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Ralf Becker: „Acht ganz große Wochen für uns alle!“

Interview

22.03.19

Ralf Becker: „Acht ganz große Wochen für uns alle!“

Im Interview mit HSV.de ordnet HSV-Sportvorstand Ralf Becker die jüngsten Ergebnisse ein, spricht über die Lernprozesse der jungen Mannschaft und blickt auf den Saisonendspurt.   

Rund um das Volksparkstadion geht es nach einer verrückten HSV-Woche mit dem 4:0-Derbysieg gegen den FC St. Pauli und einer 2:3-Niederlage gegen den SV Darmstadt 98 in der gegenwärtigen Länderspielpause etwas ruhiger zur Sache. Eine kleine Trainingsgruppe arbeitet in Abwesenheit der zehn verreisten Nationalspieler besonders im individuellen fußballerischen Bereich. Am kommenden Dienstag werden die meisten Nationalspieler zurückkehren, so dass auch der Fokus im Mannschafstraining voll auf das nächste Punktspiel gegen den VfL Bochum (30. März, Anstoß 13 Uhr) gesetzt wird. HSV-Sportvorstand Ralf Becker (48) nutzt an dieser Stelle die Gelegenheit der Länderspielpause, um im Gespräch mit HSV.de unter anderem die jüngsten Ergebnisse einzuordnen und auf die bevorstehenden Aufgaben in den letzten acht Wochen der Saison zu blicken.     

Ralf, mit dem furiosen 4:0-Derbysieg und der bitteren 2:3-Niederlage gegen Darmstadt liegt eine verrückte HSV-Woche hinter uns. Wie ordnest du diese mit etwas Abstand ein? 

Wir wussten nach dem Abstieg um unsere Situation und die große Herausforderung, die vor uns liegt, um wieder aufzusteigen. Wir haben deshalb von Beginn an immer betont, dass wir bis zum Ende ruhig arbeiten müssen und dass es auch mal Rückschläge geben wird. Das Derby war das einzige Spiel, das fernab von unserem Saisonziel einen anderen, einen ganz eigenen Hintergrund hatte, dementsprechend haben wir das Spiel und auch den Sieg hervorgehoben. Das war für uns alle ein erfolgreicher und schöner Tag. Den Schwung aus diesem Spiel wollten wir mitnehmen und im Heimspiel gegen Darmstadt unbedingt nachlegen. Das ist uns zu Beginn gut gelungen, aber am Ende standen wir mit leeren Händen da. Da herrschte natürlich eine große Enttäuschung, weil die Fallhöhe unmittelbar nach dem Derby-Sieg so extrem groß war. 

Was könnte die Erklärung für eine derartige Leistungsschwankung und die fehlende Konstanz sein?

Wir landen bei der Analyse häufig bei einer ähnlichen Beurteilung wie auch schon bei anderen Rückschlägen in dieser Saison: Am Ende stehen sechs oder sieben Spieler auf dem Platz, die ihr erstes oder zweites Profi-Jahr bei uns absolvieren und die 21 Jahre oder jünger sind. Sie sind alle gut und wir sind überzeugt von ihrer Qualität, aber manchmal fehlt eben doch der entscheidende Tick Erfahrung und die nötige Cleverness. Das hat man im Spiel gegen Darmstadt einfach gesehen. Zudem hatte der eine oder andere Leistungsträger in diesem Spiel auch nicht seinen besten Tag und andere Spieler fehlten verletzt. Wenn das alles zusammenkommt, dann kann es passieren, dass man auch ein solches Spiel verliert. Auch wenn es nicht passieren sollte.

Bakery Jatta mit einer Flanke im Darmstadt-Spiel.
"So etwas darf nicht passieren, aber das müssen wir den jungen Spielern auf sachliche Art erklären, so dass sie schnell daraus lernen und es kein zweites Mal passiert", erklärt Becker zur 2:3-Niederlage gegen Darmstadt nach einer 2:0-Führung.

Wie fällt dann die unmittelbare Kritik an der Mannschaft aus?

Wir haben die jüngste Mannschaft, den jüngsten Kader und setzen voll auf die Jugend. Wenn ich erfahrene Spieler habe, die seit fünf oder zehn Jahren Bundesliga spielen, dann haben sie schon viele Situationen durchlaufen. Das haben unsere Spieler aber noch nicht. Unsere Spieler stecken noch voll in ihrer Entwicklung. Dann muss man mit der Kritik ein Stück anders umgehen. Man darf und muss schon kritisieren und Themen ansprechen, muss dabei aber immer berücksichtigen, dass die vielen jungen Spieler ihr Bestes geben, ihnen aber der letzte Erfahrungsschatz fehlt, um gewisse Spielsituationen zu meistern. Da stecken wir alle in einem Lernprozess.  

