
03.09.2026
Polzin & Fischer: Der jüngste und der älteste Bundesliga-Trainer im Doppelpass
Vor dem direkten Duell zwischen dem HSV und Mainz 05 sprechen Merlin Polzin und Urs Fischer auf HSV.de unabhängig voneinander über gegenseitige Wertschätzung, den Faktor Erfahrung und das Trainerleben im Profifußball.
Wenn der Hamburger SV am Sonntag um 15.30 Uhr gegen den 1. FSV Mainz 05 sein erstes Bundesliga-Heimspiel der Saison bestreitet, lohnt sich ein Blick auf die Trainer der beiden Mannschaften. Aus dem Grund: Merlin Polzin ist mit 35 Jahren der jüngste, Urs Fischer mit 60 Jahren der älteste Chefcoach der Bundesliga. Vor dem direkten Duell im Volksparkstadion sprechen die beiden unabhängig voneinander über ihren jeweiligen Kollegen, den Wert von Erfahrung, unterschiedliche Trainergenerationen und die Frage, was es braucht, um sich langfristig an der Seitenlinie zu behaupten. Dabei zeigt sich: Zwischen beiden liegen 25 Jahre, bei einigen Überzeugungen sind sie sich aber erstaunlich nah.

Nach dem bisher einzigen Aufeinandertreffen zwischen Polzin und Fischer, dem 1:1 in Mainz im Februar dieses Jahres, herzten sich die beiden Trainer. Das war nicht nur im Anschluss an die Pressekonferenz ersichtlich, sondern liegt auch an einer anderen Geschichte. „Urs hat sich nach unserem letzten Spiel noch extra Zeit für ein Gespräch und Fotos in unserer Trainerkabine genommen“, erklärt Polzin. Sehr zur Freude von Co-Trainer Richard Krohn, der ein großer Fan der Art und Weise sei, wie Fischer verteidigen lässt. Aber auch aus Mainz kommt Wertschätzung für die Arbeit des anderen: „Merlin Polzin hat eine klare Idee davon, welchen Fußball er spielen lassen möchte. Das deckt sich mit meiner eigenen Überzeugung.“
Während Polzin noch am Anfang seiner Laufbahn als Cheftrainer im Profibereich steht, blickt Fischer auf mehr als 16 Jahre in dieser Rolle zurück. Der gebürtige Zürcher hat in der Bundesliga 169 (Mainz 05, Union Berlin) und in der Schweizer Super League 227 (Basel, Thun, Zürich) Spiele vorzuweisen, bei Polzin sind es in der 2. Bundesliga 22 und in der Bundesliga 35. Doch wie aussagekräftig sind diese Zahlen? „Grundsätzlich ist Erfahrung etwas, wovon man in allen Lebenssituationen profitieren kann. Ob das automatisch zu einem besseren Ergebnis auf dem Platz führt, vermag ich nicht zu beurteilen“, hält sich Fischer bei der Beantwortung zurück. Trotz seines jungen Alters weiß Polzin, dass ihm sein bisheriger Weg als Cheftrainer – mit dem Aufstieg des HSV von der zweiten in die erste Liga und dem Klassenerhalt in der vergangenen Saison – Erfahrungswerte gebracht habe, die ein „Riesenvorteil“ seien.
Erfahrung muss aber nicht immer die eigene sein. Gerade am Anfang einer Trainerlaufbahn können auch Kollegen Orientierung geben. Eine Lektion seines ehemaligen Cheftrainers Tim Walter ist Polzin, damals Co-Trainer, besonders im Gedächtnis geblieben. „Tim hat nach Video- und Gegneranalysen, nach denen ich dachte, dass sie gut waren, weil wir jetzt top vorbereitet sind, gern die Gegenfrage gestellt: ‚Hast du das jetzt für dich gemacht, damit du alles losgeworden bist, oder hatte es wirklich einen Mehrwert für den einzelnen Spieler? War es nötig, so viel zu platzieren, oder hätte man es kompakter halten können?‘ Es geht darum, nicht sich selbst gut vorbereitet zu fühlen, sondern sich zu fragen: Was genau braucht das Gegenüber, um bestmöglich vorbereitet zu sein? Diese individuelle Betrachtung habe ich sehr mitgenommen“, sagt er.

