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30.10.2026
Sonny Kittel und das Duell seiner Herzensvereine
Von den Anfängen bei Eintracht Frankfurt bis hin zur schönsten Zeit beim HSV – Sonny Kittel ist mit den beiden Clubs so eng verbunden wie wohl kaum ein anderer. Vor dem erneuten Duell am Sonntag spricht der 33-Jährige über seine bewegte Karriere, die Was-Wäre-Wenn-Frage und die aktuelle Form der Teams.
Mit kurz geschorener Mähne, hellblonden Haaren und schmächtiger Statur stand er zur Einwechslung bereit, der 17-jährige Sonny Kittel. Bei seinem Bundesliga-Debüt im August 2010 trug er das rot-schwarz-gestreifte Trikot von Eintracht Frankfurt mit der Rückennummer 28 und wurde gegen den Hamburger SV eingewechselt. Nichtahnend, dass der Gegner zu einem späteren Zeitpunkt seiner Karriere noch eine ganz besondere Rolle spielen würde. Obwohl Kittel nur eine Handvoll Minuten auf dem Platz stand, sind die Erinnerungen an die damaligen Augenblicke im Waldstadion auch 16 Jahre danach noch so präsent, dass vor seinem inneren Augen ein Kurzfilm abläuft, wenn er gedanklich in der Zeit zurückreist. „Mein erster Blick auf dem Platz war der Rücken von Zé Roberto. Zudem hatte ich einen Ballgewinn gegen Ruud van Nistelrooy“, erinnert sich Kittel in einer neuen und tiefgründigen Folge von „PUR DER HSV“ (Spotify, Apple Podcasts, Podigee) an seine ersten Momente in der deutschen Beletage.
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Mit seiner Einwechslung avancierte der gebürtige Gießener zum damals zweitjüngsten Bundesliga-Debütanten der Adlerträger und wurde später nur von Marc Stendera einen Platz nach hinten verdrängt. Es sei damals etwas „absolut Besonderes“ gewesen, in so jungen Jahren in der Bundesliga zu spielen. Das Debüt kam derweil so überraschend, dass niemand von der Familie vor Ort war. Nichtsdestotrotz war es ein „ganz, ganz toller Moment“ für den offensiven Mittelfeldspieler. Zum Zeitpunkt seines Bundesliga-Debüts zählte Kittel, spielte schon als Sechsjähriger für die SGE und wohnte neben dem Stadion, zu den größten deutschen Talenten. 2011 wurde er mit der Fritz-Walter-Medaille in Silber in der Altersklasse U18 ausgezeichnet (Gold ging an den späteren Weltmeister Julian Draxler). Der Straßenkicker Kittel – ein „Zehner“, wie er im Buche steht – verfolgte in Frankfurt den großen Traum, Nationalspieler zu werden. Dafür schlug er sogar Angebote vom FC Bayern München und dem SV Werder Bremen aus, wie er im Gespräch verrät. Doch als die vielversprechende Karriere im Profibereich gerade erst ihren Anfang nahm, galt sie schon wieder als beendet. Vier schwere Knieverletzungen innerhalb von vier Jahren ließen niemanden mehr daran glauben, dass es etwas mit der erhofften Laufbahn werden würde. „Ich war eigentlich weg vom Fenster“, sagt Kittel, der entgegen allen Erwartungen (vor allem den medizinischen) sich jedes Mal aufs Neue zurückkämpfte.
Beim FC Ingolstadt spielte er in der Saison 2015/16 noch 20-mal in der Bundesliga, bevor er in der zweiten Liga Karriere machte – erst für zwei weitere Jahre bei den Schanzern, dann von 2019 an für vier Jahre beim HSV. Mit den Hamburgern nahm er einen Anlauf nach dem anderen, um die lang ersehnte Rückkehr ins Fußball-Oberhaus zu schaffen. Bekanntlich in seiner Zeit auf die dramatischste aller dramatischen Weisen ohne Erfolg. Und doch sind 140 Pflichtspiele mit der Raute auf der Brust und 76 Torbeteiligungen (36 Treffer, 40 Vorlagen) bemerkenswert, wenn man an die Leidenszeit zu Beginn der Karriere denkt. „Vier Jahre beim HSV zu spielen und eigentlich kein Spiel zu verpassen – das waren Momente, die unrealistisch waren, als mir mit 21 oder 22 gesagt wurde, dass meine Karriere vorbei ist“, sagt Kittel, der davon spricht, trotz der schlechten Vorzeichen das Maximum herausgeholt zu haben. „Ich muss dankbar sein für die Zeit, die ich hatte, weil mir sehr viele das gesundheitlich nicht mehr zugetraut hätten. Für mich war es eine super Karriere, weil meine Ausgangssituation eigentlich unrealistisch war“, erklärt der 33-Jährige. Trotzdem habe er sich „hunderttausendfach gefragt, was ohne die Verletzungen möglich gewesen wäre. Es hätte definitiv ein anderer Weg sein können.“
Nach weiteren Stationen bei Raków Czestochowa in Polen, den Western Sydney Wanderers in Australien und dem Grasshopper Club Zürich in der Schweiz beendete Kittel seine Karriere. Still und heimlich – ohne großen Abschied, ohne Verkündung und irgendwie auch wider Willen. „Ich fühle mich eigentlich noch topfit, aber wenn du irgendwann beim Konter nicht mehr mitlaufen kannst, weil du es vor Schmerzen nicht schaffst, musst du der Realität ins Auge blicken. Sich das selbst einzugestehen, ist schwierig. Es tut weh“, sagt Kittel, für den es schwierig gewesen sei, sich vom Profifußball zu verabschieden. Es habe lange gedauert.
