an und "da muss der Papa dabei sein".

Ein Tag "Auszeit" für Titz. Noch 46 Tage zur WM. Und noch sechs Tage zum nächsten Finalspiel für den HSV.