
Man muss schon lange suchen, um die Farbe Lila im oder um das Volksparkstadion zu entdecken. An der Fassade gibt es sie nicht, im weiten Rund auch nicht und auf dem Rasen noch weniger. Doch wer die Geschäftsstelle Ost betritt und am Empfang nach links geht, wird nach ein paar Metern in einem Büro fündig. An der Rückseite der Tür hängt ein lilafarbenes Plakat mit der Aufschrift: „Wenn’s gut läuft, fahren wir nach Berlin. Wenn’s schlecht läuft, fliegen wir.“ Es ist eine Bewerbung für das DFB-Pokalspiel zwischen dem HEBC und Borussia Dortmund am 1. September (Anpfiff: 20.45 Uhr, Tickets sind hier erhältlich), das genau dort ausgetragen wird, wo das Plakat hängt: im Volksparkstadion. Dass es ausgerechnet an dieser Tür hängt, ist kein Zufall: In dem Büro sitzen zwei HSV-Mitarbeiter, die in ihrer Freizeit für den HEBC spielen und dem Spiel ihres Lebens entgegenfiebern.

Die Rede ist von Janek Wrede und Robert Schick. Wrede, 33, ist bereits seit 2018 in der Scouting-Abteilung des HSV tätig und beschäftigt sich die meiste Zeit mit Daten, indem er die Statistiken von möglichen Neuzugängen auswertet. Schick, 23, zählt seit dem vergangenen Oktober zum Teammanagement und kümmert sich um Angelegenheiten rund um die HSV-Profis. Im Büro sitzen sich die beiden schräg gegenüber, im Verein spielt Wrede in der Abwehr und Schick im Mittelfeld. „Es ist eine außergewöhnliche Geschichte, dass wir beide von der HSV-Geschäftsstelle offiziell im Volkspark spielen können. Jeder hier freut sich für uns“, sagt Schick, der aus Berlin stammt und über die Arbeit eine Verbundenheit zur Raute gefunden hat. Wrede wurde im schleswig-holsteinischen Hamfeld geboren und ist schon immer HSV-Fan. „Es ist ein absolutes Highlight, einmal selbst auf dem Platz erleben zu dürfen, was ich sonst immer nur von außen beobachte“, sagt er.
Schick nennt es ein „unglaubliches Glück“, wie es zu dieser Konstellation im DFB-Pokal gekommen ist. Um das Ausmaß zu begreifen, muss man den Hamburg-Eimsbütteler Ballspiel-Club besser verstehen. Der HEBC spielt zwar im siebten Jahr ohne Unterbrechung in der Oberliga, doch laut Schick gebe es zig Dinge, „die zeigen würden, dass wir alles sind, aber kein Oberligist“. Die ersten Herren haben lediglich zweimal die Woche Training und dabei steht ihnen nur die Hälfte des Platzes zur Verfügung. Anders als an anderen Standorten in der Liga bekommen die Spieler beim HEBC kein Geld und nicht einmal im eigenen Stadtteil sind sie die Nummer eins, weil es auch noch den Eimsbütteler TV und den SC Victoria gibt. „Es ist eine Riesenchance für uns als Verein, mehr gesehen zu werden“, sagt Wrede über das Pokalspiel gegen den BVB.

Aber wie lief die Organisation ab? „Unsere Strukturen sind für eine solche Planung nicht ausgelegt. Wer kennt sich schon umfangreich mit dem Profifußball als Geschäft und der Abwicklung eines solchen Pokalspiels in einem Amateurclub aus? Die Verantwortung hat sich auf ein paar Schultern verteilt und dann hat sich jeder sein eigenes Projekt geschnappt“, erklärt Teammanager Schick. „Bei mir war es Social Media, Wrede hat die Klamotten organisiert. So läuft es einfach bei uns. Wir kümmern uns selbst darum. Bei den großen Themen wurden wir vom DFB und dem HSV gut unterstützt. Anders wäre es nicht möglich gewesen.“
Ende Mai gewann der HEBC den Hamburger Landespokal nach einem 5:1-Sieg im Finale gegen den SC Vorwärts-Wacker Billstedt und qualifizierte sich damit zum zweiten Mal überhaupt nach 1935 für den DFB-Pokal. Die Auslosung der 1. Runde verfolgte Wrede in der U-Bahn, und als gerade der Gegner verkündet werden sollte, fiel der Empfang aus und der Stream brach ab. Erst als der Zug das Funkloch wieder verließ, erschienen bei ihm zig Nachrichten auf dem Display. „Ich wusste nicht mehr, was abgeht“, muss Wrede schmunzeln. Schick war zur gleichen Zeit mit einem Mitspieler im Urlaub in Vietnam. Durch die Zeitverschiebung war es 1 Uhr nachts, als die beiden mit mehr als 20 Fremden in einem Hostel die Auslosung verfolgten. „Wir sind komplett ausgerastet, als wir Dortmund zugelost bekommen haben. Die meisten haben nicht ganz verstanden, worum es genau geht. Einer hat ‚We Are The Champions‘ angemacht und alle haben sich gefreut“, erzählt Schick lachend vom „Gänsehaut-Moment“.

