
Nationalmannschaft
19.06.26
Vom HSV in die weite Welt: Wie „Jona“ es zu seiner ersten WM schaffte
Nationalspieler Jonathan Tah wurde einst im Nachwuchs der Rothosen ausgebildet und machte beim Hamburger SV auch die ersten Schritte im Profifußball. Zwei Weggefährten erinnern sich an seine Anfänge.
Jo-na-tan oder doch Dscho-na-than? Als ein Journalist den Vornamen von Jonathan Tah auf einer Pressekonferenz englisch aussprach, sorgte das für Schmunzeln. Bei dem Spieler selbst, seinem Nationalmannschaftskollegen Nico Schlotterbeck und den übrigen Medienvertretern im Saal. Um das Malheur zu vermeiden, hätte auch „Jona“ gereicht. Diese Variante ist heute genauso geläufig wie damals, als Tah noch im HSV-Nachwuchs aktiv war. Von dort aus führte sein Weg bis zur ersten WM-Teilnahme.
„Es gab den einen oder anderen Spieler, bei dem ich gedacht habe: Wer, wenn nicht er, schafft den Durchbruch? Jona zählte dazu“, sagt Jan Hasenkamp im Gespräch mit HSV.de. Der 52-Jährige ist seit fast zwei Jahren Athletiktrainer bei den HSV-Profis, zuvor war er über 20 Jahre im Nachwuchs der Rothosen tätig. Dort betreute Hasenkamp unter anderem den jungen Tah. Als Verantwortlicher für den Athletikbereich am Campus begleitete er die Entwicklung zahlreicher Talente. „Jona war in seinem Jahrgang außergewöhnlich. Das lag nicht nur an seiner körperlichen Präsenz, sondern auch an seinen fußballerischen Fähigkeiten. Außerdem war er ein echter Führungsspieler. Er war ehrgeizig, fokussiert und selbstbewusst“, sagt Hasenkamp. Die einhellige Meinung am Campus war damals, dass „Jona“ früher oder später Nationalspieler werden würde.

In eine ähnliche Kerbe schlägt HSV-Legende Rodolfo Cardoso, der Tah im August 2013 zu seinem ersten Bundesliga-Startelfeinsatz verhalf. Zuvor setzte der Argentinier den Youngster bereits das erste Mal in der Regionalliga ein. Dazwischen lag gerade einmal eine Woche. „Ich habe in Jona eine sehr große Zukunft gesehen. Bei manchen Spielern hat man einfach so ein Gefühl“, sagt Cardoso.
„In der kurzen Zeit, die ich ihn trainieren durfte, war sein Talent unübersehbar. Er hatte die Fähigkeiten, ein großartiger Spieler zu werden. Viele Talente bleiben auf der Strecke, aber er ist immer weitermarschiert und hat sich durchgebissen.“ Als Cardosos Interimszeit als Trainer der HSV-Profis nach zwei Spielen endete und der Niederländer Bert van Marwijk übernahm, empfahl er Tah seinem Nachfolger. „Van Marwijk hatte sich bei mir nach ihm erkundigt. Ich meinte zu ihm, dass Jona ein talentierter Spieler ist und der Weg mit ihm weitergehen müsste“, erklärt Cardoso, der zuletzt die HSV-Frauen zum Bundesliga-Klassenerhalt führte.
Tah absolvierte für die HSV-Profis 20 Pflichtspiele (eine Vorlage), ehe er im Sommer 2014 für ein Jahr an den damaligen Zweitligisten Fortuna Düsseldorf verliehen wurde und im Anschluss daran zu Bayer 04 Leverkusen wechselte. Unter dem Bayer-Kreuz gewann das HSV-Eigengewächs in der Saison 2023/24 das Double aus Deutscher Meisterschaft und DFB-Pokal. Im vergangenen Sommer schloss er sich dem FC Bayern München an und holte erneut die beiden Titel.
Am 3. Spieltag der Bundesliga-Saison 2025/26 kam es schließlich zum Wiedersehen mit dem HSV – und mit Hasenkamp. „Wir haben uns in diesem Moment nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder gesehen. Es war eine herzliche Umarmung. Es gibt ein Foto, das die Situation gut einfängt. Es war nicht gestellt, sondern entstand ganz spontan“, erinnert sich der Athletiktrainer.

„Für mich hat dieser Moment gezeigt, dass aus unserer gemeinsamen Zeit von früher etwas geblieben ist. Wir haben uns kurz unterhalten. Ich habe ihm zum Sieg gegen uns und zu seinem bisherigen Weg gratuliert. Außerdem habe ich ihm gesagt, dass ich seine Entwicklung verfolgt habe und mich sehr über das Wiedersehen freue.“
Hasenkamp verfolgt die Wege vieler ehemaliger Schützlinge aufmerksam. „Ich freue mich, wenn sie etwas erreichen. Bei Spielern aus dem eigenen Nachwuchs ist es noch mal ein Stück weit besonderer, weil man sie länger kennt“, sagt er. „Letztlich ist das der Lohn unserer Arbeit, und damit meine ich nicht nur meine eigene, denn an der Entwicklung eines Spielers sind viele Trainer beteiligt.“ Für Hasenkamp ist es ein „tolles Gefühl“, wenn jemand wie Tah nach zehn Jahren „als gestandener Nationalspieler und Mann“ vor ihm steht.
Tah nimmt aktuell mit der DFB-Auswahl an der WM in Kanada, Mexiko und den USA teil. Es ist die erste Weltmeisterschaft seiner Karriere und nach der EM 2024 bereits das zweite große Turnier. Beim 7:1-Auftaktsieg der Deutschen gegen Curacao stand der 30-Jährige über die gesamte Spieldauer auf dem Platz. Mittlerweile kommt er auf 48 Länderspiele für die Nationalmannschaft. Nun warten die Partien gegen die Elfenbeinküste (20. Juni), für die Tah aufgrund der Herkunft seines Vaters ebenfalls hätte auflaufen können, und Ecuador (25. Juni). Unabhängig von deren Ausgang dürften sich Weggefährten wie Hasenkamp oder Cardoso aus mehreren Tausend Kilometern Entfernung darüber freuen, wie weit „Jona“ es gebracht hat.
