
Interview
24.07.26
Merlin Polzin: „Es geht um etwas, das größer ist als drei Punkte“
Im Gespräch mit HSV.de gewährt Cheftrainer Merlin Polzin persönliche Einblicke in seinen Traineralltag, seine Werte und seinen Führungsstil – und verrät, was ihn als Coach antreibt.
Merlin Polzin ist dieser Tage ganz in seinem Element. Kurze Hose, T-Shirt, schwarze Fußballschuhe, die Pfeife in der Hand – dazu lautstarke Ansagen, die über den Trainingsplatz und durch das Ötztal hallen. Mit maximaler Detailversessenheit, Akribie und Leidenschaft arbeitet der HSV-Cheftrainer mit seiner Mannschaft daran, an die erfolgreiche vergangene Bundesliga-Saison, die erste nach sieben Jahren Zweitklassigkeit, anzuknüpfen. Zwischen den vielen schweißtreibenden Einheiten im Trainingslager hat sich der 35-Jährige Zeit für ein ausführliches Gespräch mit HSV.de genommen. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem der Trainer Merlin Polzin: Was treibt ihn an? Wie versteht er seinen Job? Und welche Werte sind ihm wichtig?

HSV.de: Merlin, in der Vorbereitung geht es jetzt auf dem Platz wieder in die Vollen. Was macht der Geruch vom Rasen mit dir nach der Sommerpause? Was fühlst du?
Merlin Polzin: Der Geruch löst auf jeden Fall Begeisterung aus. Er sorgt dafür, dass man ein Lächeln auf den Lippen hat, weil man weiß, dass man wieder das machen kann, was man am liebsten macht: auf dem Trainingsplatz zu stehen und gemeinsam mit den Jungs und dem Trainerteam wieder unserer Leidenschaft nachzugehen.
Nimmst du zum Vorbereitungsstart alles noch einmal bewusster wahr als sonst im Alltag?
Es ist jetzt meine zehnte Saison am Stück als Chef- oder Co-Trainer. Da ist es ein Stück weit normal, dass es Routine geworden ist. Und zugleich ist es so, ganz unabhängig vom Zeitpunkt der Saison, dass es immer mal wieder Momente gibt, in denen man einen kurzen Moment Ruhe hat und so in der Sichtachse steht, dass man die Mannschaft vor dem Volksparkstadion sieht. Dann ist es schon etwas extrem Besonderes. Dann denke ich daran, wie geil unser Stadion ist und was hier bereits alles passiert ist. Früher habe ich hier beim Training zugesehen und jetzt stehe ich hier selbst auf dem Platz und keiner scheucht einen herunter.
Was würdest du als deinen „Arbeitsplatz“ bezeichnen – den Trainingsplatz, die Trainerbank oder das Trainerbüro?
(überlegt lange) Gute Frage, wahrscheinlich überall so ein bisschen. Natürlich gibt es die Arbeit auf dem Platz, aber auch das Trainerbüro ist mit Blick auf die Kommunikation und die Zusammenarbeit mit dem ganzen Staff sehr wichtig. Hinzu kommen einzelne Gesprächsräume, um mit den Jungs Gruppen- oder Einzelgespräche führen zu können. Am Ende kannst du den Job wahrscheinlich überall machen. Es geht weniger darum, wo du bist, sondern was du daraus machst und was in deinem Kopf ist.

Welche Utensilien hast du persönlich auf dem Trainingsplatz immer dabei?
Eine Pfeife, eine Uhr, Zettel und Stift. Und ab und zu dann auch noch irgendwas für den Hals. (lacht) Diese Dinge dürfen nicht fehlen und sind immer in der Jacke oder Hose drin.
Das Trainer-Sein ist Job und Leidenschaft. Was sorgt dafür, dass du darin so aufgehst und es dich so erfüllt?
Dass man gemeinsam mit dem Trainerteam und der Mannschaft schafft, für eine gewisse Art und Weise zu stehen, die man sich durch tagtägliches Investieren erarbeitet. Wenn man dann merkt, dass quasi aus Einzelnen eine Gemeinschaft wird, die auf und neben dem Platz in eine Richtung marschiert, dann ist das sehr erfüllend. Es ist der gemeinsame Weg und auch das Spielen für etwas, das größer ist als drei Punkte. Wenn ich an unsere letzte Saison denke, wo das Motto war, Momente zu schaffen, die wir uns in goldene Bilderrahmen einsetzen würden, dann ist das schon etwas Größeres, das einen antreibt.
Wenn du auf den ganz jungen Trainer Merlin Polzin zurückblickst: Was sind die größten Veränderungen?
Ich bin deutlich ruhiger geworden, besonders mit Blick auf die Emotionskontrolle und die Bewertung von Aktionen. Ich habe eher den Blick von außen oder oben auf die Situationen. Die Entscheidungen, die ich jetzt treffe, sind deutlich weitreichender und nicht so kurzfristig gedacht, wie es vielleicht früher der Fall war. Die Erfahrungen, die ich jetzt gewinnen konnte, haben mir ein Stück weit Ruhe und Kraft gegeben, um gute Dinge für die Zukunft zu entscheiden.

