
Sieben Monate Reha, unzählige Einheiten und viel Zeit mit sich selbst: Viktoria Schwalm hat einen langen Weg zurück auf den Platz hinter sich. Nach ihrem Meniskusriss im November 2025 feierte die 28-jährige Angreiferin zum Bundesliga-Auftakt gegen den SC Freiburg (1:1) ihr Pflichtspiel-Comeback für die HSV-Frauen und kam auch am vergangenen Wochenende beim VfB Stuttgart (1:2) als Jokerin zum Einsatz. Zwischen den beiden Partien sprach Schwalm über die schwierigsten Momente ihrer Reha, ihren bewussten Rückzug und darüber, warum sie ihrer Verletzung heute sogar etwas Positives abgewinnen kann.
HSV.de: Viktoria, eine lange Verletzungspause liegt hinter dir. Wie hast du die einzelnen Schritte deiner Reha erlebt?
Viktoria Schwalm: Nach der Verletzung bin ich zunächst zu meiner Familie gegangen, weil meine Wohnung im vierten Stock ohne Fahrstuhl mit Krücken und Schiene kaum zu bewältigen war. Ich bin den sportlich Verantwortlichen des HSV sehr dankbar, dass sie mir die nötige Zeit gegeben und gesagt haben: „Mach das so lange, wie du es brauchst.“
Ab Januar ging es im Athleticum am Volkspark mit täglicher Physiotherapie und individuellem Training für mich weiter, ab Mai folgte dann mit unserem Reha-Trainer zusätzliches Krafttraining. Das Ziel war immer klar: fit für die neue Saison werden, ohne etwas zu überstürzen. Jede zusätzliche Woche sollte meinem Meniskus und meinem Körper Zeit geben, sich an die Belastung zu gewöhnen, damit ich möglichst gut vorbereitet und belastbar zurückkehren konnte.

Wie bist du mental mit dieser langen Zwangspause umgegangen?
Ich habe mich nach der Verletzung bewusst ein Stück weit zurückgezogen. Mental hätte es mir nicht gutgetan, den anderen beim Training zuzuschauen. Das hätte mich eher runtergezogen. Deshalb habe ich mich in dieser Phase als Einzelsportlerin gesehen und meinen Fokus komplett auf die Reha und mein Comeback gelegt. Für mich war das auch eine Form von Selbstschutz.
Was hat dir dabei besonders geholfen?
Im Athleticum hatte ich Menschen an meiner Seite, die mich sehr unterstützt haben. Mit ihnen konnte ich lachen, weinen und auch über Dinge abseits des Fußballs sprechen. Besonders gutgetan haben mir die Begegnungen mit anderen Sportlerinnen und Sportlern. Beim gemeinsamen Training ging es nicht darum, wer Fußballprofi ist oder welchen Sport jemand macht. Wir waren einfach Menschen, die gerade eine ähnliche Situation durchmachen. Diese Momente haben mir geholfen, weil ich dort nicht die Fußballerin sein musste, sondern einfach ich selbst sein konnte.
Hat diese Zeit auch deine Rolle innerhalb der Mannschaft verändert?
Diese Zeit nicht unbedingt, aber ich merke, dass sich meine Rolle als Fußballerin insgesamt verändert hat. Zu meiner Zeit in Potsdam war ich stark in einer Leaderrolle und habe viel Verantwortung übernommen. Hier in Hamburg habe ich mich bewusst etwas zurückgenommen und ebenfalls meinen Platz in der Mannschaft gefunden. Ich merke mittlerweile, dass ich keine klassische Leaderrolle brauche, um etwas weiterzugeben. Durch meine vielen Jahre in der Bundesliga und die Zusammenarbeit mit Mentalcoaches und Sporttherapeuten habe ich ein gutes Gespür dafür entwickelt, wann jemand vielleicht einen Tipp oder ein Gespräch braucht. Dann frage ich einfach mal: „Ist alles okay? Wenn du nicht reden willst, ist das auch okay – ich wollte dir nur sagen, ich bin da.“ So kann ich meine Erfahrung gezielt weitergeben, wenn sie gebraucht wird.

Im Testspiel gegen Mainz warst du nach rund sieben Monaten zurück auf dem Platz – und hast direkt getroffen. Wie war dieser Moment?
Als ich wusste, dass ich spielen werde, war ich vor allem aufgeregt. Nach sieben Monaten Reha habe ich mir gesagt: Du bist endlich wieder auf dem Platz, also genieße es.
Dass ich dann direkt ein Tor geschossen habe, war natürlich perfekt. Man stellt sich seine Rückkehr vorher manchmal vor und denkt: Vielleicht schieße ich ja ein Tor. Und dann passiert es tatsächlich – und es war auch noch ein schönes. (grinst) In dem Moment war ich fast ein bisschen überwältigt. So richtig realisiert habe ich es erst ein paar Tage später, als ich mir die Szene noch einmal angeschaut habe.
Beim Bundesliga-Auftakt gegen Freiburg hast du dann erstmals nach deiner Verletzung auch wieder im Volksparkstadion gespielt. Wie hat es sich angefühlt?
Zunächst einmal waren die Gedanken an das Spiel gegen Frankfurt, in dem ich mich verletzt hatte, und die damit verbundenen Flashbacks noch bis zur Erwärmung präsent. Aber sobald ich in der Kabine war, ging mein Fokus nach vorne. Als wir rausgegangen sind, ich die Zuschauer gesehen und den Rasen betreten habe, war vor allem dieses schöne Gefühl da: Endlich bin ich wieder hier. Die Freude darüber, dass es wieder losgeht, war viel größer als die Nervosität.
Mein Freund hat für meine Familie mitgefilmt. Dabei sagte der Stadionsprecher: „Endlich nach langer Verletzungspause wieder auf dem Platz ...“ Solche Kleinigkeiten machen einem noch einmal bewusst, was hinter einem liegt und wie lange man auf diesen Moment hingearbeitet hat.
Wenn du heute zurückblickst: Was hat diese Verletzung mit dir gemacht?
So schwer die Zeit war, hatte sie für mich auch eine positive Seite. Ich habe mich noch einmal anders kennengelernt, bewusster auf meinen Körper gehört und die Zeit genutzt, um Dinge zu reflektieren und aufzuarbeiten. Gerade meine letzten Jahre in Potsdam waren von viel Druck und Verantwortung geprägt. Während der Verletzung habe ich irgendwann gemerkt, dass dieser Druck ein Stück weit weg war und ich wieder richtig durchatmen konnte. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich in meinem Zimmer lag, kurz vor dem Einschlafen, und plötzlich dachte: Ich kann wieder richtig tief durchatmen. Ich war einfach voll bei mir.
Wenn ich also etwas Positives aus der Verletzung mitnehme, dann genau das: Ich hatte die Zeit, Dinge aufzuarbeiten, mich neu zu sortieren und noch einmal ganz bewusst an mir selbst zu arbeiten.
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