
29.03.2022
HSV-Frauen: Nachhaltig zum Erfolg
Das mittelfristige Ziel der Fußballerinnen des Hamburger SV ist die Rückkehr in den Bundesliga-Fußball. Eine wichtige Säule dabei ist die Nachwuchsarbeit, die intensiv und nachhaltig betrieben wird. In der aktuellen Ausgabe der HSVlive wird der eingeschlagene Weg näher erläutert.
Es ist nicht schwierig, sich auszumalen, dass es in der Kabine der HSV-Fußballerinnen auch mal lauter werden kann. Sei es beim Jubel nach einem gewonnenen Spiel, einer emotionalen Ansprache nach 90 intensiven Minuten oder ganz einfach durch intensive Musikbeschallung im Rahmen einer Partie – die Kabine ist ein lebendiger Ort. Wenn man aber den Gerüchten aus dem Umfeld der HSV-Frauen Glauben schenken darf, wird es besonders laut, wenn für eine oder mehrere Spielerinnen eine Berufung für ein Juniorinnen-Nationalteam die Runde macht. „Unser Teamgeist ist überragend“, bestätigt Lewe Timm, der seit dieser Saison die Regionalliga-Fußballerinnen der Rothosen trainiert. „Wenn eine Spielerin eine Einladung zum Nationalteam erhält, freuen sich alle mit, als wären sie selber berufen worden.“
Grund zur Freude gab es in dieser Spielzeit schon genug: Im Februar etwa waren fünf Spielerinnen des Regionalliga-Teams mit ihrer nationalen Auswahl unterwegs, dazu waren auch vier Fußballerinnen der B-Juniorinnen auf Länderspielreisen. Eine Entwicklung, die nur folgerichtig ist. „Wir ernten zunehmend die Früchte unserer Nachwuchsarbeit“, sagt Catharina Schimpf, Koordinatorin Frauenfußball im HSV, für die eines wichtig ist: „Wir legen einen starken Fokus auf die kontinuierliche und nachhaltige Förderung des Nachwuchses.“ Die Talente, die beim HSV spielen, kommen schon längst nicht mehr nur aus Hamburg, sondern auch aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Mit Paulina Bartz (2.v.l.) Marlene Deyß, Hannah Günther, Svea Stoldt (r.) und Emily Wallrabenstein waren gleich fünf HSV-Fußballerinnen bei den U17-Länderspielen gegen Dänemark dabei – kein Verein stellte mehr Spielerinnen. Stoldt bejubelt hier ihren Treffer zum 1:1. Foto: DFB/Getty Images
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Strukturell ist der Verein dafür gerüstet: Für Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfeunterricht und einen Fahrdienst ist gesorgt, dazu sind Konzepte für Spielerinnen-WGs und Gastfamilien in Arbeit. In engem Austausch mit dem Nachwuchsleistungszentrum gibt es zudem diverse Möglichkeiten für physiotherapeutische Behandlungen und die Nutzung des Kraftraums. „Unser Ziel ist es, alle unsere Nationalspielerinnen im Verein zu halten und bestenfalls weitere auszubilden“, sagt Schimpf. Um dies zu ermöglichen, sollen die Spielerinnen auf möglichst hohem Niveau gefordert werden: Mittelfristig strebt der HSV an, in den Bundesliga-Fußball zurückzukehren – der aktuell erste Tabellenplatz der Regionalliga Nord berechtigt zur Teilnahme an den Aufstiegsspielen für die 2. Bundesliga.
HSV-Trainer Timm sagt über den eingeschlagenen Weg: „Wir tun alles, um es unseren Spielerinnen zu ermöglichen, ihre maximale Leistung abzurufen.“ Mit einem Altersschnitt von rund 20 Jahren gehört sein Kader zu den jüngsten Teams der Liga – einige Spielerinnen wie die 16-jährige Svea Stoldt gehen noch zur Schule. „Bei uns im Kader sind viele heranwachsende junge Frauen“, sagt Timm. „Sie stecken natürlich in einer sehr wichtigen Phase in ihrem Leben, die mit körperlichen und psychischen Veränderungen verbunden ist.“ Um die Spielerinnen dabei zu begleiten, setzt der Trainer, selbst vierfacher Vater, vor allem auf ein offenes Ohr: „Kommunikation ist das Wichtigste“, weiß Timm, der vor seiner Zeit bei den HSV-Frauen jahrzehntelang im Nachwuchsbereich gearbeitet hat.
