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Christoph Moritz: "Ich war der klassische Dorf-Zehner"

Interview

09.07.18

Christoph Moritz: "Ich war der klassische Dorf-Zehner"

Im Interview mit HSV.de verrät der Neuzugang aus Kaiserslautern, wie er seinen Durchbruch als Profi erlebt hat, was er den jungen Spielern rät und warum er früher auf einer anderen Position gespielt hat.

Mit Christoph Moritz hat der HSV einen erfahrenen Profi verpflichtet. Der 28-Jährige kann in seiner bisherigen Karriere auf 96 Bundesliga- und 59 Zweitligaspiele blicken - und das, obwohl der geborene Dürener eigentlich ein Spätstarter war und in der frühen Jugend nicht den Weg über ein klassisches Leistungszentrum gegangen ist, sondern lieber mit „seinen Jungs“ auf dem Dorf spielte. Wie Moritz heute auf seine Entwicklung blickt und was er an die jungen Spieler weitergeben möchte, verrät er im Interview mit HSV.de.

Christoph, etwas über zwei Wochen bist du nun mit dem HSV in der Vorbereitung. Wie hast du dich eingelebt?

Christoph Moritz: Ich muss sagen, dass ich mich sehr schnell zurechtgefunden habe. Es macht Spaß, mit dem Trainerteam und der Truppe zu arbeiten. Ich habe mittlerweile ja auch schon ein paar Stationen hinter mir und kann mich dementsprechend auch schnell einleben.

Du selber bist in deiner Jugend nicht den typischen Weg gegangen, früh in ein Nachwuchsleistungszentrum zu wechseln, sondern bist erst spät in die Nähe des Profibereichs gelangt.

Das stimmt. Das Profigeschäft war bei mir relativ lange weit weg. Fußball war zwar von klein auf an schon immer mein Lebensmittelpunkt, aber es hat etwas gedauert, bis ich die Chance ergriffen habe.

Christoph Moritz und Matti Steinmann im Gespräch auf dem Weg zum Training.
Gespräch unter Sechsern: Christoph Moritz rechts tauscht sich viel mit Matti Steinmann aus.

Wieso hat es so lange gedauert?

Bis zur B-Jugend habe ich auf dem Dorf (bei Viktoria Arnoldsweiler, Anm. d. Red.) gespielt und hatte immer ein wenig Angst vor dem letzten Schritt, in eine professionelle Profiabteilung zu wechseln. Bei mir waren Aachen, Köln und Leverkusen in der Nähe und bei Hallenturnieren standen oft die klassischen Scouts am Rand und haben einige Male gefragt, ob ich mal zum Probetraining kommen kann. Ich habe das immer verneint, weil ich gerne mit meinen Freunden auf dem Dorf gespielt habe. Wir hatten zweimal Training in der Woche plus einmal Kreisauswahl, die anderen Tage standen wir mit den Freunden trotzdem zusammen auf dem Fußballplatz. Man konnte es sich aber selber einteilen.

Hast du damals auch schon im Mittelfeld gespielt?

Die erste Position, an die ich mich erinnern kann, war immer im Mittelfeld. Ich habe zuhause aber ein Bambini-Buch, da steht noch Abwehr drin. Im Mittelfeld war es zuerst aber etwas offensiver. Ich war sozusagen ein klassischer Dorf-Zehner. Es war typisch, dass jeder, der auf dem Dorf ein Ticken besser war als die große Masse, auf der Zehn ranmusste. Ab der B-Jugend bin ich dann etwas zurückgerückt.

Zur B-Jugend gab es dann auch den Wechsel zu Alemannia Aachen. Was gab den Ausschlag?

Die Hartnäckigkeit meines Vaters. Er musste mich damals fast zum Training prügeln. Ich muss mir das immer noch vorwerfen lassen, dass ich vor der ersten Trainingsfahrt schmollend auf der Rückbank gesessen habe und eigentlich gar nicht hingehen wollte. Nach dem Training musste ich dann doch feststellen, dass es mir sehr viel Spaß gemacht hatte, weil das Niveau sehr viel höher war. Dann war klar, dass ich zur nächsten Saison zu Alemannia Aachen wechseln würde.

Hast du ab diesem Zeitpunkt auch daran geglaubt, Profi werden zu können?

Eigentlich noch nicht. Ich war sicher mal in einigen Spielen gut, ich habe aber immer welche gesehen, bei denen man gesagt hat: ‚Die sind so gut, die werden bestimmt mal Fußballprofi.‘ Bei mir war es nicht so klar. Deshalb habe ich auch mein Abitur zu Ende gemacht. Plan A war danach eigentlich, Sport in Köln an der Sporthochschule zu studieren.

Christoph Moritz und Tasuya Ito im Zweikampf.
Der 28-jährige Mittelfeldspieler möchte den jungen Spielern wie Tatsuya Ito nicht nur auf dem Platz etwas mitgeben.

Und dann kam doch alles anders?

Nach dem Abitur stand die Entscheidung an: Zivi oder Bundeswehr. In Aachen hätte ich wohl zur Bundeswehr gehen müssen und ab und zu bei den Profis trainieren können. Mein damaliger A-Jugendtrainer war zur zweiten Mannschaft von Schalke 04 in die Regionalliga West gewechselt. Wegen ihm bin auch dorthin gewechselt und habe zwei Jahre lang dem Fußball die Chance gegeben, ob es etwas wird.

