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28.07.26
Neu im HSV-Spaßglas – und das gleich doppelt: Die „Toffees“ aus Everton
Am Sonnabend steigt das Volksparkfestival, erstmals treffen der HSV und der FC Everton aufeinander. Wissenswertes über die Gäste – und welche Rolle Süßigkeiten dabei spielen.
Die Liste ist lang und trotzdem höchst exquisit. 62 Begegnungen mit Mannschaften aus dem Fußball-„Mutterland“ England verzeichnet die Spiele-Chronik des HSV. 21 verschiedene Clubs sind aufgeführt, die zum absoluten Who’s is Who des Insel-Fußballs zählen: von „A“ wie Arsenal bis „W“ wie West Ham United oder Wolverhampton Wanderers. Mittendrin aber, zwischen den renommierten Londoner Adressen in Chelsea und Fulham, klafft eine kuriose Lücke: „E“ wie Everton? No Match – kein Treffen, keine Treffer!
Traditionsclubs in Paralleluniversen
Zwei absolute Traditionsclubs aus weltbekannten und weltoffenen Hafenstädten, die auch sonst so manche Parallele aufweisen – und doch spieletechnisch bislang in Paralleluniversen unterwegs waren. Das ist einigermaßen erstaunlich, zumal der HSV mit Evertons großem Lokalrivalen, dem FC Liverpool, bereits neunmal die mitunter ganz feinen Klingen kreuzte – so häufig wie mit keinem anderen englischen Club (siehe Tabelle unten).
Rang | Club | Spiele (Pflicht / Freundschaft) | Premiere |
1 | FC Liverpool | 9 (2/7) | 1964 |
2 | Manchester United | 7 (0/7) | 1958 |
3 | Corinthians London | 6 (0/6) | 1924 |
4 | FC Burnley | 5 (2/3) | 1951 |
4 | FC Arsenal | 5 (2/3) | 1963 |
4 | Manchester City | 5 (2/3) | 2002 |
Umso schöner, dass es jetzt mal klappt. Endlich kreuzen sich die Umlaufbahnen: Unlängst unterzeichneten die Metropolregionen Hamburg und Liverpool eine gemeinsame Absichtserklärung zur vertieften Zusammenarbeit in Bereichen wie Forschung, Logistik und Tourismus. Anfang Mai präsentierte sich die „Liverpool City Region“ als offizieller „Länderpartner“ mit Kultur und Musik auf dem 837. Hamburger Hafengeburtstag. Und nun ist der FC Everton Gast der offiziellen Saisoneröffnung, dem „Volksparkfestival“ am Sonnabend (1. August). Tickets für die Duelle der Frauen (Anstoß: 13:30 Uhr) und der Männer (17 Uhr) gibt es im Online-Ticketshop, und HSV.de macht alle Interessierten topfit mit ein bisschen Angeberwissen und Halbzeit-Gesprächsstoff rund um diesen einzigartigen Testspiel-Doppelpack.
Historie und Erfolge
Evertons Männermannschaft zählt zu den traditionsreichsten und mit neun Meisterschaften, fünf FA-Cup-Siegen und einem Triumph im Europapokal der Pokalsieger (1985: 3:1-Finalsieg in Rotterdam über Rapid Wien) auch erfolgreichsten Fußballvereinen Englands. Der Club war sowohl 1888 eines der zwölf Gründungsmitglieder der Football League, der ersten Profiliga weltweit, als auch im Jahr 1992 einer von 22 Gründervätern und Taufpaten des Erfolgsformats Premier League. Neben Manchester United, Arsenal, Chelsea, Tottenham und Lokalrivale Liverpool ist Everton einer von nur sechs Clubs, der alle bisherigen 34 Premier-League-Seasons spielte und nie abstieg. Insgesamt hat Everton bei lediglich vier zweitklassigen Jahren bis heute mehr Zeit in der höchsten englischen Liga verbracht als jeder andere Verein, was sich in Rang 3 der Ewigen England-Tabelle (hinter Liverpool und Arsenal) niederschlägt.
