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HSV.de Kinga, dein Name wird unter anderem mit „Kämpferin für ihr Geschlecht oder ihre Sippe“ übersetzt. Spiegelt das deine Persönlichkeit wider?
Kinga Szemik: Ich würde auf jeden Fall sagen, dass ich jemand bin, der für das kämpft, was er im Leben erreichen möchte. Ich habe immer für meine Träume gekämpft. Ich hatte einen Plan: in die USA zu gehen, dort zu studieren und anschließend professionelle Fußballerin zu werden. Der Weg war nicht einfach, denn Träume sind nur Träume – damit sie wahr werden, muss man viel opfern. Das habe ich getan. Ich kämpfe immer bis zum Ende. Insofern ist es wohl kein Zufall.
Wie bist du überhaupt zum Fußball gekommen – und wie kam es dazu, dass du im Tor gelandet bist?
Ich bin mit vielen Geschwistern aufgewachsen – ich habe vier Schwestern und sechs Brüder. Davon bin ich die Jüngste. In unserer Freizeit haben wir mit Nachbarn und Cousins Sport gemacht, und Fußball war einer davon. Als Kind habe ich eigentlich alles ausprobiert: Fußball, Volleyball, Karate, Schach, Bogenschießen. Mit acht Jahren kam ich zu meiner ersten Mannschaft, zusammen mit den Jungs. Als junges Mädchen in einer solchen Umgebung akzeptiert zu werden, war nicht einfach. Ins Tor hat mich damals mein Trainer gestellt, weil ich so groß bin. Viel mitzureden hatte ich damals ehrlich gesagt nicht. (lacht) Am Anfang war ich natürlich nicht begeistert, weil Kinder meistens laufen und Tore schießen wollen. Aber mit der Zeit habe ich das Torwartspiel lieben gelernt. Ich habe verstanden, dass diese Position ganz anders funktioniert, dass man anders arbeitet und sich auf andere Dinge konzentriert. Das hat mich fasziniert.
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Wie war es, als jüngste von elf Geschwistern aufzuwachsen?
Ehrlich gesagt war es großartig. Wenn ich an Weihnachten oder andere Familienmomente denke, denke ich vor allem an viel Lachen und schöne Erinnerungen. Ich hatte immer Menschen um mich, die klüger waren als ich und von denen ich etwas lernen konnte. Jedes meiner Geschwister hat mir etwas anderes beigebracht. Eigentlich waren alle meine Geschwister in irgendeiner Form sportlich aktiv. Drei meiner Brüder haben professionell Bogenschießen betrieben und waren sogar in der Nationalmannschaft. Irgendwann haben sie aufgehört, weil es bei einer Nischensportart selbst als Profi schwierig ist, davon zu leben. Aber insgesamt sind wir eine sehr sportliche Familie.
Du bist in Polen aufgewachsen. Wie war es für dich, als junges Mädchen, deinen Weg in den Fußball und schließlich in den Profifußball zu finden?
Das hat sich im Laufe meines Lebens sehr verändert. Am Anfang war es schwierig, weil es nicht viele Mädchen gab, die Fußball spielten. Mir hat sicherlich geholfen, dass ich so viele Brüder hatte und wusste, wie man sich unter Jungs behauptet. Ich musste lernen, für mich selbst einzustehen. Ich bin nicht so erzogen worden, dass ich als Mädchen bestimmte Dinge nicht tun sollte. Solche Vorstellungen kamen eher von außen, zum Beispiel von Lehrern, aber wir haben uns dagegen gewehrt. In der Schule wollte ich in den Pausen immer Fußball spielen. Manche Lehrer fanden das überhaupt nicht gut. Auch als ich in der Nationalmannschaft war, wurde wenig Verständnis dafür gezeigt, dass ich wegen der Spiele und Lehrgänge fehlte. Deshalb habe ich später die Schule gewechselt und eine Sportschule besucht.
