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23.10.2026
Miro Muheim: Über die Kunst des Toreschießens
Mit seiner linken Klebe avancierte Miro Muheim zuletzt zweimal zum Matchwinner: Sowohl beim 3:2 in Sinsheim als auch beim 1:0 gegen Stuttgart erzielte er spät und zugleich sehenswert die Siegtreffer. Anlass genug, um mit dem 28-jährigen Schweizer über sein besonderes Hand- bzw. besser gesagt: Fußwerk zu sprechen.
Es läuft die 88. Minute im Spiel gegen Stuttgart, als der HSV zu einem womöglich letzten Konter ansetzt: Über Moffi, Grönbaek und El Ouahdi landet die Kugel in halblinker Position bei Miro Muheim – und damit genau bei dem Mann für diesen Moment. Im Volkspark haben sich die Zuschauer bereits erhoben, ein erwartungsvolles „Schiiieß!“ ist zu vernehmen. Sie wissen, was passieren kann. Und Muheim erfüllt ihren Wunsch: Er nimmt Maß und versenkt die Kugel mit 117 km/h halbhoch und unhaltbar aus 27 Metern ins lange Eck – 1:0, der Volkspark tobt!
Es ist Muheims zweiter Gamewinner in Serie. Erst eine Woche zuvor hatte der Schweizer bei der TSG Hoffenheim per Direktabnahme in der Nachspielzeit zum 3:2 eingenetzt und sein erstes Bundesliga-Tor erzielt.
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Ein doppelter Adrenalinschock
„Beide Tore waren unglaublich“, antwortet der Nationalspieler auf die Frage, welcher Treffer für ihn schöner war. „Das Tor gegen Hoffenheim war gar nicht so einfach, weil es ein Volley war. Das Tor gegen Stuttgart war irgendwie noch besonderer, weil es zu Hause war und das ganze Stadion explodiert ist.“ Und für jene Explosion zeichnete er verantwortlich. Ein Adrenalinschock, den man erst einmal wegstecken muss. „Das kann man schwer in Worte fassen. Da ist so viel Adrenalin im Spiel und das hält nach dem Spiel noch an. Ein unglaubliches Gefühl“, schildert Muheim. „So oft erlebt man solche Momente nicht, sodass ich versucht habe, es zu genießen.“
Das Schöne: In diesem Fall war sein Vater zu Besuch in Hamburg und im Stadion. „Wir sind zusammen nach Hause und nach den ganzen emotionalen Momenten haben wir erst einmal auf dem Sofa entspannt und sind uns des Ganzen bewusst geworden. Erst dann realisierst du, was passiert ist. Wir haben darüber geredet und waren beide so: Boah, das war schon geil!“ Selbstredend, dass das Tor nicht nur an diesem Abend, sondern auch im Anschluss noch einige Male angeschaut wurde. „Man kriegt es allein oft von Freunden zugeschickt, die sagen: Hey, was hast du da schon wieder gemacht? Und ich gucke es mir auch gern an, weil die Emotionen immer wieder hochkommen.“
Das Verrückte: Zuschauer, Freunde und Mitspieler – irgendwie haben alle gewusst, dass der Ball beim Verlassen des Fußes mit hoher Wahrscheinlichkeit einschlagen wird. Der xGoals-Wert war gering, doch HSV-Spieler waren sich im Anschluss einig, dass das kein Glück war. „Die Jungs sehen mich im Training und wissen, dass ich einen guten Abschluss habe. Es ist nicht selbstverständlich, aber ich weiß, dass viel passieren kann, wenn ich in dieser Position abdrücke“, erklärt „Quattro M“.
