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HSV-Fußballschule

19.12.18

Mit Douglas Santos auf dem Hamburger Weihnachtsmarkt

 „Die Atmosphäre ist echt beeindruckend."

Beim Anblick des großen und leuchtenden Weihnachtsbaumes in unmittelbarer Nähe des Hamburger Rathauses staunt Douglas Santos nicht schlecht. Das Wahrzeichen des Historischen Weihnachtsmarktes, der mit jährlich rund zwei Millionen Besuchern als bekanntester und beliebtester Weihnachtsmarkt Hamburgs gilt, ist nicht nur Treffpunkt zahlreicher Touristen, sondern dient auch als Treffpunkt für unseren Interviewtermin.

Dougi, du bist zum ersten Mal auf dem Weihnachtsmarkt am Rathausplatz. Wie gefällt es dir? 

Es ist auf jeden Fall eine Menge los und die Atmosphäre ist echt beeindruckend. Ich finde es schön, dass sich trotz dieser Kälte so viele Menschen nach draußen wagen und bei Essen und Trinken den Abend fröhlich und gemeinsam verbringen. So etwas wie einen Weihnachtsmarkt gibt es in meiner Heimat in Brasilien nicht. 

 

Wie sieht denn bei euch in Brasilien ein typisches Weihnachten aus?

Ich glaube, unsere Bräuche an den Weihnachtstagen selbst sind gar nicht so unterschiedlich. Bei uns wird ebenfalls am 24. Dezember mit der ganzen Familie gefeiert. Es gibt dann reichlich Geschenke und eine deftige Weihnachtspute mit Reis. Da wir Brasilianer Familienmenschen sind und meine Frau und ich eine große Familie haben, kommt es zu einem riesigen Treffen mit all unseren Verwandten und Bekannten. Genau diese Zusammenkunft macht Weihnachten als Fest der Liebe ja auch aus.   

 

Gibt es abgesehen des nicht vorhandenen Weihnachtsmarktes auch noch weitere Unterschiede bei euch im Vergleich zu Deutschland?

Ja, und zwar einen ganz entscheidenden: bei uns ist es warm! (lacht). Zur Weihnachtszeit herrscht in Brasilien Sommer, so dass man den ganzen Tag in kurzen Hosen verbringen und sich so gekleidet auch noch bis tief in die Nacht draußen aufhalten kann. Wir brauchen also nicht wie die Leute hier einen Glühwein, um uns warmzuhalten.   

 

Wenn wir schon bei Gegensätzen sind: Von Pelé über Ronaldinho bis hin zu Neymar gilt Brasilien schon immer als Land der Ballkünstler und Offensivzauberer. Du für deinen Teil bist dagegen Verteidiger geworden. Wie ist es dazu gekommen?

(lacht) Also als Kind war ich zunächst auch Stürmer und Mittelfeldspieler. Ich habe viel auf der „Zehn“ gespielt und wollte Tore erzielen und Vorlagen geben. Irgendwann habe ich mir aber gedacht, dass die Chancen auf eine Profi-Karriere auf einer defensiveren Position besser sind. Schließlich wollen alle Brasilianer gern vorn spielen und es gibt unglaublich viele technisch begabte Spieler, die das Zeug dazu haben. Deshalb habe ich mich bewusst für die Position des Linksverteidigers entschieden. Für mich war das ein Kompromiss: verteidigen und gleichzeitig mit nach vorn einschalten. 

 

Die technische Qualität für den Angriff hast du damals also von klein auf gelernt. Wo und mit wem hast du dabei gespielt?  

Ich habe viel mit den Nachbarskindern auf der Straße gespielt. Meistens Drei-gegen-drei mit viel Bewegung, Kreativität und Abschlüssen. Häufig wurde dann Straße gegen Straße gespielt und die Tore haben wir uns mit unseren Schuhen selbst gesteckt. Alles ganz einfach, denn für echte Tore hatten wir kein Geld. Ich glaube, viele große brasilianische Fußballer wie Ronaldinho, Robinho und Co. sind so groß geworden und haben auf der Straße ihr Spiel geformt. Sie kamen aus schwierigen Verhältnissen und haben sich hoch gekämpft. Für mich galt das Gleiche: ich habe viel gekämpft, weil es zuhause sehr schwer war.    

 

Roberto Carlos, Marcelo, Filipe Luis – Brasilien hat schon immer sehr starke, wenn nicht sogar die stärksten Linksverteidiger des Fußballs gehabt. Warum ist das so? 

Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie einen ähnlichen Weg wie ich gegangen sind. Jeder Brasilianer hat irgendwann einmal in seinem Leben im Sturm oder im Mittelfeld gekickt. Es gibt so viele gute brasilianische Fußballer, einige haben mit der Zeit ihren Platz eben etwas weiter hinten gefunden. Das Verteidigen musst du als Brasilianer lernen, aber das Angreifen hast du im Blut. Filipe Luis hat beispielsweise eine so gute Technik, dass er auch als Außenverteidiger mit wenig Platz und Zeit per Dribbling für gefährliche Situationen sorgen kann.   

 

Uns ist aufgefallen, dass du in der Defensive über eine besondere Spezialität verfügst. Es ist eine schnelle Bewegung mit dem Bein in die Dribbelbewegung des Gegners. Wir haben es den „Dougi-Stecher“ genannt. Bist du darauf schon einmal angesprochen worden?

Nein, das ist mir noch nicht passiert, aber ich weiß genau, welche Aktion gemeint ist. Der Move ist schwer, weil du sehr konzentriert und schnell sein musst. Ich beobachte dabei genau die Ballkontakte und die Augen meines Gegenübers. Den ersten Kontakt darfst du noch gewähren, doch nach dem zweiten musst du spätestens mit deinem Fuß dazwischen stoßen. Ansonsten ist der Gegenspieler mitsamt des Balles weg. Sein Blick verrät dir zudem, in welche Richtung er dribbeln will.  

 

Beim HSV spielst du unter Hannes Wolf nun etwas offensiver. Er hat dich als fantastischen Außenverteidiger mit den Qualitäten eines „Achters“ bezeichnet. Freut es dich, offensiver zu spielen?

Ja, klar. Auf der Außenbahn bekomme ich nicht so viele Bälle und habe nicht so viel Platz aufgrund der Seitenlinie. Wenn ich aber etwas weiter in der Mitte spiele, den Ball bekomme und aufdrehe, dann habe ich diesen weiten Blick vor Augen. Dort ist keine Linie, die mich begrenzt und ich kann den Ball nach rechts oder links spielen. Da kommt dann wieder etwas das Kind in mir durch. Ich denke an früher und sage: „Hey, hier war ich schon mal!“ (lacht). 

 

Du bist bereits das dritte Jahr in Hamburg. Wie bist du insgesamt hier angekommen?

Mein erstes Jahr war sicherlich sehr anstrengend. Ich habe nicht viel gespielt, ich konnte die Sprache nicht und ich habe in meiner direkten Umgebung nicht viel unternommen. Das ist jetzt viel besser geworden. Ich kann mittlerweile sagen, dass das hier mein Zuhause ist. Wenn ich aus Brasilien wieder nach Hamburg komme, dann merke ich jetzt, was ich an dem Ort und meinem Zuhause habe.