
27.04.2023
„Wir streben immer nach einer guten Balance“
Cornelius Göbel, Direktor Fans, Kultur und Identität, spricht im Interview auf hsv.de zu Ticketpreisen, kontroversen Diskussionen mit der Anhängerschaft und zur Preispolitik des HSV.
hsv.de: Die Themen Ticketpreise und Fankultur sind spätestens seit Düsseldorfs neuem Projekt „Fortuna für alle“ in aller Munde. Demnach will die Fortuna in der kommenden Saison in drei Spielen kostenfreie Tickets ausgeben, die von Sponsoren und Partnern finanziert werden. Was sagst du zu diesem Vorhaben?
Cornelius Göbel: Dinge neu zu denken und mutige Wege zu gehen, ist grundsätzlich wichtig für den deutschen Fußball und die Bundesliga. Mit Augenzwinkern könnte ich auch sagen, dass der Fortuna 16 weitere Spiele gegen den HSV vermutlich auch ein volles Stadion bringen würden. Spaß beiseite – und was ich damit sagen möchte: Die Auslastung eines Stadions ist nicht ausschließlich am Preis des Tickets festzumachen oder zu bewerten. Es geht um viel mehr: Stadionerlebnis und Emotionen, sportliche Relevanz, Attraktivität des Gegners, Wetterlage, Kaufkraft der Region etc. Natürlich beobachten wir die Vorgänge in Düsseldorf mit großem Interesse und wünschen der Fortuna viel Erfolg.
Rund ums Hamburger Stadtderby gab es zuletzt Diskussionen um die Ticketpreise des HSV. Was hast du aus den Protesten auf der Nordtribüne beim Heimspiel gegen Hannover und dem folgenden Austausch mit der Fanszene mitgenommen?
Das Thema Ticketpreise ist in der Fußballgeschichte ein viel diskutiertes Thema und polarisiert immer wieder die Menschen im Stadion, nicht nur die aktive Fanszene. Wir nehmen die formulierte Kritik sehr ernst und sind bereits - auch schon vor diesem Protest - im Austausch mit unterschiedlichen Interessengruppen. Uns ist durchaus bewusst und wichtig, dass der Fußball grundsätzlich für alle Menschen bezahlbar und zugänglich sein soll. Daher gibt es beim HSV ein seit Jahren variables und sensibles Preissystem, welches wir im Dialog mit unserem Fan- und Gremienrat aktuell und mit Blick auf zukünftige Preisgestaltungen diskutieren und bewerten. Zur Wahrheit gehört an dieser Stelle allerdings auch, dass wir im Fußball und beim HSV auch weiterhin Diskussionen über die Höhe der Ticketpreise haben werden.
Lassen sich die Forderungen der organisierten Fanszene mit den wirtschaftlichen Zwängen der HSV Fußball AG überhaupt vereinbaren?
Dass die Perspektiven einer Aktiengesellschaft und die Perspektive leidenschaftlicher Fans nicht eins zu eins übereinander zu legen sind, ist wohl jedem klar. Dass wir mehr als eine AG sind und als Teil einer der bedeutendsten Sportvereine Deutschlands mehr als die Gewinnmaximierung anstreben, ist unser klarer Anspruch. Der Spieltag unserer Bundesligamannschaft ist unser Kernprodukt. Einordnend und mit Blick auf den HSV stellen die Ticketeinnahmen unsere stärkste Erlösquelle dar. Das kann unsere Anhängerschaft nachvollziehen, und daher streben wir immer nach einer guten Balance in dieser Fragestellung.
Sind die Ticketpreise des HSV mit denen anderer Clubs vergleichbar?
Eine Vergleichbarkeit zu anderen Clubs und ihren Preisgestaltungen pauschal zu ziehen, ist nicht möglich. Dass beispielsweise zum Hamburger Stadtderby höhere Preise aufgerufen werden, liegt nicht nur an der fankulturellen und sportlichen Relevanz sowie hoher Nachfrage, sondern u.a. auch an den höheren Kosten beispielsweise im Bereich der Sicherheit. Und es gibt noch andere wichtige Unterschiede. Beim HSV ist z.B. in jeder Public-Eintrittskarte ein HVV-Ticket für den gesamten Spieltag für den Großraum Hamburg integriert. Dies ist kein „Goodie“ des HVV – der HSV zahlt für jeden Stadionbesucher an dieser Stelle. Wir wollen mit diesem Kombiticket zudem einen Beitrag zur autofreieren Anfahrt zu unseren Spielen leisten. Darüber hinaus versuchen wir sensibel mit unterschiedlichen Zielgruppen umzugehen: Unser Familienblock für Kinder und Familien, unser Hamburger-Weg-Block für Kinder aus benachteiligten Strukturen oder unsere Inklusionstickets sind Beispiele dafür. Die Zielgruppenansprache wird auch in Zukunft große Bedeutung haben. So werden wir gemeinsam mit Unterstützern des Vereins in der kommenden Saison ligaunabhängig einen eigenen Block für Jugendliche zu stark vergünstigten Konditionen in unmittelbarere Nähe zur Nordtribüne ermöglichen. Ich denke, dass man prinzipiell von einer Entwicklung sprechen kann, die auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten unserer Fans ausgerichtet ist.
Um zum Schluss noch auf die positiven Dinge einzugehen – was sagst du zum Zuschauerschnitt von 53.220 im Volksparkstadion? Welche Bedeutung hat dieser Wert für den HSV?
Wie bereits erwähnt, sind die Ticketeinnahmen für den HSV existenziell. Das aktuelle Momentum mit Blick auf die große Begeisterung und Nachfrage für und am HSV, die Verbindung zwischen Mannschaft und Fans sowie die beeindruckende Stadionauslastung sind als sehr positiv für den HSV zu bewerten. Dafür haben wir in den vergangenen Monaten und Jahren die Weichen gestellt – u.a. durch den strategischen Fokus und Investitionen im Bereich der jungen Zielgruppen, den Kampf gegen Diskriminierung und eine klare Haltung zu gesellschaftlichen Themen sowie die fankulturelle Entwicklung unserer Nordtribüne. Wir haben so viele junge Menschen – Kinder, Familien und Jugendliche – wie nie im Stadion. Dabei denke ich u.a. an die Gründung der Young Ones, unserer Community für 13- bis 17-jährige Fans, oder die kostenfreien Kita-Lesungen von Dino Hermann im ganzen Norden. Darüber hinaus sorgt unsere Nordtribüne, unsere aktive Anhängerschaft, für eine einzigartige Atmosphäre, die das ganze Stadion mitreißen kann. Wir sollten nicht unter den Tisch fallen lassen, dass wir derzeit den mit Abstand höchsten Zuschauerschnitt aller Zweitligisten weltweit haben. Der HSV ist damit Weltmeister in dieser Disziplin!
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