Die Frauenfußball-Abteilung ist dagegen vergleichsweise jung: Vorläufer-Verein Leasowe Pacific gewann 1989 den englischen Pokal, seit 1995 kicken die Ladies unter dem Namen Everton. 1998 gelang mit dem bislang einzigen Meistertitel der ganz große Coup, 1997, 1999 und 2007 landete man auf Platz 2, und 2010 gab’s mit dem neuerlichen Sieg im FA Women‘s Cup letztmalig wertige Silberware für den Trophäenschrank. 2011 war Everton eines von acht Gründungsmitgliedern der FA Women’s Super League. Ganz wichtig in Sachen Traditionspflege: Mit dem Umzug des Männerteams in das neue Hill Dickinson Stadium in den Docklands unmittelbar am River Mersey zur Saison 2025/26 übernahmen die Frauen den traditionsreichen Goodison Park, die „Grand Old Lady“, als permanente Heimspielstätte.
Die sportlichen Ambitionen des Vereins spiegelt auch sein Wappen wider: Neben zwei Lorbeerkränzen als Symbol für Sieg und Erfolg ist es unterlegt mit dem lateinischen Wahlspruch „Nil Satis Nisi Optimum“ („Nur das Beste ist gut genug“). Das Zentrum des Clublogos ziert neben dem Gründungsjahr 1878 (starke Zahlen-Kombi!) auch der „Prince Rupert’s Tower“, ein rundes Gebäude mit kegelförmigem Dach und ein Wahrzeichen des Liverpooler Stadtteils Everton. Er wurde 1787 als Gefängnis für Straftäter und Ausnüchterungszelle für betrunkene Störenfriede erbaut und wird mittlerweile als Lagerstätte für Werkzeuge der Gemeindearbeiter der Stadt Liverpool genutzt. Im Mai 1997 wurde der Tower vom FC Everton für 15.000 Pfund renoviert und ist seither im Besitz des Vereins.
Gleich drei Nicknames
Beide Teams, also die Männer und die Frauen, hören auf die identischen Spitznamen. Und davon gibt es gleich drei! Erstens: „The Toffees“ – diese Bezeichnung ist historisch tief im Liverpooler Stadtteil Everton verwurzelt. Zur Gründungszeit des Vereins gab es in der Gegend beliebte Süßwarenläden wie das „Ye Anciente Everton Toffee House“ und den Laden von „Mother Noblett“. Daraus entwickelte sich die Tradition, dass vor Spielbeginn eine „Toffee Lady“ Minzbonbons in die Zuschauermenge wirft. Womit auch der passende Soundtrack fürs diesjährige Volksparkfestival und die hier kredenzten neuen Leckerbissen im „HSV-Spaßglas“ gefunden wäre: „Sweets for My Sweet“ (Sugar for My Honey), performed in den Swinging Sixtees von der – natürlich – Liverpooler Merseybeat-Band „The Searchers“!
Everton wird – zweitens – auch gern als „The Blues“ bezeichnet, ein direkter Verweis auf die traditionellen Vereinsfarben, in denen der Club seit 1901 aufläuft. Jüngeren Datums ist schließlich der dritte Spitzname: „The People’s Club“. Diesen Terminus prägte der damalige und seit 2025 wieder aktuelle Männer-Trainer David Moyes während seiner ersten Amtszeit zwischen 2002 und 2013, um die enge Verbindung zwischen dem Verein, den Fans und der Arbeiterstadt Liverpool zu unterstreichen.
Zwei Plätze im Tabellenmittelfeld, drei für WM-Fahrer
2025/26 erarbeiteten sich die Everton-Teams solide Plätze im gesicherten Niemandsland der Tabelle ihrer jeweiligen Ligen – fernab von Europacup-Träumen und Abstiegsängsten. Die Männer kamen wie der HSV in der Bundesliga auf Rang 13 ins Ziel (allerdings in einem 20er-Feld), gefährlichster Knipser war Mittelstürmer Norberto Bercique Gomes Betuncal, genannt „Beto“, der neun der 45 Ligatore erzielte. Evertons Frauen wurden Achter von zwölf Teams in der Eliteliga der Europameisterinnen, wozu die Nationalspielerinnen Kelly Gago (Frankreich), Honoka Hayashi (Japan) und Ornella Vignola jeweils vier Tore beisteuerten.
Zur gerade beendeten Weltmeisterschaft schickte Everton genau wie der HSV drei Spieler: Torwart Jordan Pickford (Platz 3 mit England, 7 Einsätze), Rechtsaußen Iliman Ndiaye (Sechzehntelfinale mit Senegal, 3 Einsätze) sowie Rechtsverteidiger Nathan Patterson (Vorrunde mit Schottland, 3 Einsätze).
