
30.08.2026
Ein Stadtteil und sein größtes Spiel
Der HEBC steht vor der größten Partie seiner 115-jährigen Vereinsgeschichte. Vor dem DFB-Pokal-Kracher gegen Borussia Dortmund am Dienstagabend um 20.45 Uhr im Volksparkstadion blickt HSV.de auf den besonderen Weg der Lila-Weißen und ein echtes David-gegen-Goliath-Duell.
„Eimsbüttel ist Lila!“ und „Football’s coming Eimsbüttel“ – ein Stadtteil macht sich fein und feiert einen seiner Fußballclubs. Die Sparkasse ist im Pokal-Fieber, der Supermarkt um die Ecke sowieso und das Lieblings-Café natürlich auch. Und seit Dienstagnacht strahlt das Bezirksamt am Grindelberg an jedem Abend bis zum Anpfiff mit einem großen lilafarbenen Herz auf seiner Fassade. Grund dafür ist der Hamburg-Eimsbütteler Ballspiel-Club, kurz HEBC bzw. liebevoll auch „Hebbs“ genannt. Sportliche und emotionale Höhepunkte gab es in der langen Geschichte dieses Vereins schon so manche. Doch der Kick, auf den die Lila-Weißen jetzt zusteuern, ist zweifelsohne der absolute Höhepunkt der nunmehr 115-jährigen Club-Historie und Auslöser eines beispiellosen Hypes. Er liefert Stoff für Heldensagen und jene berühmten Geschichten, von denen man noch Jahre später seinen Kindern und Enkeln berichten wird – gefragt und ungefragt. Erzähl doch noch mal: Wie war das damals, an diesem 1. September 2026 im Volkspark?
Wer vor Ort zum unmittelbaren Zeit-, Augen- und Ohrenzeuge des „HEBC-Jahrhundertspiels“ werden will, hat dazu noch die Chance – hier gibt es Tickets. Und zur historischen Einordnung und finalen Einstimmung dröseln wir das „große Ding“ hier nochmal in aller Ruhe auf.

Vom SC Elbe zum HEBC, vom Heiligengeistfeld … zum Reinmüller … in den Volkspark
Der Weg zu diesem Pokal-Kracher auf Bundesliga-Rasen begann – wie bei so vielen Hamburger Traditionsvereinen – auf dem staubigen Geläuf von St. Pauli. Erste Spielstätte des 1911 gegründeten „Sportclub Elbe“ war die Freifläche des Heiligengeistfeldes. Es folgte ein wildes erstes Jahrzehnt, in dessen Verlauf der Verein gleich dreimal fusionierte, ehe 1921 durch den Zusammenschluss mit dem Eimsbütteler SC der heutige „Hamburg-Eimsbütteler BC“ entstand.
Dessen Kultstatus in Hamburger Amateurfußball-Kreisen basiert nicht unwesentlich auf seiner legendären Sportanlage in der Tornquiststraße. Seit Anfang der 1930er-Jahre ist auf den Hamburger Stadtplänen der „Professor-Reinmüller-Sportplatz“ dokumentiert. Sein Namenspatron Prof. Dr. Paul Reinmüller war langjähriger Leiter des damals in Eimsbüttel beheimateten Heinrich-Hertz-Realgymnasiums und förderte begabte Schüler mit Stipendien.
Heute steht sein Name aber vor allem exemplarisch für eine nahezu verschwundene Epoche des urbanen Sportstättenbaus: ein Grandplatz, mitten ins Quartier gesetzt, direkt zwischen die Häuserzeilen, eine „Oase“ des kleinen Mannes: „roter Rasen“ – pflegeleicht, aber vor allem auch sehr staubig. Grätschen? Nur was für Könner oder Hartgesottene. Und wer von den Anwohnern, so erzählte man es sich, sonntags, wenn die „Veilchen“ vom „Vierbuchstabenverein HEBC“ auf Torejagd gingen, seine Wäsche zum Trocknen raushängte, war entweder leichtsinnig oder ahnungslos, weil frisch zugezogen. Bei den Lila-Weißen gab es schon immer ehrlichen Fußball mit Höhen und Tiefen zu sehen, auch vom Balkon aus.

