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„Wir haben diesen Willen, dass wir noch mehr machen wollen“

Interview

29.11.18

„Wir haben diesen Willen, dass wir noch mehr machen wollen“

Er blieb dem HSV auch nach dem Abstieg treu, lebt Einsatz und Identifikation vor und hat in Ingolstadt sein bisher einziges Tor für die Rothosen geschossen: Gotoku Sakai ist ein optimaler Gesprächspartner vor dem Auswärtsspiel bei den Schanzern. 

Seitdem Gotoku Sakai im Sommer 2015 vom VfB Stuttgart zum HSV gewechselt ist, hat der Japaner bei den Rothosen eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. Nach einem soliden 10. Platz in seiner ersten Saison und der Last-Minute-Rettung 2017 folgte im vergangenen Sommer der bittere Gang in die 2. Liga. Direkt nach dem Abpfiff des letzten Saisonspiels bekannte sich der in New York geborene Abwehrspieler zum HSV und setzte damit ein erstes Zeichen für den Aufbruch in eine neue Zeit. Nach kleineren Anlaufschwierigkeiten haben sich die Rothosen inzwischen in der neuen Spielklasse akklimatisiert – und können sich dabei voll auf die Dienste des 27-Jährigen verlassen, der in allen Pflichtspielen in der Startelf stand. Im Interview mit HSV.de spricht der Asiate über seine Entscheidung, beim HSV zu bleiben, den Teamgeist in der jungen Truppe, seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft und seine neue Rolle im System von Hannes Wolf. 

Gotoku Sakai coacht Orel Mangala.
Obwohl der Japaner die Kapitänsbinde abgegeben hat, steht er seinen Mitspielern auch weiterhin mit Rat und Tat zur Seite.

Go, du hast im Sommer ein Zeichen gesetzt und deinen auslaufenden Vertrag beim HSV trotz des Abstiegs verlängert. Seitdem wurde beim HSV ein großer Umbruch vollzogen. Wie denkst du jetzt über deine Entscheidung und wie nimmst du die Stimmung im Team wahr?

Für mich war das die richtige Entscheidung, weil ich mit dem HSV unbedingt wieder in die Bundesliga aufsteigen will. Das war schon am Tag des Abstiegs mein Ziel. Insgesamt haben wir jetzt ein sehr junges Team und müssen noch viel lernen. Dabei möchte ich gerne helfen, indem ich viel mit den jungen Spielern rede. Bisher funktioniert die Mannschaft in der Zusammenstellung und wir haben eine gute Stimmung im Team.

Seit dem vergangenen Sommer bist du nicht mehr Kapitän. Hat sich deine Rolle innerhalb der Mannschaft dadurch verändert?

Die Binde zu tragen, ist eine richtig große Ehre. Daher habe ich mich immer gefreut und war stolz, wenn ich mit ihr auflaufen durfte. Das hat mir wirklich Kraft gegeben. Natürlich herrscht aber auch ein großer Druck, wenn man für diesen Traditionsverein spielt. Dadurch, dass ich das Amt im Sommer abgegeben habe, kann ich nun ein wenig befreiter aufspielen. Meine Rolle in der Mannschaft hat sich aber nicht verändert, da ich weiterhin helfe, wo ich kann. Zudem ist es mir wichtig, dass ich Aaron [Hunt, Anm. d. Red.] in seinem Wirken unterstütze.

Nachdem der HSV in der Bundesliga jahrelang gegen den Abstieg spielen musste, seid ihr in der 2. Bundesliga nun in quasi jedem Spiel Favorit und konntet dieser Rolle zuletzt auch oft gerecht werden. Was bedeutet diese veränderte Ausgangslage für die mentale Herangehensweise?

Ich glaube, dass es vor allem für die jungen Spieler eine wichtige Rolle spielt. Für sie war es schwer, ständig unter Druck zu spielen. Dennoch haben wir uns auch in der letzten Saison verantwortlich gefühlt und in jedem Spiel 100 Prozent gegeben. Leider sind wir trotzdem abgestiegen, aber wir konnten wichtige Erfahrungen sammeln. Jetzt spielen wir deutlich erfolgreicher und das macht natürlich mehr Spaß. Für mich persönlich ist das ein großer Unterschied, weil wir jetzt immer Fußball spielen und gewinnen wollen. Das ist eine positive Kettenreaktion. Jeder will den Ball haben. Das ist einfach eine andere Situation. Natürlich machen wir trotzdem kleine Fehler, aber die wollen wir dann verbessern, um unser Niveau anzuheben. Wir haben diesen Willen, dass wir immer noch mehr machen wollen, obwohl wir oben stehen.

Du bist nach der WM aus der japanischen Nationalmannschaft zurückgetreten, um dich voll auf die Aufgabe beim HSV zu fokussieren. Wie wirkt sich das bisher auf deinen körperlichen Zustand aus?  