Transferverbindungen
Apropos Personal: Berührungspunkte zum HSV? Muss man ein bisschen suchen. Spontaner Spaß-Einfall: Jose Almeida Santos beziehungsweise kurz „Ewerton“. Der brasilianische Innenverteidiger tanzte in seinen 15 HSV-Monaten zwischen Juli 2019 und Oktober 2020 – auch verletzungsbedingt – wenig sambahaft nur in fünf Pflichtspielen für die HSV-Profis beziehungsweise zweien fürs Regionalliga-Team. Außerdem der zweite Buchstabe: „double-u“, ein Haken zu viel. Also schnell einen Haken dran.

Konkreter wird es da schon bei Thomas Gravesen. Die dänische „Humörbombe“ ackerte sich zwischen 1997 und 2000 in 83 Pflichtspielen zum absoluten Publikumsliebling im Volkspark. Herzzerreißend deshalb für viele sein ziemlich abrupter Abschied, als im HSV-Sommertrainingslager im österreichischen Leogang plötzlich und relativ unvermittelt eine Delegation aus Everton erschien. Kurze Gespräche hinter verschlossenen Türen, dann Abschied von Zimmernachbar Stig Töfting und unter Tränen: Farvel, Thomas! Weg war er Richtung Merseyside.
Weniger plötzlich und direkt – mit Umwegen und einer Zwischenstation – ging es beim zweiten herausragenden defensiven Mittelfeldmann zu, der vom HSV nach Everton wechselte. Amadou Onana, gerade mit Belgien bei der WM und dort leider schwer knieverletzt, bestritt 2020/21 insgesamt 26 Pflichtspiele für den HSV. Sportlich eine absolute Bereicherung, finanziell erst recht. Vielleicht einer der besten Deals aller HSV-Zeiten, kassierte man doch nicht nur eine stattliche Ablöse für dessen Transfer nach Lille, sondern auch noch zwei weitere Male, als es für Onana von Nordfrankreich nach England ging – zunächst 2022 nach Everton, dann zwei Jahre später zu Aston Villa.
Mehr als ein Jahrhundert Spielbetrieb mit England
Noch einmal zurück zur Match-Historie des HSV mit englischen Teams. Die Premiere war eine legendäre, als zu Ostern 1924 die Corinthians aus London zu Gast waren und 20.000 Zuschauer an den Rothenbaum strömten. Auch damals ein freundschaftlicher Vergleich im Doppelpack: Karfreitag siegte der HSV 3:0, Ostersonntag die spielstarken englischen Gentlemen mit 3:2. Ganz frühe Fußballfeste, die die langjährige Tradition der „HSV-Osterspiele“ mit vielen spannenden internationalen Vergleichen begründete. „kicker“-Chefredakteur Walther Bensemann schwärmte: „Der H.S.V. allein unter allen deutschen Vereinen konnte den repräsentativen Rahmen zu dem größten sportpolitischen Ereignis seit dem Kriege liefern.“

Besuche von der Insel waren beliebt, gerade auch im Rahmen der Saisonvorbereitung und -eröffnung. 32 der bisherigen 62 Spiele fielen kalendarisch in den Zeitraum Ende Juli bis Mitte August. „Beloved Tradition“ – zwischen 1958 und 1976 beispielsweise gaben allein sechsmal die sagenumwobenen „Babes“ von Manchester United mit ihrem Trainer Matt Busby und Spielern wie Torwart Harry Gregg und Bobby Charlton sowie ihren „Nachkommen“ wie Denis Law (Foto im August 1964 beim Wimpeltausch mit Uwe Seeler) und George Best ihre Visitenkarten im Volkspark ab – stets vor stattlicher Kulisse.
Das bislang letzte Volksparkfestival mit Brit-Beteiligung stieg vor zehn Jahren. Am 6. August 2016 präsentierte sich der HSV vor 23.500 Zuschauern „Pretty in Pink“ und schlug Stoke City aus der Premier League dank eines Treffers von Michael Gregoritsch mit 1:0.
Auf ein Neues. Moin and welcome to Hamburg, dear Toffees! Sweets for our Sweets! We‘re looking forward!