Gehört zu diesem Lernprozess auch, über 90 Minuten die volle Einstellung zum Spiel aufrechtzuerhalten? Gegen Darmstadt wirkte es so, dass die jungen Spieler sich nach der 2:0-Führung etwas an dem eigenen Spiel berauscht haben.

Ja, da gebe ich komplett Recht. Aber wann haben wir das letzte Mal hier daheim nach 20 Minuten mit 2:0 geführt? Wir haben die letzten Heimspiele zwar häufig gewonnen, aber konnten das Spiel oft erst in der Schlussphase entscheiden. Dieses Mal war es eine ganz neue Situation: Wir hatten den Rückenwind aus dem St. Pauli-Spiel, führen mit 2:0, das Stadion ist voll und die Stimmung überragend – daran hat sich der eine oder andere Spieler berauscht und dadurch die letzte Fokussierung auf das Spiel verloren, so dass plötzlich der Schlendrian drin war. Mit dieser Haltung zum Spiel haben wir den Gegner in der Halbzeit wissen lassen, dass hier noch etwas geht und dass er noch nicht tot ist. Und dann kamen in der 2. Halbzeit einfach alle Dingen zusammen, die zusammenkommen können. So etwas darf nicht passieren, aber das müssen wir den jungen Spielern auf sachliche Art erklären, so dass sie schnell daraus lernen und es kein zweites Mal passiert.    

Wie schwer wiegt in diesem Zusammenhang allgemein der Ausfall von einem so erfahrenen Spieler wie Aaron Hunt, der in solchen Spielsituationen einen besonderen Einfluss nehmen kann?    

Diesbezüglich haben wir auch von Beginn an gesagt, dass wir eine richtig gute Truppe haben, wenn alle Spieler fit sind und wir vom Verletzungspech verschont bleiben. Wenn dann einige Spieler ausfallen, wird es eng. Das ist aktuell der Fall. Und besonders ärgerlich wird es natürlich, wenn dann auch noch ein Kapitän wie Aaron, der sich hier in den vergangenen Jahren mit seinen Leistungen den Respekt und die Herzen der Leute erarbeitet hat, ausfällt. Es steht außer Frage, dass er uns mit seiner Erfahrung und seiner Spielintelligenz sehr fehlt, aber es bringt ja nichts, darüber zu jammern. Alle anderen müssen jetzt noch mehr in die Verantwortung gehen, weil wir trotz seines Ausfalls unsere Spiele gewinnen wollen.  

Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos steht nach einem Knorpelschaden im Knie vor seiner Rückkehr und könnte mit seiner Erfahrung aus 136 Bundesliga-Spielen (8 Tore, 3 Assists) der jungen Mannschaft helfen.

Auch Kyriakos Papadopoulos ist ein Spieler mit großer Erfahrung. Kann er noch eine Rolle spielen?

Wir befinden uns jetzt in der letzten Phase, um zu testen, in welchem Zustand er sich befindet. Wenn er bis zum Bochum-Spiel die Tage voll durchtrainieren kann, dann ist er wirklich wieder gesund und fit und wir müssen sehen, wie er uns helfen kann. Natürlich wissen wir, dass er von seiner Mentalität und Erfahrung her auf dem Platz ganz viel ausstrahlt. Wir sollten das Thema nicht zu groß machen, aber wenn er Ende März, Anfang April wieder zur Verfügung steht, ist das sicherlich eine sehr gute Nachricht für uns und er könnte ein Baustein für die letzten Wochen werden. Für ihn spricht neben seiner Mentalität und Erfahrung auch nochmal eine besondere Gefahr bei Standardsituationen durch seine große Kopfballstärke.   

Du sprichst den Saisonendspurt an. Wir starten mit einer Englischen Woche. Auswärtsspiel in Bochum und Pokal in Paderborn – wie gehen wir diese Woche an?

Es geht jetzt gleich zur Sache: Wir haben in der Liga noch acht Endspiele und wahnsinnig intensive Wochen vor uns. Wir biegen auf die Zielgerade ein und haben bei einem 400-Meter-Lauf die letzten 80 Meter vor uns. Wir müssen jetzt in der Englischen Woche direkt voll da sein. Es ist etwas schade, dass aktuell so viele Spieler bei der Nationalmannschaft sind und erst am Dienstag und Mittwoch nach Hamburg zurückkehren, aber unsere totale Fokussierung gilt dem Spiel in Bochum. Erst wenn wir das hinter uns haben, blicken wir auf den Pokal und wollen dann natürlich auch ins Halbfinale einziehen, wenn wir schon einmal im Viertelfinale stehen. Wir werden dann aus logistischen Gründen nach dem Spiel in Bochum auch bis zum Pokalspiel am Dienstag vor Ort im Hotel Klosterpforte bleiben, denn es macht keinen Sinn, spät am Samstagabend heimzukehren, am Sonntag auszulaufen und am Montag wieder runterzufahren. Wir wollen eine perfekte Vorbereitung in den drei Tagen absolvieren und können vor Ort viel schneller in die Regenerationsphase gehen. 