Pokal-Pionier anno 1935
Auch auf der großen Pokalbühne ist der HEBC kein gänzlich unbeschriebenes Blatt. Der Ballspielclub zählte nämlich bei der Premiere des deutschen Pokalwettbewerbs quasi zu den 62 „Gründungsvereinen“. Bei der allerersten Ausspielung des DFB-Pokals 1935 gingen rund 4.100 Mannschaften von der Kreisklasse bis zur Gauliga an den Start. Über mehrere regionale Runden wurden die Teilnehmer für die erste deutschlandweite Runde ermittelt. Für diese qualifizierte sich nach Siegen über den SC Urania (3:1), den Polizei SV (6:2) und den Bremer SV (5:3) überraschend auch der HEBC– seinerzeit der „Hammonia“-Staffel der Hamburger Bezirksklasse angehörig. Das Los fürs historische erste Hauptrundenspiel bescherte – ausgerechnet – ein Stadtteil-Derby. Und beim nur etwa zwei Kilometer entfernten Eimsbütteler TV setzte es eine deftige 0:7-Klatsche vor 2.000 Zuschauern auf dem ETV-Platz am Lokstedter Steindamm.
Die aktuelle HEBC-Internetseite führt in der Rubrik „Verein – Unsere Geschichte“ noch ein weiteres „DFB-Pokal-Spiel“ auf: Anfang Juni 1953 hielt man sich im K.-o.-Spiel beim 0:3 (0:0) gegen den Nord-Oberligisten Werder Bremen lange sehr wacker. Das Ganze war allerdings ein Drittrunden-Spiel der Nord-Qualifikation, zählt also offiziell und statistisch nicht als Begegnung des DFB-Pokals.
3.000 Zahlende sollen damals gegen Werder die Stehtraversen um das Grand-Geviert des „Reinmüller“ gesäumt haben. Volle Hütte, aber beileibe nicht der Platzrekord! Den gab es ein paar Jahre später im Punktspielbetrieb: Aus heutiger (An-)Sicht (der Anlage) unvorstellbare, ja geradezu „sardinenbüchsige“ 5.000 sollen im März 1958 sowie im März 1959 zugegen gewesen sein, als HEBC in der damals zweitklassigen Amateurliga Hamburg Bergedorf 85 (3:3) bzw. Wilhelmsburg 09 (1:2) empfing.
Die bislang größte Kulisse für HEBC-Spieler waren aber auch die nicht. Die datiert vom 2. Juni 1957 und einem Finale am Millerntor. Im Entscheidungsspiel um die Meisterschaft der Verbandsliga Hamburg, Staffel „Germania“, und den Aufstieg in die Amateurliga trafen sich die punktgleichen Eimsbütteler Ballspiel-Clubberer und FTSV Komet Blankenese. 12.000 bis 17.000 (die Angaben in zeitgenössischen Berichten schwanken stark) waren zugegen, als der HEBC mit 4:1 triumphierte. Schön, dass dieser unbefriedigend ungenaue Rekord nun neu justiert und vor allem neu verortet wird!

Fünfter „Untermieter“ im Volkspark, einer von neun Umzüglern im Pokal 2026/27
HEBCs bisherige Pokalreise bis zum Höhepunkt und zur voraussichtlichen Endstation am Dienstag im Volkspark führte kreuz und quer durch die Stadt: Von Harburg (6:1 beim FC Victoria) über die Sternschanze (5:2 beim VfL Hammonia), um die Ecke an die Vogt-Kölln-Straße (8:0 beim SV West-Eismbüttel) und nach Nienstedten (1:0 beim SC) bis zum Verbandspokalfinale in Hoheluft (5:1 gegen SV Vorwärts-Wacker 04 Billstedt). Das zweite Hamburger Endspiel, und dieses Mal – anders als 1983 in Altona (5:6 n.E. vs. Hummelsbüttel) – mit dem ganz großen Wurf und dem Sprung in die schönste Lostrommel und das gleißendste Rampenlicht.