Und es kam schneller als erwartet. Du bist noch im selben Sommer zu den Profis hochgezogen worden. Konntest du das damals eigentlich verarbeiten?

Bei Schalke ging es damals von null auf hundert. Das war schon schwer. Teile der Vorbereitung hatte ich noch bei der zweiten Mannschaft absolviert. Ich war auch körperlich gar nicht darauf vorbereitet. Direkt im ersten Spiel stand ich dann unter Felix Magath in der Startelf und habe viele Spiele gemacht. Danach musste mein Körper dem steilen Aufstieg ein wenig Tribut zollen. Danach hatte ich fast 19 Monate Knieprobleme. Der Körper hat sich selber die Zeit genommen.

Und wie war es vom Kopf her. Ein solchen Höhenflug verkraften man als junger Spieler sicher auch nicht leicht. Bist du in dieser Zeit mal abgehoben?

Ich hoffe nicht, dass jemand mal über mich sagt, der ist abgehoben. Von meinem Vater hätte es damals auch einen Satz heiße Ohren gegeben, wenn ich so geworden wäre. Ich denke, es ist ganz wichtig, dass man auch Freunde hat, die einem zeigen, wie das normale Leben abläuft. Die hatte ich. Mir ist es dadurch nicht schwergefallen, auf dem Boden zu bleiben.

Hat sich neben der körperlichen Belastung noch etwas geändert?

Die Erwartungshaltung von außen ist komplett anders. Auf einmal muss man in jedem Spiel abliefern. Es ist mir auch nicht immer gelungen, das komplett auszublenden. Auf den Druck kann man sich nicht vorbereiten. Das reift in einem. Ich kann damit jetzt besser umgehen als mit 19. Und ich kann die Spiele jetzt mehr genießen, weil ich es besser einschätzen kann.

Christoph Moritz zeigt im Training mit dem Finger in eine Richtung.
Moritz will vorangehen, dabei aber den Spaß an der Sache nicht verlieren.

Du bist vom HSV auch als Führungsspieler geholt worden. Sind das Dinge, die du weiter gibt’s?

Wir hatten im ersten Trainingslager die Möglichkeit, uns alle ein wenig vorzustellen. Dabei kam heraus, dass es den jungen Spielern teilweise so geht wie mir damals. Dass man sich zum Beispiel nach einem schlechten Spiel oder Training Gedanken macht. Man muss sich zwar auch immer selber kritisch den Spiegel vorhalten, aber mir liegt es am Herzen, dass man sich nicht zu sehr verunsichern und zu sehr unter Druck setzen lässt. Dann kann man auch die Spiele mehr genießen. Man spielt immerhin vor 50.000 Zuschauern das Spiel, das man seit seiner Kindheit am liebsten mag und kann es womöglich nicht richtig genießen. Ich würde mir wünschen, dass es die jungen Spieler früher schaffen als ich. Denn ohne Spaß gewinnt man auch keine Spiele.

Die Lage des HSV ist nach jahrelangem Abstiegskampf in der ersten Liga nun eine komplett andere. Hast du dir darüber vor deinem Wechsel Gedanken gemacht?

Ich habe mir darüber auf jeden Fall Gedanken gemacht, weil es eine besondere Situation für den HSV ist. Der Druck in der zweiten Liga wird auf eine anderer Weise enorm sein. In der zweiten Liga wirst du nicht wie im Abstiegskampf in die Spiele gehen, um sie nicht zu verlieren, sondern um sie zu gewinnen, und meistens der Favorit sein. Jeder wird sich freuen, uns die Punkte abzuluchsen. Es wird 17 eklige Auswärtsspiele geben, in den dir keiner etwas Gutes wünscht. Darüber kann man vorher nachdenken, sich aber nur schwer vorbereiten.

Kann man die Situation mit der des FCK vergleichen?

Ein Stück weit haben sich die Gegner mehr gefreut, wenn sie den 1. FCK geschlagen haben, weil auch das ein sehr großer, traditionsreicher Club ist. Ich hoffe, dass wir uns als HSV noch mehr dagegen wehren.

Wird da der angesprochene Spaß nicht zu kurz kommen?

Das glaube ich nicht. Denn wir machen uns viele Gedanken, was wir mit dem Ball anstellen wollen. Das fängt beim Abstoß des Torwarts an. Wir haben nicht nur Plan A, den Ball lang zu hauen, sondern kriegen vom Trainerteam viele Optionen an die Hand, wie wir uns ins letzte Drittel spielen können. Im Vergleich zu meinen anderen Trainern ist das Verhältnis von eigenem Ballbesitz zum gegnerischen viel höher. Das gefällt mir sehr und wie ich es mitbekomme, auch den anderen.

Zu Lewis Holtby hast du schon seit den gemeinsamen Zeiten bei Alemannia Aachen einen sehr guten Kontakt. Was zeichnet euer Verhältnis aus?

Es zeigt, wie sehr einen der Fußball verbinden kann. Ich glaube man sieht, dass wir neben dem Platz nicht unbedingt die gleichen Typen sind. Er ist ein Stück weit extrovertierter und ich ein bisschen introvertierter. Aber als wir uns in der B-Jugend kennengelernt haben, waren wir immer die Ersten, die rausgegangen sind und die Letzten, die reingegangen sind. Wir sind beide positiv verrückt, wenn es ums Fußballspielen geht. Es ist schön, dass solche Freundschaften durch Fußball entstehen.