
Saison
05.08.26
Die Doggen aus Lille im Volkspark: Die wollen nur spielen
Am Sonnabend bestreiten die Rothosen zu Hause ein Testspiel über 3x 45 Minuten gegen die Franzosen. HSV.de hat sich den Gegner einmal näher angeschaut.
Achtung! Immer schön im Takt bleiben! Unter der Woche heißt es: Training, Training, Training. Am Sonnabend (8. August) folgt dann der Tanz: Das Gelernte direkt unter Wettkampfbedingungen auf den Rasen bringen. So groovt sich der HSV in die neue Spielzeit ein. Dieser Modus gilt selbstverständlich nicht nur für die Spieler, sondern für alle, die es mit der Raute halten. Also auch für alle Leserinnen und Leser hier an dieser Stelle. Insofern: mal kurz straffen! Der „Home Ground“ wird von Herzogenaurach vor den Home-Computer beziehungsweise das mobile Endgerät verlegt. Heute auf dem HSV.de-Trainingsplan: Gegnervorbereitung. Der aufgeforderte Tanzpartner kommt aus Frankreich, und der Volkspark-DJ hat dafür die Maxi-Version im Repertoire: 3x 45 Minuten gegen Lille. Anstoß ist am Sonnabend um 15 Uhr. Tickets gibt es hier.
Vorher heißt es aber noch einmal: Vollgas geben! Wir machen deshalb hier, nach dem ersten Absatz, mal kurz den Merlin: „Let’s go!“ Nicht wegklicken oder -wischen. Hier wird bis zu Ende gelesen! „All-in! … Go, go, go!“
Traditionell: bissig
Der Lille Olympique Sporting Club also, kurz Lille OSC oder einfach nur LOSC. Ein französischer Traditionsclub par excellence. Das nordfranzösische Bergbaurevier rund um Lille, unmittelbar an der Grenze zu Belgien gelegen, gehörte zu den frühen Fußball-Hochburgen im Nachbarland. Der LOSC wurde 1902 als Olympique Lillois auf der Taufe gehoben, 1941 beziehungsweise 1944 fusionierte er mit dem Iris Club Lillois und dem SC Fives zum Großclub unter der heutigen Bezeichnung. 1932/33 Gründungsmitglied der französischen Eliteklasse (bis 2002 „Division 1“) und gleich deren erster Champion. Mit insgesamt 64 Saisons auf oberstem Level in der Ewigen Tabelle auf Rang 6 gelistet, direkt hinter der ruhmreichen Konkurrenz von Olympique Marseille, Girondins Bordeaux, AS Monaco, AS Saint-Etienne und Olympique Lyon. Fünf Meistertitel und sechs Coupes de France schmücken den Trophäenschrank im rund 50.000 Zuschauer fassenden „Stade Pierre-Mauroy“, das nach dem Bürgermeister benannt wurde, der fast drei Jahrzehnte lang der Stadt Lille vorstand.
Die Kicker des LOSC tragen traditionell den Dress in den schmucken Club-Farben Rot, Marineblau und Weiß und hören seit den 1920er-Jahren auf den Spitznamen „Les Dogues“ („Die Doggen“). Der geht zurück auf einen Artikel der Sportzeitung „L’Auto“, in dem der Reporter nach einem überraschenden Sieg gegen den Racing Club de Paris den großen Kampfgeist der damaligen Mannschaft lobend mit bissigen Doggen verglich, die einfach nicht lockerlassen. Der Spitzname gefiel Fans und Spielern so gut, dass er dauerhaft hängenblieb. Seit den 1980er-Jahren ziert entsprechend auch eine Dogge – im Laufe der Zeit grafisch modifiziert – offiziell das Vereinswappen des Clubs aus der Arbeiter- und Studentenstadt.
Aktuell: erfolgshungrig
Absolut führend war Lille im Jahrzehnt nach Ende des Zweiten Weltkriegs: außer den erspielten zwei Meister- und fünf Pokaltiteln stand die Mannschaft auch noch in zwei weiteren Cup-Finals und wurde zusätzlich viermal Vizemeister. Dieser alte Glanz wurde zuletzt kräftig aufpoliert. Der LOSC ist neben der AS Monaco (2016/17) der einzige und bislang auch der vorerst letzte Club (2020/21), der die Dominanz von Serienmeister Paris Saint-Germain (12 Meisterschaften seit 2012) brechen konnte. In der abgelaufenen Spielzeit belegten die „Doggen“ hinter PSG und dem RC Lens einen starken dritten Platz und qualifizierten sich – auch dank einer überragenden Rückrunde mit 13 ungeschlagenen Punktspielen am Stück direkt für die aktuelle Ausgabe der Champions League. Lille spielt damit zum vierten Mal in Folge europäisch. Vergangene Saison ging es in der Europa League bis ins Achtelfinale, in dessen Vorrunde der spätere Finalist SC Freiburg mit 1:0 bezwungen wurde, im K.o.-Duell aber der spätere Sieger Aston Villa (0:1 und 0:2) zweimal stärker war.