Gänsehaut ist eh eines dieser Dinge, die dieses Pokalspiel gegen den achtfachen Deutschen Meister aus Dortmund umgeben. Wenn Wrede von dem Moment spricht, wie er als Kapitän den HEBC im Volkspark aufs Feld führen wird, richten sich bei ihm die Haare auf. Bei Schick passiert das Gleiche, wenn er davon erzählt, wie man als Kind Szenarien wie ein WM-Finale oder so etwas wie dieses Pokalspiel gedanklich durchgespielt hat. „Vermutlich kann man es nicht genug genießen“, sagt er. „Wenn wir uns mit der Mannschaft im Spielertunnel sammeln und zum ersten Mal zum Aufwärmen rausgehen, dann werden unsere Familien und Freunde schon da sein. Das wirst du nie vergessen.“ Wrede ergänzt: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie es am Ende vor so vielen Menschen sein wird. Es muss unglaublich sein. Das wird man wahrscheinlich erst in den Moment oder in den Wochen danach begreifen.“
Die beiden sind sich einig, dass es für sie kaum etwas Größeres geben könnte, als im DFB-Pokal mit HEBC zu spielen, gegen Borussia Dortmund, im Volksparkstadion, ihrem Arbeitsplatz. „Besser geht es nicht“, sagt Schick, der nicht selten einen Ball am Fuß kleben hat, wenn er eine Mail verschickt oder einen Anruf entgegennimmt.
Manchmal schaut der eine oder andere, der eng am Profiteam dran ist, im Büro vorbei. Eine gute Gelegenheit, einmal nach einer Gegneranalyse von Borussia Dortmund zu fragen? „Wenn wir ehrlich sind, würde uns das nicht viel bringen“, meint Schick. „Der HSV hat ganz andere Möglichkeiten, Dortmund vor Herausforderungen zu stellen. Wir müssen laufen, so lange wie wir können, und irgendwie versuchen, keine Gegentore zu bekommen.“ Der 23-Jährige wünscht sich, dass es nicht zweistellig wird. Kapitän Wrede möchte so lange wie möglich ein Ergebnis halten, das noch Spaß beim Zugucken macht. „Wir müssen härter arbeiten, als wir es jemals in einem Spiel gemacht haben“, sagt er. Dann zeichnet er lachend ein Szenario auf: Vielleicht gibt es 47 Chancen für den BVB und der Ball will einfach nicht rein.

Dass es vermutlich nicht so kommen wird, geschenkt. Schick und Wrede wissen es einzuordnen. Durch ihre Arbeit beim HSV wissen sie, wie groß die Unterschiede vom Amateur- zum Profifußball sind. „Es gibt häufig die Momente, in denen ich gern bei Diskussionen unter meinen Mitspielern eingreifen will. Wenn einer beispielsweise kritisiert, dass ein Profi zu langsam ist, dann ist er nur im Vergleich auf dem Niveau ‚langsam‘, aber in Realität ist er immer noch schneller als alle von uns – mit dem Ball sogar“, erklärt Scout Wrede. Schick berichtet von einer anderen Erfahrung: Als der BVB im November 2025 im Volkspark zu Gast war (1:1), stand er in der Mixed-Zone neben Nico Schlotterbeck und Emre Can. „Da war ich kurz baff. Einfach von ihrer Erscheinung. Die sind von oben bis unten durchtrainiert. Einige von uns werden ein bisschen schlucken, wenn solche einmal neben denen stehen“, sagt er.
Am kommenden Dienstag werden sie es erleben. Ursprünglich wollten die Eimsbütteler mit ihren Fahrrädern zum Stadion kommen, stattdessen stellt der HVV einen Linienbus mit den passenden Vereinsfarben und kutschiert die Mannschaft zum Volksparkstadion. Der Gang in die Katakomben ist für Wrede und Schick gewissermaßen gewöhnlich, nicht so aber für die Mitspieler. Wrede glaubt, dass das Duell zwischen dem HEBC und Borussia Dortmund den ursprünglichen Gedanken des DFB-Pokals verkörpert: „Da trifft ein absoluter Amateurclub auf einen der größten deutschen Vereine. Anpfiff, und dann schauen wir mal, was dabei rumkommt.“
Schick erinnert zum Ende des Gesprächs an das Plakat an der Tür. „Ich habe mich so sehr daran gewöhnt, dass ich manchmal vergesse, wie verrückt es eigentlich ist. Das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich es mir ganz aktiv anschaue. DFB-Pokal, HEBC, Dortmund – wie klingt das bitte?!“
Tickets für das Pokalspiel im Volksparkstadion sind hier erhältlich.
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