Ein entscheidender Moment kam nach unserem Gewinn der U17-Europameisterschaft mit Polen. Direkt danach habe ich mir zweimal hintereinander die Schulter ausgekugelt. Das hat mir gezeigt, dass im Sport alles anders sein kann, sobald man verletzt ist. Wenn du gesund bist, interessieren sich alle für dich. Wenn etwas passiert, bist du plötzlich auf dich allein gestellt. Ich habe damals verstanden, dass ich auch über mein Leben neben dem Fußball nachdenken muss. Deshalb habe ich beschlossen, in die USA zu gehen und dort zu studieren. Später bin ich zurück nach Europa gegangen und habe Schritt für Schritt meinen Weg gemacht.
Gerade als Torhüterin lastet ein enormer Druck auf dir: Jeder Fehler kann folgenschwer sein. Wie hast du gelernt, damit umzugehen?
England war für mich in dieser Hinsicht eine große Schule des Lebens. Was mir vor allem geholfen hat, war zu lernen, mutig zu sein. Wenn ein Fehler passiert, habe ich einen festen Ablauf, mit dem ich mich wieder ins Spiel bringe. Fehler können einen komplett aus dem Spiel nehmen. Deshalb habe ich mir mentale Routinen aufgebaut: Ich sage mir etwas Bestimmtes, berühre meine Handschuhe oder mache eine bestimmte Bewegung. Das hilft mir, den Fehler hinter mir zu lassen und wieder im Moment zu sein. Außerdem weiß ich: Ich habe vorher fünf, sechs oder sieben Tage trainiert und die Arbeit gemacht. Ich bin vorbereitet. Im Spiel konzentriere ich mich auf meine Aufgaben und nicht auf alles, was um mich herum passiert.
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Du hast nicht nur in Polen, sondern auch in den USA, Frankreich und England gespielt. Wie haben dich diese unterschiedlichen Stationen als Fußballerin und als Mensch geprägt?
Die Intensität ist in England etwas höher, weil dort anders Fußball gespielt wird. Der größte Unterschied liegt für mich aber in der Vermarktung des Frauenfußballs. In England wird Frauenfußball stärker als Produkt präsentiert. Auch in der Bundesliga wird es immer besser – gerade hier in Hamburg haben wir großes Glück mit unserer Fanbasis. In Frankreich war das anders. Als ich dort gespielt habe, gab es bei den Vereinen nicht viele Fans und wenig Einbindung der Frauenabteilungen. Das war schade, weil Frankreich großartige Spielerinnen und eine starke Nationalmannschaft hat.
Du bist 2024 zu West Ham United in die Women‘s Super League gewechselt. Was hat dich am englischen Fußball besonders geprägt?
Das Spiel ist intensiver und hat mich stark aus meiner Komfortzone gedrängt. Es war teilweise sehr unangenehm, aber genau das hat mich weitergebracht. Was ich aus England mitgenommen habe, ist vor allem die Überzeugung: Du kannst gegen jeden Gegner spielen und gegen jeden Gegner bestehen.
Mit Polen bist du erstmals zu einer Europameisterschaft gefahren. Wie war es für dich, mit der Nationalmannschaft auf dieser großen Bühne zu stehen?
Es war surreal. Seit meiner Zeit in den Jugendnationalmannschaften war es immer das große Ziel. Wir waren oft nah dran, haben es aber nie geschafft. Teil davon zu sein, war deshalb etwas ganz Besonderes. Ich hatte auch das Gefühl, dass wir damit ein Stück Vermächtnis für zukünftige Generationen in Polen schaffen. Die Qualifikation war ein großartiger Moment. Und auch das Turnier selbst war eine tolle Erfahrung. Meine Familie war dabei und hat uns angefeuert. Die Stadien waren praktisch bei jedem Spiel ausverkauft. Ich habe es geliebt.
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Du hast die Entwicklung des Frauenfußballs in Polen selbst erlebt. Wie hat sich der Sport dort in den vergangenen Jahren verändert – und wo gibt es noch Nachholbedarf?