Ich fühle mich auf jeden Fall viel frischer, da ich deutlich weniger Zeit im Flugzeug verbringe. Natürlich vermisse ich die Nationalmannschaft, denn für mich war es immer eine große Ehre, für mein Land zu spielen. Ich habe aber als Spieler die Entscheidung getroffen, dass ich 120 Prozent für den HSV geben möchte. Es macht aus meiner Sicht einfach Sinn, dass ich mich jetzt voll auf den Club konzentrieren kann. 

Gotoku Sakai treibt im Training den Ball.
Der 27-Jähre legt extrem viel Wert auf seine Fitness und arbeitet vor, im und nach dem Training sehr gewissenhaft an seinem Körper.

In Bezug auf deine Fitness fällt auf, dass du quasi nie verletzt bist. Was ist dein Geheimnis und welche Rolle spielen Ernährung und Schlaf für dich?

Ein Fußballer darf nicht nur Fußball spielen. Das heißt, dass man sich gut vorbereiten muss, wenn man nicht verletzt sein will. Dabei sind Schlaf und Ernährung natürlich wichtige Faktoren. Zudem spielt die Fitness eine große Rolle, an der ich vor und nach dem Training arbeite. Vorbereitung ist einfach alles. Ich will schon mit 80 Prozent in das Training reingehen, damit ich nach dem Aufwärmen direkt bei 100 Prozent bin. Ich habe in Japan einen eigenen Physiotherapeuten und Athletiktrainer. Mit denen telefoniere und schreibe ich täglich und spreche ab, was ich essen soll oder wie wir meinen Schlaf steuern. Sie geben mir immer Feedback und wissen genau, was mein Körper braucht.

Bei Hannes Wolf agierst du im Spielaufbau teilweise etwas eingerückt, um eine Anspielstation im Halbraum zu schaffen. Inwiefern erinnert dich dieser Ansatz an die Vergangenheit, als du zeitweise auf der „Sechs“ gespielt hast?

Mir persönlich macht das sehr viel Spaß. Ich habe viele Ballaktionen und kann mich am Spielaufbau beteiligen. Ich bin sehr flexibel und kann den Gegner so vor Probleme stellen. Wir haben viele gute Spieler in der Mannschaft, die miteinander kicken können. Ich erinnere mich natürlich beispielsweise an die Zeit unter Markus Gisdol, als ich auch im defensiven Mittelfeld gespielt habe. Da hatte ich auch ein gutes Gefühl und konnte viel bewegen. Jetzt ist die Rolle etwas anders, aber bisher klappt es sehr gut. Dennoch will ich mich natürlich noch weiter verbessern.

Für die Profis von Albirex Niigata hast du 85 Pflichtspiele bestritten, für den VfB Stuttgart deren 106. Für die Rothosen sind es aktuell 105. Dementsprechend wird der HSV wohl sehr zeitnah der Club sein, für den du meisten Pflichtspiele in deiner Karriere absolviert hast. Was bedeutet dir der HSV?

Ich mag diesen Club einfach. Die Fans schaffen eine unglaubliche Atmosphäre, bei der ich immer noch Gänsehaut bekomme. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich zum Stadion komme. Inzwischen ist der HSV auf jeden Fall mein Lieblingsclub in Deutschland. Ich habe auch in Stuttgart viel gelernt, aber hier beim HSV habe ich einfach so viel erlebt, das ist schon speziell. In meiner ersten Saison sind wir Zehnter geworden, im Jahr danach haben wir am letzten Spieltag den Klassenerhalt geschafft. Das war der schönste Moment in meiner Fußballkarriere. Letzten Sommer sind wir dann zwar abgestiegen, aber trotzdem fand ich es beeindruckend, dass wir als Club und Mannschaft nie aufgegeben haben. Wie die meisten Fans im Stadion reagiert haben, nachdem wir abgestiegen sind, war einfach unglaublich. Ich habe deswegen auch geweint, weil ich so traurig war, dass ich nicht dabei helfen konnte, dass wir in der Bundesliga bleiben. Das war sehr emotional.

Dein bisher einziges Pflichtspieltor für den HSV hast du im Januar 2017 in Ingolstadt geschossen. Planst du am Samstag den zweiten Streich? 

Wenn ich so eine ähnliche Chance wie damals bekomme, dann werde ich auf jeden Fall wieder schießen (lacht). Wichtig ist aber vor allem, dass wir wieder die Spielfreude entwickeln und viele Aktionen nach vorne haben. Zudem haben wir gegen Union Berlin einige Fehler in der Absicherung gemacht, die wir nun beheben wollen. Es ist wichtig, dass wir uns in dem Bereich weiter verbessern. Wir wollen am Samstag drei Punkte mitnehmen und dazu möchte ich meinen Beitrag leisten.