Für die optimale Ausbildung jeder einzelnen Spielerin gibt es individuelle Lösungen: So verbrachten Marlene Deyß oder auch Svea Stoldt die Anfangsphase der Saison bei der U17, bevor sie zu ihren ersten Einsätzen bei den HSV-Frauen kamen. Auch im DFB-Pokal-Achtelfinale, das die HSV-Frauen nur knapp mit 0:1 gegen den Bundesligisten SGS Essen verloren haben, standen die beiden Talente über neunzig Minuten auf dem Platz. Zusätzlich dazu absolvieren sie wöchentlich eine Einheit bei den Junioren des TSV Glinde, um weitere Impulse zu erhalten.
Ein anderer Weg ist es, länger in der U17 zu spielen, um dort Führungsaufgaben zu übernehmen, und mit einer Einheit pro Woche beim Regionalliga-Team an das Niveau im Erwachsenenbereich herangeführt zu werden. Auch Einsätze bei den zweiten Frauen, die als U23 fungiert und momentan in der Oberliga Hamburg spielt, sind eine Option. „Mit unserer U23 wollen wir langfristig ein bis zwei Ligen unter unseren ersten Frauen spielen“, sagt Catharina Schimpf. „So können wir Spielerinnen mit viel Potenzial, für die der Schritt zu den ersten Frauen vielleicht noch etwas zu früh kommt, eine optimale Förderung bieten.“
Der Schlüssel für die jeweils beste individuelle Förderung heißt erneut: Kommunikation. „Der Austausch zwischen den Frauen- und Juniorinnenteams ist sehr eng“, sagt Niels Quante, der die U17-Juniorinnen der Rothosen trainiert. Seine Aufgabe: Möglichst viele Spielerinnen so auszubilden, dass sie den Schritt zu den 1. Frauen schaffen. Deyß und Stoldt, die den Sprung bereits gemeistert haben und auch für die Juniorinnen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auflaufen, sind da nur zwei Beispiele. Angenehmer Nebeneffekt der erfolgreichen Nachwuchsarbeit: Momentan belegen die Rothosen Platz eins der B-Juniorinnen-Bundesliga.
In Zweiergesprächen mit den Trainerinnen und Trainern der anderen HSV-Teams, aber auch in größerer Runde tauscht sich der 28-jährige Quante regelmäßig über die Entwicklung und Trainingssteuerung diverser Spielerinnen aus und hat einen guten Überblick über die Talente, die im Nachwuchs spielen. Er weiß: „Auch bei den jüngeren Teams wird sehr gut gearbeitet. Die Talente, die in den nächsten Jahren hochkommen werden, sind sehr vielversprechend.“
Grund zur Freude für die U17-Juniorinnen des HSV: Der Übergang in den Frauenbereich funktioniert nahtlos – und in der Liga belegen die Rothosen Platz eins.
Vielversprechend ist auch die nähere Zukunft: Voraussichtlich im Juni steht die Meisterrunde der B-Juniorinnen-Bundesliga an, für welche die U17-Fußballerinnen mit ihrem aktuellen Tabellenplatz qualifiziert wären. Auch die U23 des HSV, die momentan Platz zwei der Oberliga Hamburg belegt, darf sich gute Chancen auf die Aufstiegsspiele zur Regionalliga ausrechnen, die ebenfalls im Juni stattfinden.
Und auch international ist einiges geboten: Spielerinnen wie Emilia Hirche, Larissa Mühlhaus und Sophie Nachtigall, die zuletzt für die U19-Juniorinnen des DFB berufen wurden, dürfen sich Hoffnungen auf weitere Einsätze im Nationaltrikot machen. Mit der U19-Europameisterschaft in Tschechien, die von Ende Mai bis Anfang Juni dieses Jahres ausgetragen wird, befindet sich ein Highlight bereits in Sichtweite. Bereits im Mai findet die Europameisterschaft der U17-Juniorinnen statt – und auch dort haben einige HSV-Talente gute Chancen, ihr erstes großes Turnier zu absolvieren. „Erfolgreiche Spielerinnen und Spieler haben in ihrer Jugend oft große Turniere gespielt“, weiß Lewe Timm. „Das ist eine ganz wichtige Erfahrung.“ Und klar ist auch: Bei einer Nominierung für ein internationales Turnier dürfte es in der Kabine der HSV-Frauen erneut etwas lauter werden.