Wenn wir auf deine tägliche Trainingsarbeit blicken: Was ist die größte Challenge?
Die größte Challenge ist, die inhaltliche Weiterentwicklung der Mannschaft, die Führung von 26 Feldspielern – von denen am Ende am Wochenende nur zehn beginnen können – und ein dynamisches Umfeld mit Verletzungen, Sperren oder persönlichen Situationen der Spieler unter einen Hut zu bringen. Gleichzeitig musst du 20 bis 25 Leute aus dem Staff in eine Richtung bringen und dafür sorgen, alle accountable zu halten. Nach guten wie schlechten Momenten musst du dafür sorgen, dass alles scharf geschaltet bleibt.
Das ist wahrscheinlich häufig wichtiger, als die eigentliche Taktik beizubringen.
Ja, auf jeden Fall. Das lebt am Ende auch von der Qualität der Spieler. Wenn wir einen Fabio Vieira nehmen, dann hat er einfach von alleine überragende Entscheidungen getroffen. Ihm mussten wir nicht viel helfen. Und das ist dann auch die Qualität eines Trainerteams, sich nicht unnötig einzumischen. Auf der anderen Seite gibt es Momente und Spieler, da muss die Spur sehr eng gehalten werden.
Als Trainer musst du auch manchmal unangenehme Gespräche und unpopuläre Entscheidungen treffen. Wie gehst du mit dieser Schattenseite deines Berufs um? Denn letztlich werden nie alle 26 Spieler zufrieden sein.
Nein, ganz im Gegenteil. (schmunzelt) In diesem Aspekt durfte und habe ich mich weiterentwickelt, weil ich die Chance dazu bekommen habe. Irgendwann kamen die ersten Gespräche und du merkst, dass es immer total individuell ist. Der eine braucht direkt ein hartes Feedback, den anderen musst du erst einmal in Ruhe lassen, weil er es aufgrund seiner Sozialisation zunächst mit sich selbst ausmacht. Dieses Gespür zu haben, dass jeder unterschiedlich ist, ist eines der spannendsten Felder für mich als Trainer. Das macht mir an meiner Arbeit extrem viel Spaß. Meine Werte sind vor allem Loyalität und Teamgedanke. Das „We“ steht immer vor dem „Me“. Und mir ist es total wichtig, ehrlich und offen zu sein. Ich bin überhaupt nicht perfekt und sage, dass wir als Trainerteam immer alles im Griff haben, aber jeder soll wissen, woran er ist.

Viel davon steckt sicherlich in deiner Persönlichkeit, und zugleich versucht man sich als Cheftrainer genau in diesem Aspekt zu entwickeln. Wie ist es dir gelungen, diesbezüglich so klar zu sein?
Ich habe mir gegen Ende der Sommerpause vier Tage in Madrid allein Zeit genommen und habe mir Notizen und Gedanken darüber gemacht, wo ich als Mensch und Trainer hinkommen will und was ich mit der Mannschaft erarbeiten möchte. Mir tut es total gut, wenn ich mir Zeit für mich nehme, um Dinge aufzuarbeiten. Ich lese unglaublich gerne Biografien oder Sachbücher über Führung. Dabei finde ich viel Inspiration in anderen Sportarten, wie etwa beim Football oder Basketball. Ich habe zuletzt „The Art of Winning“ von Bill Belichick gelesen, auch Phil Jackson und Coach K sind eine Inspiration. Gerade das Thema Kultur und Mindset ist mir extrem wichtig. Letztlich habe ich mit Loic (Fave, d. Red.) einen Partner an meiner Seite, der gleichgestellt ist. Wir arbeiten sehr vertrauensvoll zusammen, decken unterschiedliche Themen ab, sodass man wieder mehr Kraft für andere Bereiche hat.
Blicken wir auf den Vorbereitungsstart: Wie weit ausgereift sind die Ideen für die neue Saison bis hierhin schon?
Die Jungs aus dem Trainerteam um Loic, Richi und Max haben unfassbare Arbeit in der Nachbereitung der vergangenen Saison geleistet. Wir haben jede Trainingseinheit, jedes Spiel und jede einzelne Spielphase mit unterschiedlichen Kriterien analysiert. Daraus ist eine klare Idee entstanden, wie der Kader und unser Spiel aussehen sollen. Wir haben festgestellt, was gut war und welche Dinge wir weiterentwickeln wollen. Die kontrollierten Phasen waren bei uns top – gutes Angreifen, gutes Verteidigen, aber in den Momenten dazwischen waren wir zu langsam im Kopf und konnten aus unterschiedlichen Gründen Intensitäten nicht gehen. Der Rahmen steht. Das merkt die Mannschaft seit Tag 1 der Vorbereitung.

Wie herausfordernd ist es, dem Team das wieder zu vermitteln?
Es sind erst zwei Wochen, in denen wir wieder zusammenarbeiten. Man merkt, dass die Jungs ab und zu eine Erinnerung nach der Urlaubszeit brauchen. Zugleich spürst du sofort auf dem Trainingsplatz, dass wir auf etwas aufbauen. Das Gerüst steht. Es geht darum, neue Dinge einzubringen und das, was wir haben, weiterzuentwickeln. Wir können auf einem ganz anderen Standard als im letzten Jahr aufsetzen, als wir gefühlt bei Null waren.
Letzte Frage: Die Trainingseinheit am Mittwoch wirkte wie das Limit, das man zu diesem Zeitpunkt von einer Mannschaft einfordern kann. Was macht es mit dir, wenn du siehst, dass die Jungs derart durchziehen?
Ich habe mich mit Blick auf das Trainingslager am meisten auf diesen Tag gefreut. Es war von der Datenauswertung her die intensivste Einheit, die wir seit unserer Übernahme im November 2024 jemals hatten. Die Jungs sind das voll mitgegangen. Sie wissen, dass HSV 2.0 noch andere Attribute auszeichnen soll als in der vergangenen Saison. Sie haben gut mitgezogen. Aber: Ich habe den Jungs auch gesagt, dass das der Standard ist und es nichts Außergewöhnliches ist. Das ist, was wir von uns selbst verlangen und einfordern. Alles darunter akzeptieren wir nicht.