Von anderen zu lernen, bedeutet für Polzin allerdings nicht, ihnen unentwegt nachzueifern. Ein einzelnes Trainervorbild hat der 35-Jährige nicht. Vielmehr gehe es darum, sich von unterschiedlichen Persönlichkeiten das herauszupicken, was zur eigenen Art passt. „Wenn ich jetzt an Niko Kovac denke, wie er mit der Thematik umgegangen ist, als der Spieler die Flasche gegen das Logo geworfen hat, und er das direkt mit aller Klarheit im Keim erstickt hat. Oder Sebastian Hoeneß, wie er sich in der letzten Saison nach der späten Niederlage hier verhalten hat – das war aller Ehren wert. Oder Vincent Kompany, der uns nach der Niederlage in München noch einmal etwas mitgegeben hat. Es geht etwas darum, wie sich der Trainer in welcher Situation verhält. Man möchte nicht werden wie XY, aber man kann permanent etwas mitnehmen“, erklärt Polzin.
Damit trifft er einen Punkt, den auch Fischer hervorhebt: die eigene Persönlichkeit zu bewahren. Auf die Frage, welchen Rat er seinem jüngeren Ich geben würde, antwortet der 60-Jährige entsprechend knapp, aber auf den Punkt: „Authentisch bleiben – ich würde aber behaupten, dass das auch mein jüngeres Ich schon ganz gut umgesetzt hat.“ Und welche Veränderung hat er über die Jahre an sich wahrgenommen? Fischer sagt: „Ich würde sagen, dass ich schon ruhiger geworden bin. Vor allem wenn ich es mit meiner Zeit als aktiver Profi vergleiche.“ Eine Eigenschaft, die Polzin, der anders als der 600-fache Profispieler und viermalige Nationalspieler Fischer aufgrund einer schweren Zehenarthrose keine Spielerkarriere hatte, grundsätzlich bei älteren Trainern auffällt. „Bei älteren Trainern wie Urs spürt man in jedem Fall eine Art von Gelassenheit, was Entscheidungen angeht, und eine gewisse Klarheit in der Kommunikation. Als junger Trainer versuchst du, dich in gewissen Bereichen noch etwas zu finden“, erklärt er.

Fischer ist in seine 16. Saison als Cheftrainer im Profibereich gestartet, Polzin in seine dritte. Was ist das Geheimnis des Schweizers für eine derart langlebige Karriere auf diesem Niveau? „Mir hilft es bis heute, die Dinge immer wieder aufs Neue zu hinterfragen. So gelingt einem idealerweise beides: Man bleibt authentisch und gleichzeitig offen für Neues. Und eine Sache ist sowieso Grundvoraussetzung: Man braucht Leidenschaft für diesen Beruf!“, sagt er. Und Polzin? Kann er sich eigentlich vorstellen, selbst wie Fischer mit 60 Jahren noch an der Seitenlinie zu stehen? Seine Antwort passt zu dem, was beide zuvor unabhängig voneinander über ihren Beruf gesagt haben. „Wir lieben alle den Fußball – an irgendeiner Seitenlinie auf jeden Fall. Ob es der Profifußball sein muss oder der Jugendbereich oder irgendeine Nationalmannschaft, das kann ich nicht sagen. Aber klar, in diesem Job geht man einfach auf“, schwärmt er.
Dieses Gefühl wird sich sicherlich noch verstärken, wenn am Sonntag wieder 57.000 Fans für das erste Bundesliga-Heimspiel der Rothosen ins Stadion strömen. Und dann, nach dem Abpfiff, dürften sich auch die Trainer wieder herzen. „Ich schätze Merlin sehr. Das gilt aber zum Glück für alle Trainerkollegen, die ich bisher kennenlernen durfte“, sagt Fischer. Polzin gibt den Einblick, dass sich die Bundesliga-Coaches untereinander austauschen. „Wir verstehen, welches Aufgabengebiet der jeweils andere abdeckt. Wenn man eine Frage hat, sind die anderen total offen.“ Am Ende ist das Duell zwischen dem jüngsten und dem ältesten Bundesliga-Trainer auch eines unter Kollegen.
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