Zum Inhalt springen

Sören Bertram: „Die ganze Region fiebert dem Spiel entgegen“

Gegner-Check

08.11.18

Sören Bertram: "Die ganze Region fiebert dem Spiel entgegen"

Er wurde in der Jugend des HSV ausgebildet, bestritt insgesamt drei Pflichtspiele für die Profis und steht inzwischen beim FC Erzgebirge Aue unter Vertrag: Sören Bertram kennt beide Clubs bestens und blickt mit Vorfreude auf das anstehende Zweitliga-Spiel. 

Mittwoch, 2. Dezember 2009: Es läuft die 87. Minute im Spiel gegen den SK Rapid Wien, als Sören Bertram am Spielfeldrand für seine Einwechslung bereitsteht. Wenige Augenblicke später betritt der damals 18-Jährige den Rasen im Volksparkstadion und feiert damit in der UEFA Europa League sein Profi-Debüt für den HSV. Auf diesen Moment hat der in Uelzen geborene Flügelspieler lange hingearbeitet. Über die Stationen Teutonia Uelzen und FC St. Pauli war der Blondschopf im Juli 2005 zu den Rothosen gekommen. Seitdem zählte der ballgewandte Dribbler stets zu den auffälligen Spielern in seinem Jahrgang und absolvierte insgesamt 27 Spiele für die Nachwuchs-Nationalmannschaften des DFB. Der erste Einsatz bei den HSV-Profis war dann der endgültige Startschuss für die Karriere im Herrenbereich.  

Nach seiner Premiere im Dress mit der Raute auf der Brust lief Bertram im April 2010 noch in zwei Bundesliga-Spielen für den HSV auf, ehe er zum FC Augsburg verliehen wurde. Im Sommer 2011 erfolgte die Rückkehr und ein darauf folgendes Jahr in der Regionalliga-Mannschaft. Anschließend wechselte der gebürtige Niedersachse auf fester Basis zum VfL Bochum und verabschiedete sich damit endgültig von seinem langjährigen Ausbildungsverein. Seitdem vergingen mehr als sechs Jahre, sodass die Kontakte in die alte Heimat inzwischen etwas eingerostet sind, wie Bertram gegenüber HSV.de zu Protokoll gibt: „Mit Tom Mickel schreibe ich ab und zu, aber das ist auch schon etwas länger her. Dazu kenne ich Pierre-Michel Lasogga recht gut, da ich gegen ihn in der Jugend gespielt habe, als er noch beim VfL Wolfsburg war. Ich freue mich auf jeden Fall, die beiden Jungs wiederzusehen.“ Die Möglichkeit dazu bietet sich am kommenden Sonnabend (10. November, ab 12:45 Uhr live im HSVnetradio), wenn der HSV beim jetzigen Verein von Bertram gastiert – dem FC Erzgebirge Aue. 

Sören Bertram im DFB-Trikot treibt den Ball.
Sören Bertram absolvierte für die U18-, U19- und U20-Nationalmannschaft insgesamt 27 Länderspiele und konnte zwei Tore beisteuern.

Rückschlag nach dem Startschuss

Bevor der Flügelstürmer jedoch in Sachsen anheuerte, wechselte er zunächst auf Leihbasis aus dem Ruhrpott zum Halleschen FC. Bei den Saalestädtern wollte Bertram seiner Karriere neuen Schwung verleihen, nachdem er in Bochum nur drei Einsätze für die Profis verzeichnen konnte. Im Nachhinein war diese im Sommer 2013 getroffene Entscheidung eine gute, denn bei den Hallensern ließ Bertram sein Talent immer häufiger aufblitzen und steuerte in 36 Drittliga-Spielen insgesamt 17 Scorerpunkte bei. Auch nach der festen Verpflichtung durch den HFC überzeugte der Linksfuß mit starken Leistungen und war ein hoch gehandelter Wechsel-Kandidat anlässlich des Sommer-Transferfensters 2016. Bis zum 10. April und einem verhängnisvollen Zweikampf im Spiel gegen den Chemnitzer FC. In einer unglücklichen Situation riss sich Bertram das Kreuzband und sah damit einer monatelangen Zwangspause entgegen. Nach seinem Startschuss beim HSV war dies der erste, leider negative Wendepunkt in der noch jungen Karriere von Bertram: „Alle bis dahin interessierten Clubs haben nach der Verletzung von einer Verpflichtung Abstand genommen.“ Ein Verein aber hielt sein Interesse aufrecht und war trotz des Unfalls an den Diensten des einstigen Jugend-Nationalspielers interessiert: „Erzgebirge Aue war der einzige Verein, der meiner Stärke vertraut hat.“ Nach dem vollzogenen Transfer zu den „Veilchen“ kämpfte Bertram in der Reha um den Anschluss an den Profikader und feierte schließlich im März 2017 Comeback und Debüt zugleich, als er beim Auswärtsspiel in Bielefeld sein erstes Pflichtspiel für den neuen Club bestritt. Seitdem lief der inzwischen 27-Jährige in 43 weiteren Spielen für den FC Erzgebirge auf und gehörte dauerhaft zum erweiterten Stamm der Mannschaft. 