Ich glaube, das Potenzial ist riesig. Aber als Land müssen wir mehr tun, um die Entwicklung voranzutreiben. Ich denke, wir brauchen in Polen vor allem eine klare Strategie und einen konkreten Plan. Wir müssen überlegen, wie wir die Qualifikation für die Europameisterschaft, die gestiegene Aufmerksamkeit und jetzt auch die Weltmeisterschaft in Polen nutzen können, um noch mehr Menschen für den Frauenfußball zu gewinnen. Ich finde es ehrlich gesagt etwas enttäuschend, weil ich wirklich glaube, dass wir mehr machen könnten.
Jetzt bist du in Deutschland und mit Nikola Karczewska und Sylwia Matysik sind gleich drei Polinnen neu im Team. Wie wichtig ist diese Verbindung für euch – und gibt dir das auch ein Stück Heimat?
Ehrlich gesagt ist es das erste Mal, dass ich in einer Mannschaft mit jemandem aus Polen spiele. (lacht) Für mich ist das also eine neue Situation – und ich genieße sie sehr. Es macht vieles leichter, wenn man in eine neue Mannschaft kommt und schon jemanden kennt. Besonders wenn man die Sprache noch nicht spricht, hilft diese Verbindung. Wir kennen uns schon eine Weile, deshalb ist es schön, vertraute Gesichter zu sehen.
Drei Spiele, zwei Punkte – der Saisonstart hinterlässt gemischte Gefühle. Wie war der Start für dich ganz persönlich?
Ich glaube, dass in unserer Mannschaft sehr viel Potenzial steckt. Die Spielerinnen haben unglaublich viel Talent, und ich denke, wir hätten aus diesen Spielen mehr Punkte holen können. Aber auf dem höchsten Niveau ist die Fehlerquote extrem klein. Eine einzige Entscheidung oder ein Fehler kann darüber entscheiden, ob du ein Spiel gewinnst oder verlierst. Ich sehe, dass wir viel besser sein können als in den ersten drei Spielen. Deshalb glaube ich, dass wir als Verein und als Mannschaft auf dem richtigen Weg sind.
Nun steht das Derby gegen Bremen an. Mit deinen Erfahrungen aus England weißt du, was solche Spiele bedeuten können. Was erwartest du von diesem Derby?
In Derbys versuchen manche, dich zu provozieren. In England wusste ich irgendwann, wer wie tickt. In Deutschland bin ich noch neu. Aber ich habe in unserem Testspiel schon einen kleinen Vorgeschmack bekommen. Aber genau deshalb war dieses Testspiel gut. Es hat uns einen Eindruck davon gegeben, was auf uns zukommt.
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Was haben dir die anderen Spielerinnen schon über das Derby gegen Bremen erzählt?
Die Spielerinnen, die schon länger hier sind, haben mir ein bisschen erzählt, was mich erwartet. Aber unser Testspiel war schon mehr als genug, um zu verstehen, worauf ich mich einstellen muss. Derbys sind interessant, weil sie körperlicher sind als normale Spiele. Das habe ich auch in England erlebt, wenn wir mit West Ham gegen Tottenham gespielt haben. Diese besondere Intensität gibt es nur in Derbys. Ich bin sicher, dass wir alle unser Herz auf dem Platz lassen werden.
Zum Abschluss noch eine Frage zu deinen persönlichen Zielen: Was hast du dir für die Saison vorgenommen?
Ich bin hierhergekommen, damit wir uns als Mannschaft weiterentwickeln. Mein Ziel ist deshalb, in der Tabelle so weit oben wie möglich zu kommen. Persönlich möchte ich Woche für Woche eine bessere Spielerin und eine bessere Teamkollegin werden. Ich möchte spüren, dass ich mich weiterentwickle und gemeinsam mit der Mannschaft wachse. Das ist mein Ziel.
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