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Mittlerweil kickt der Rechtsfuß in der siebten Liga für den SV Bauerbauch – gemeinsam mit seinem sieben Jahre jüngeren Bruder Sammy. „Wir lachen viel und es ist ein bisschen wie früher auf dem Bolzplatz, auf dem wir aufgewachsen sind. Das macht einfach Spaß“, sagt der Ex-Profi. Weil Bauerbach bereits am Sonnabend (31. Oktober) spielt, hat er tags darauf Zeit, sich das Duell zwischen Eintracht Frankfurt und dem HSV anzuschauen. Bei Kittel schlagen zwei Herzen in seiner Brust: „Das Duell ist etwas Besonderes für mich: Zum einen die Eintracht, mein Jugendverein, mein Heimatverein, wo ich aufgewachsen bin und mit dem ich immer noch eng verwurzelt bin. Dann der HSV, wo ich eigentlich meine beste und schönste Zeit während meiner Karriere hatte und zu dem ich auch noch einen extrem engen Bezug habe.“
Was Kittel mit dem „extrem engen Bezug“ genau meint? Unter anderem den Austausch mit HSV-Chefcoach Merlin Polzin, der zu Kittels Zeiten bei den Rothosen Co-Trainer war. „Gemeinsam haben wir sehr viel trainiert und gearbeitet. Wir haben regelmäßig Kontakt und ich habe maximale Wertschätzung für Merlin, für seine Entwicklung und seinen Weg. Andersherum hat er hautnah miterlebt, wie sehr mir der HSV am Herzen lag und wie intensiv ich mich mit dem Verein identifiziert habe“, erklärt die langjährige Nummer 10. Mit keinem anderen Teamkollegen seiner Karriere spielte er so oft zusammen wie mit Bakery Jatta – 107-mal. Selbstredend bezeichnet sich Kittel als Fan des 28-Jährigen: „Er ist ein Stehaufmännchen, der für jede Mannschaft extrem wichtig ist. Natürlich hat er seine Aufs und Abs hat, aber er ist ein absoluter Teamspieler und ein herzensguter Mensch ist.“ Zugleich ist Kittel beeindruckt von der Entwicklung von Youngster Louis Lemke, der beim HSV der jüngste Profi und Torschütze der Geschichte ist. Es sei auch ein Zeichen von Polzins Mut, junge Spieler in der Bundesliga einzusetzen.
Dort begegnen sich nun am Sonntag (1. November) um 17.30 Uhr zum Abschluss des 8. Spieltags Eintracht Frankfurt und der HSV, nachdem sich beide bereits am vergangenen Dienstag (26. Oktober) zum Pokalduell im Volksparkstadion gegenüberstanden – mit dem besseren Ende für die Adlerträger (3:1). Kittels Einschätzung: „Durch den Sieg im Pokal hat die Eintracht an Selbstvertrauen dazu gewonnen. Merlin wird die Mannschaft darauf einstellen, eine Reaktion zu zeigen. Die Stimmung in Frankfurt ist aktuell nicht perfekt. Man kann etwas mitnehmen. Es kann wieder in beide Richtungen gehen.“ Auf die Frage nach einem Ergebnistipp antwortet er diplomatisch: 2:2-Unentschieden. Es sind schließlich beides seine Herzensvereine.
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Das komplette Gespräch mit Sonny Kittel, in der er auf das zweite Aufeinandertreffen seiner beiden Ex-Clubs blickt, deren sportlichen Entwicklung einordnet, sowie über seine eigene Zeit in Hamburg und Frankfurt spricht, und tiefe Einblicke in den Umgang mit schweren Verletzungen, aber auch sein Karriereende wider Willen gibt, gibt es im HSV-Podcast „PUR DER HSV“ (Spotify, Apple Podcasts, Podigee).
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