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„Die Power hatte ich schon immer in den Beinen“
Was ist entscheidend in diesem Moment – die Kraft oder die Technik? Für Traumtorschütze Muheim ist die Antwort klar: „Mehr die Technik. Es geht darum, den Ball sauber zu treffen. Klar, aus der Distanz benötigst du auch die Kraft, aber wenn du zu viel Kraft reinsteckst, geht die Präzision abhanden und der Ball fliegt irgendwohin. Deshalb ist es eine Mischung, die es braucht.“
Eine Mischung, die Muheim von klein auf schon immer hatte. Dabei habe er viel Schusstraining gemacht und viel an seinem linken Fuß gearbeitet. Geholfen hat seine fußballerische Ausbildung im Nachwuchs des FC Zürich und des FC Chelsea, als er als Mittelfeldspieler auch deutlich offensiver agierte. „Die Technik habe ich dort gelernt, die Power hatte ich schon immer in den Beinen.“
Es sind wahrscheinlich Zehntausende Wiederholungen, die Muheim bis hierhin absolviert hat, sodass in Situationen wie gegen Stuttgart der Automatismus übernimmt. „Es ist wie ein Tunnelblick. Ich schaue auf den Ball und ziehe dann ab. Ich muss dann nicht mehr auf das Tor schauen, weiß, wo es steht. Es geht darum, mit voller Konzentration den Ball gut zu treffen. Und meistens merkt man direkt, ob das gelungen ist. Und dann schaut man dem Ball hinterher und hofft, dass er einschlägt.“
Dieser Moment fühle sich dann besonders aus der Distanz wie Zeitlupe an. „Ja, das ist wirklich so. Ich finde das krass. Der Ball ist so lange unterwegs, man hat den perfekten Blick auf den Schuss und merkt schnell, ob der Ball gut kommt. Das ist ein geiler Moment.“
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Traumtore als Markenzeichen
Traumtore aus der Distanz ziehen sich durch Muheims HSV-Karriere. Zwölf Treffer hat der 28-Jährige mit der Raute auf der Brust erzielt. Kurios: Sein erstes – ein rund 22-Meter-Strahl in den rechten Torwinkel beim Auswärtsspiel Ende April 2022 in Regensburg (4:2) – weist große Parallelen zu seinem bis hierhin letzten gegen Stuttgart auf.
Damals traf Muheim noch als Linksverteidiger. Nachdem er den diesjährigen Saisonstart aufgrund seiner WM-Teilnahme und einer kleineren Verletzung nach seiner Rückkehr nach Hamburg verpasst hatte, rückte er mit dem Ausfall von Nicolai Remberg ins Mittelfeld vor. Für den gebürtigen Zürcher eine neue Rolle: „Ich habe hier zwar viel als inverser Außenverteidiger gespielt, der oft ins Mittelfeld gekommen ist, aber es ist etwas anderes, auf der Acht zu spielen. Natürlich muss ich schauen, dass ich Tag für Tag noch besser mit der Positionierung und den Defensivaufgaben zurechtkomme, aber es ist eine Herausforderung, die mir Spaß macht.“
Mit Vorfreude blickt Muheim auf das nächste Spiel in Paderborn, in dem er sich auch wieder Abschlussmöglichkeiten in dieser Position wünscht. Wohlwissend, dass ein Höhenflug wie zuletzt mit zwei solchen Toren schwer zu wiederholen ist. Doch wenn die 88. Minute kommt, der Ball bei ihm liegt und die Zuschauer „Schiiieß!“ rufen, dann wird die linke Klebe wissen, was zu tun ist: Zeitlupenmodus an.
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Das komplette Gespräch mit Miro Muheim, in dem er sich neben der Kunst des Toreschießens auch über sein WM-Abenteuer 2026 mit der Schweiz, das mit einem Eigentor denkbar schlecht begann und doch noch ein Happy End bekam, sowie über die ersten für ihn ereignisreichen Wochen zurück beim HSV mit einer neuen Rolle und Konkurrenzsituation äußert, gibt es im HSV-Podcast „PUR DER HSV“ (Spotify, Apple Podcasts, Podigee).
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