Zwei Etappen führten dabei auch auf die schmucke heimische Anlage, die jeweils Pokal-Dramatik in Rein(müller)form erlebte, Elferschießen inklusive – jeweils 4:3 gegen den TSV Bucholz 08 (4. Runde) und den USC Paloma (Halbfinale) . Der „rote Rasen“, der berüchtigte Grand, ist zwar längst Geschichte. Seit 2014 schon rollt der Ball auch an der Tornquiststraße auf Kunstrasen. Eine Perle und Pflicht-Destination im Portfolio eines jeden ernstzunehmenden Groundhoppers bleibt der HEBC-Platz dennoch allemal. In Summe geschätzte 7.000 Fans wurden als bisherige „Reisebegleiter“ registriert. Ein Wert, der nun auf einen Schlag versechsfacht wird. Mindestens.
Der HEBC ist der fünfte „Untermieter“ in der DFB-Pokal-Geschichte des Volksparkstadions. Auch für Altona 93, das 1966 für sein Erstrunden-Match gegen den HSV (0:6; 33.000 Zuschauer) von der Adolf-Jäger-Kampfbahn rüberkam, und vor zwei Jahren den 1. FC Phönix Lübeck vs. Borussia Dortmund (1:4; 50.971 Zuschauer) wurde der Stadion-Wechsel mit den erhofften Rekord-Einträgen in die Club-Chroniken belohnt. Selbst die HSV-Amateure machten vor 30 Jahren ihren Schnitt, als sie gegen Arminia Bielefeld (1:3, 4.200 Zuschauer) in die Arena wechselten. Lediglich der FC St. Pauli konnte 1975 aus dem Kurztrip nach Bahrenfeld weder sportlich noch finanziell Kapital schlagen. Gerade mal 2.100 Zahlende interessierte das Aufeinandertreffen der Braun-Weißen mit dem Süd-Zweitligisten FK Pirmasens (1:1 n.V.). Da hätte man auch am Millerntor bleiben können. Und das Wiederholungsspiel elf Tage später in der Pfalz ging auch noch in die Binsen (2:5).
Neben dem HEBC wechselten aus organisatorischen und sicherheitstechnischen Erwägungen und in Erwartung höherer Zuschauereinnahmen aktuell noch acht andere Erstrunden-Teilnehmer in ein „fremdes“ Stadion. In die 2. Runde Ende November schaffte es bisher keiner dieser Umzügler.
Umzüge in der 1. DFB-Pokalrunde
| Verein | Heim-Stadion (Kapazität) | Ausweich-Stadion | Gegner | Ergebnis | Zuschauer |
|---|---|---|---|---|---|
| SC St. Tönis | Jahn-Sportanlage, Tönisvorst (2.000) | Grotenburg, Krefeld | SG Eintracht Frankfurt | 0:11 (0:10) | 10.893 (ausverkauft) |
| SV Hemelingen | Bezirkssportanlage, Bremen-Hemelingen (4.000) | Weserstadion, Bremen, Östliche Vorstadt | Hannover 96 | 1:9 (0:6) | 13.217 |
| LSK Hansa | Sportanlage Sülzwiesen, Lüneburg (1.500) | Millerntor, Hamburg-St. Pauli | SV Werder Bremen | 0:3 (0:1) | 29.330 (ausverkauft) |
| SSV Jeddeloh II | Haskamp-Arena Edewecht-Jeddeloh II (2.000) | Marschweg-Stadion, Oldenburg | 1. FC Heidenheim | 5:2 (3:1) | 4.600 |
| TSV Schott Mainz | Bezirkssportanlage, Mainz-Mombach (2.500) | Mewa Arena, Mainz | Borussia M'gladbach | 0:5 (0:2) | 16.000 |
| Westfalia Rhynern | Kümpel+Hellmeister-Arena, Hamm/Westfalen (2.500) | Preußenstadion, Münster | SG Dynamo Dresden | 0:6 (0:5) | 6.702 |