Gegenspieler: dicke Brocken
Für den HSV also ein Tanzpartner aus der S-Klasse. Einer, der auf dem Parkett gerne die Führung übernimmt. Der Spielstil der Franzosen zeichnet sich durch taktische Disziplin, spielerische Kontrolle im Mittelfeld und ein strukturiertes Offensivspiel aus. Die Mannschaft agiert meist in einer flexiblen Grundordnung wie dem 4-2-3-1 und legt großen Wert auf Ballbesitz sowie geduldiges Aufbauspiel, ohne dabei die defensive Stabilität zu vernachlässigen. Bissig halt. Für den Gegner extrem nervig.

Das Personal dafür ist äußerst namhaft: Allein fünf WM-Teilnehmer stehen im aktuellen LOSC-Kader: Die beiden defensiven Mittelfeldspieler Nabil Bentaleb, der ehemalige Schalker (Algerien), sowie Ngal'ayel Mukau (DR Kongo), zwei Belgier mit Innenverteidiger Nathan Ngoy und Mittelstürmer Matias Fernandez-Pardo und vor allem Ayyoub Bouaddi aus Marokko. Der erst 18-jährige zentrale Mittelfeldmann begeisterte mit seiner Übersicht und Omnipräsenz vor allem im starken Auftaktspiel der Nordafrikaner gegen Brasilien (1:1) und steigerte während des Turniers seinen ohnehin schon beträchtlichen Marktwert von 50 Millionen Euro laut Einschätzung der Experten von „transfermarkt.de“ auf schwindelerregende 80 Millionen Euro.
Es ist schwer anzunehmen, dass – ähnlich wie beim HSV – diese WM-Fahrer am Sonnabend mit von der Partie sein werden. Lille ist nämlich in einem ähnlichen Tanz-Rhythmus unterwegs wie der HSV: Pflichtspielstart am vierten August-Wochenende (23. August) mit einem Auswärtsspiel beim Angers SCO, fünf Tage später dann zum Heimspiel-Auftakt gleich der große Showdown mit Champions-League-Sieger und Titelverteidiger PSG. Viele Möglichkeiten zu testen gibt es bis dahin für die Nordfranzosen nicht mehr. Geplant ist nach dem HSV-Spiel genau genommen nur noch eine am 15. August kurioserweise beim letzten HSV-Spielpartner FC Everton in Liverpool.
Auch der Rest des Doggen-Rudels, das um einen Platz in der Startformation bellt, ist hochinteressant. Exemplarisch genannt seien ein weiterer Youngster mit dem 19-jährigen Rechtsaußen Ethan Mbappe, dem kleinen Bruder von WM-Torschützenkönig Kylian. Dazu der fast 40-jährige Mittelstürmer Olivier Giroud, mit dem voraussichtlich ein weiterer Weltmeister den Rasen des Volksparks adeln wird. Nicht zu vergessen das neue „Herrchen“ auf der Trainerbank: Davide Ancelotti, langjähriger Co-Trainer seines Vaters Carlo bei diversen namhaften Stationen, zuletzt bei der WM für Brasilien, nach seinem Engagement bei Botafogo Rio de Janeiro (Juli bis Dezember 2025) nun in seinem zweiten Engagement als hauptverantwortlicher Cheftrainer.
Match-Historie: Zähne ausgebissen
Noch schnell, zum Ende unserer heutigen Einheit, ein ganz wichtiger Move (Links vor – Rechts vor – Links seit – Rechts anziehen) für den Tribünen-Spickzettel und weitere Trittsicherheit: Zweimal traf der HSV bislang freundschaftlich auf den LOSC. Im Sommer 1950 gab es vor 10.200 Zuschauern auf dem Victoria-Sportplatz in Hoheluft nach 0:2-Pausenrückstand ein 2:2 gegen den damaligen französischen Vizemeister. Die HSV-Treffer erzielten Heinz Trenkel und Erich Ebeling. Und rund 30 Jahre später, Mitte Juli 1980, stand es im Rahmen des „Tournoi de la Communaute Urbaine de Lille“ vor 7.000 Beobachtern nach 90 torlosen Minuten ebenfalls remis. Im anschließenden Elfmeterschießen trafen dann alle vier antretenden Franzosen vom Punkt gegen Keeper Uli Stein, beim HSV jedoch nur Ditmar Jakobs und Willi Reimann, während „Manni“ Kaltz und Horst Hrubesch verschossen.
So, das wäre geschafft! Sauber, sehr gut durchgezogen! Und damit absolut bereit für den XXL-Test mit mindestens 135 Minuten Fußball und der letzten Chance, den HSV vor dem Pflichtspielstart noch einmal direkt vor der Haustür und in aller Ausführlichkeit zu studieren. Ein Rhythmus, bei dem man unbedingt mitmuss. Wir geben spontan zwei Tage frei und sehen uns dann am Sonnabend im Volkspark. Allez!