Angeleitet wurde er in seinen etwas mehr als zwei Jahren bei den Sachsen von äußerst interessanten Übungsleitern, deren Verpflichtungen allesamt auf das besondere Trainer-Scouting des Clubs zurückzuführen sind. So wurde der Klassenerhalt 2017 mit Domenico Tedesco realisiert, der nach seiner erfolgreichen Mission im „Schacht“ zum FC Schalke 04 wechselte. Ebenso wie Tedesco wurden auch Hannes Drews, der im Verlaufe der Saison 2017/18 übernahm und der jetzige Trainer – Daniel Meyer -  aus den Nachwuchsleistungszentren von anderen Proficlubs abgeworben. Eine Philosophie, die Bertram gefällt: „Domenico Tedesco war ein absoluter Glücksgriff und hat sowohl dem Verein als auch der Mannschaft viel gegeben. Wir profitieren immer noch von seiner Arbeit. Auch unter Hannes Drews haben wir uns stetig weiterentwickelt. Ich finde die Philosophie interessant. Aue ist eben ein gutes Sprungbrett für Spieler und Trainer.“ 

Sören Bertram verteidigt den Ball gegen den FC St. Pauli.
Für den FC Erzgebirge Aue bestritt der 27-Jährige bis dato 44 Pflichtspiele. In seiner Bilanz stehen sieben Tore und zwei Vorlagen.

Positiver Wendepunkt als Highlight

In letzter Instanz entscheidend für diese Ausrichtung ist Helge Leonhardt. Der erfolgreiche Unternehmer ist Präsident des Vereins und zählt mit seiner extrovertierten Art zu den auffälligeren Figuren im deutschen Profifußball. Aus der Perspektive von Bertram stellt der 59-Jährige ein Vorbild dar: „Er ist ein Typ, der seine Meinung sagt. Wir wünschen uns doch immer diese Typen zurück, die im Fußball ihre Meinung sagen. Unser Präsident ist das beste Beispiel dafür. Der Profifußball könnte mehr von solchen Typen vertragen.“ Echte Typen hat auch der FCE gebraucht, als die Mannschaft im vergangenen Sommer in der Relegation um den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga gespielt hat. Nach einem 0:0 im Hinspiel standen die Sachen im Rückspiel vor eigenem Publikum enorm unter Druck und brauchten eine gute Leistung, um den Abstieg zu verhindern. Etwas mehr als zwei Jahre nach seinem Kreuzbandriss war es schließlich Sören Bertram vorbehalten, diesem Spiel seinen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Mit einem Hattrick sorgte er quasi im Alleingang für den 3:1-Heimsieg und den damit verbundenen Verbleib in Liga Zwei. Für den Protagonisten schloss sich mit diesem Tag ein Kreis. Es war der zweite, dieses Mal aber positive Wendepunkt in der Laufbahn: „Die Verpflichtung trotz meines Kreuzbandrisses war damals schon ein krasser Vertrauensbeweis. Ich bin froh, dass ich mit den drei Toren in der Relegation etwas zurückzahlen konnte.“

In der laufenden Saison spielt der Traditionsverein eine solide Rolle und steht mit 14 Punkten aus 12 Spielen auf Platz 13 der Tabelle. Für die ehemalige Rothose hingegen ist die Spielzeit bisher eher suboptimal verlaufen. Nach einigen Startelf-Einsätzen zu Beginn der Serie musste sich der Relegations-Held zuletzt mit einer Joker-Rolle zufriedengeben. Ein Zustand, der den ambitionierten Offensivspieler naturgemäß nicht glücklich macht: „Natürlich habe ich mir mehr Spielzeit erhofft, aber darüber entscheidet eben der Trainer. Die Saison ist noch lang. Wenn ich gespielt habe, ist meine Bilanz nicht so schlecht. Ich habe mir für den weiteren Saisonverlauf viel vorgenommen.“ Die nächste Chance für eine Verbesserung der persönlichen Lage bietet sich nun ausgerechnet gegen den HSV. Ob Bertram gegen seinen Ex-Verein zum Einsatz kommt oder gar von Beginn an spielt, konnte er natürlich noch nicht voraussagen, so oder so prophezeit Bertram den Hanseaten aber einen heißen Tanz: „Wenn man bedenkt, dass Aue knapp 16.000 Einwohner hat und ins Stadion 16.000 Leute reinpassen, dann weiß man, was hier los ist. Die ganze Region fiebert dem Spiel entgegen. Es ist eben nicht alltäglich, dass der HSV vorbeikommt. Es wird eine geile Atmosphäre in einem kleinen, schicken Stadion. Wir freuen uns alle auf das Spiel.“ Völlig unabhängig davon, wie das Spiel am Sonnabend ausgeht, steht für die ehemalige Rothosen aber eines ganz sicher fest: „Der HSV gehört auf jeden Fall in die Bundesliga!“ 

(Kopie 1)