| 1. FC Phönix Lübeck | Stadion Buniamshof, Lübeck-Altstadt (2.500) | Lohmühle, Lübeck-St.Lorenz | SC Paderborn 07 | 2:4 (1:2) | 4.414 |
| VSG Altglienicke | Spree-Arena, Fürstenwalde (8.000) | Stadion a.d. Wurfplatz, Berlin-Charlottenburg | VfL Wolfsburg | 3:3 n.V. 5:6 i.E. | 4.942 (ausverkauft) |
| HEBC | Professor-Reinmüller-Platz, Hamburg-Eimsbüttel (2.500) | Volksparkstadion, Hamburg-Bahrenfeld | Borussia Dortmund | ? | ? |
David vs. Goliath in Zahlen
Vor allem die Erstligisten agierten bislang seriös. 16 Duelle, 16 Siege, bei 74:9 Toren. Lediglich Schalke musste in Halle über die Verlängerung gehen. Alle Bundesligisten weiter in Runde 2, das hat es zuletzt in der Spielzeit 2000/01 gegeben.
Dass nun ausgerechnet ein Fünftligist an dieser Bilanz etwas ändert, ist eigentlich auch nicht vorstellbar. Einmal hat es das bisher gegeben, vor 25 Jahren, als der SSV Ulm den 1. FC Nürnberg rauskegelte. Das Fachmagazin kicker erinnerte vor einigen Tagen an dieses Pokal-Unikum, befragte den damaligen Club-Keeper Darius Kampa und zitierte diesen in seiner Schlagzeile: „In 100 Spielen wird das nicht passieren – niemals.“ Eben. Alle Jubeljahre mal, „once in a lifetime“.
Mehr David gegen Goliath geht kaum. Die Bilanz der bisher im laufenden Wettbewerb angetretenen sechs Oberligisten: Sechs Niederlagen, 1:41 Tore. Lediglich der Hemelinger Ledjon Fikaj hatte die Steinschleuder dabei und traf im Weserstadion beim 1:9 gegen Hannover 96 zum zwischenzeitlichen 1:7.

Ein paar weitere Kennzahlen im Vergleich der Kader des HEBC und von BVB mögen den mehrfachen Klassenunterschied illustrieren: kumulierter Marktwert (laut transfermarkt.de): „ohne Angabe“ bzw. 0:529,45 Millionen Euro. DFB-Pokal-Spiele: 0:203. Bundesliga-Spiele 0:1981. A-Nationalspieler: 0:19. A-Länderspiele: 0:464, davon 31 zuletzt bei der WM in den USA Mexiko und Kanada. Sogar in Sachen „Volkspark-Erfahrung“ liegen die BVB-Profis mit zusammengerechnet 34 Pflichtspielen vorn. Beim HEBC steht auch hier die Null – trotz der Super-Volkspark-Insider Robert Schick und Janek Wrede.
So gesehen ist für den HEBC die „Pflicht“ längst erledigt. Das Spiel gegen Borussia Dortmund ist auch nicht die „Kür“, eher das bejubelte „Schaulaufen“. Mit Freude und vor Freunden zeigen, was man draufhat. Und den Festplattenrekorder nicht vergessen. RTL überträgt schließlich live und in Farbe. Die „Heldensagen“ für die nachfolgenden Generationen dokumentieren. „Gewinner bleibt“ – so lautet seit einigen Jahren der griffige DFB-Pokal-Slogan. Für den besonderen Fußball-Abend am Dienstag im Volkspark gilt dieses Motto auch für den sehr mutmaßlichen zweiten Sieger. Aber, wer weiß: Der Pokal und seine ganz eigenen Gesetze und so. Im Volkspark ist ja bekanntlich einiges möglich. Und wer schon das Bezirksamt ins Lila-Leuchten bekommt …
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