Wie bewertest du die Ausgangslage vor dem Saisonendspurt?

Wir sind auf dem 2. Tabellenplatz und haben drei Punkte Vorsprung auf den Drittplatzierten und sieben Zähler auf den Vierten. Die Ausgangskonstellation ist absolut okay. Es gibt deshalb überhaupt keinen Grund, nach der enttäuschenden Niederlage gegen Darmstadt irgendwie in Panik zu verfallen. Angst oder ein negatives Gefühl wären jetzt komplett der falsche Ansatz. Wir sind vollkommen überzeugt, am Ende unsere Ziele zu erreichen und haben die jüngsten Themen aufgearbeitet. Jetzt geht der Blick nach vorn, weil wir wissen, dass wir alles selbst in der Hand haben. Wir entscheiden, wie wir in Bochum spielen. Wir wissen um unsere Qualität, auch wenn ein paar Spieler ausfallen. Wir sind Zweiter und haben jede Woche die Möglichkeit, maßgeblich zu entscheiden, wie das Spiel ausgeht. Und entsprechend haben wir auch in der Hand, wer am Ende aufsteigt. Wir gehen da total selbstbewusst und positiv ran.

(Kopie 1)

Ralf Becker gestikuliert.
Ralf Becker betont, wie wichtig in den kommenden Wochen die Einsatzbereitschaft jedes Einzelnen und der Zusammenhalt zwischen allen HSVern sein wird.

Schaust du dabei nur auf uns oder läuft man Gefahr, zu intensiv auf die Konkurrenz zu gucken?

Das wäre ein großer Fehler. Wir müssen nur auf uns schauen und die totale Konzentration auf uns richten. Das ist das Einzige, was wir beeinflussen können. Wir haben null Komma null Einfluss auf die Leistungen und Ergebnisse der anderen. Union Berlin hat jetzt zum Beispiel in Heidenheim verloren und wir konnten diesen Ausrutscher gegen Darmstadt nicht nutzen – es bringt also einfach nichts, nur auf die anderen zu gucken. Wir müssen auf uns schauen, nach Bochum fahren und das Spiel gewinnen. Nochmal: Wir haben alles in der Hand, denn wir sind nicht in der Position, andere Mannschaften einholen zu müssen, sondern können selbst die Dinge entscheiden. Machen wir unseren Job gut, werden wir am Ende unser Ziel erreichen. Und davon bin ich absolut überzeugt, denn immer, wenn wir liefern mussten, dann haben die Jungs gezeigt, dass sie auf den Punkt da sind und Ergebnisse erzielen.    

Nach der Partie in Bochum gibt es noch drei schwere Auswärtsspiele bei den Top-3 der Heimtabelle: Köln, Union Berlin, Paderborn. Liegt der Schlüssel zum Aufstieg am Ende hier im Volkspark?

Das ist ein wichtiger Faktor. Abgesehen von einer wackeligen Anfangsphase haben wir – mit Ausnahme des vergangenen Spiels – in den Heimpartien eine sehr gute Entwicklung genommen. Wir waren neun Heimspiele in Folge ungeschlagen. Das ist und bleibt die absolute Basis. Wir waren daheim auf einen sehr guten Weg, wollen daran wieder anknüpfen und wenn möglich all unsere verbleibenden Heimspiele gewinnen. Damit können wir die Grundlage schaffen.

Was muss im Saisonendspurt außerdem alles passen, damit wir am Ende das große Ziel erreichen?

Wir reden hier über acht ganz große Wochen für uns alle und ich bin überzeugt, dass wir unser Ziel erreichen. Aber für diese acht Wochen und auch darüber hinaus gilt: Wir sind ein großartiger Club mit wahnsinnig tollen Fans und einer jungen, hungrigen Mannschaft, aber wir haben auch einen schweren Weg vor uns. Ich sage das in aller Deutlichkeit, denn ich bin der Meinung, dass die Leute immer besser damit umgehen können, wenn man eine Situation ehrlich beschreibt anstatt irgendwelche Geschichten zu erzählen. Deshalb: Jeder – Spieler und Fans – muss alles geben. Wir werden unsere Ziele nur gemeinsam erreichen, deshalb dürfen wir bei Rückschlägen nicht mit dem Finger aufeinander zeigen. Alle Rädchen müssen ineinandergreifen. Und dazu zählt eben auch, dass unser zwölfter Mann unserer jungen Mannschaft den einen oder anderen Fehler mehr verzeiht und sie aus einem Tal herausschreit, denn wir werden es nur gemeinsam hinkriegen.