
Saison
09.05.26
HSV-Trainerteam gewährt Kabinen-Einblicke
Im ersten Jahr der Bundesliga-Rückkehr meisterten Chefcoach Merlin Polzin und seine Co-Trainer Loic Fave und Richard Krohn nicht nur einen Kaderumbruch und eine Veränderung im Spielstil, sondern formten abermals eine verschworene Gemeinschaft. Wie das gelang und welche Rolle dabei bewegende Vorträge der Spieler an der „Identity Wall“ sowie ein Kabinen-Aquarium spielten, verrät das Trainerteam im Gespräch.
Rund ein Jahr nach dem Bundesliga-Aufstieg am 10. Mai des Jahres 2025 hat das Trainerteam des HSV um Cheftrainer Merlin Polzin (35) und seine Assistenten Loic Fave (33) und Richard Krohn (30) das nächste Ziel erreicht: den Klassenerhalt im ersten Bundesliga-Jahr nach sieben Jahren Abstinenz – wohlgemerkt vorzeitig nach 32 Spieltagen. Das jüngste Trainerteam der Bundesliga bestand damit auf beeindruckende Weise eine Prüfung, an der statistisch betrachtet 43 Prozent aller Aufsteiger scheitern.
„Wir haben ganz genau analysiert, warum wir aufgestiegen sind und was uns in der Bundesliga erwartet“, verrät Co-Trainer Fave. „Dabei haben wir uns sehr damit beschäftigt, welche Herangehensweise andere Aufsteiger gewählt haben und was erfolgreich war. Das haben wir auf unseren Kontext und unser Team bezogen.“ Schnell sei klar gewesen, welche Art von Mannschaft der HSV als Aufsteiger brauche. Statt des ballbesitzorientierten Spielstils eines Zweitliga-Favoriten setzten die Rothosen in der Bundesliga vor allem auf eine kompakte Defensive und schnelle Umschaltmomente. „Wir haben in der Vorbereitung ganz viel Wert daraufgelegt, eine Defensivlust zu entwickeln und die Details im Verteidigen ganz genau zu vermitteln“, erklärt Co-Trainer Krohn. „Es war die größte Aufgabe, den Jungs zu vermitteln, dass sich auch Verteidigen richtig cool anfühlen und man auch gegen den Ball Spiele dominieren und Akzente setzen kann.“

Kaderumbruch und Identitätswechsel
Klingt in der Theorie einfach, war es in der Praxis selbstredend aber nicht. Denn das Trainerteam musste über die Saison hinweg nicht nur 16 Neuzugänge integrieren, sondern auch den verbliebenen Zweitliga-Akteuren den spielerischen Identitätswechsel vermitteln. „Wir im Trainerteam waren uns klar darin, was wir wollen und wo wir hinwollen. Aber es war völlig normal, dass wir zunächst Überzeugung dafür entwickeln mussten – nicht nur bei den Fans und im Umfeld, sondern auch innerhalb der Mannschaft“, betont Chefcoach Polzin. „Das haben wir gemeinsam mit den Jungs entwickelt und ihnen zugleich klar vorgegeben, wie der Weg aussehen soll. Wir sind im ersten Moment vielleicht sehr konsequent und rigoros vorgegangen, aber immer mit der festen Überzeugung, dass das der Weg ist, um den HSV in der Liga zu etablieren.“
Und dieser Weg führte nach anfänglichen Startschwierigkeiten zunehmend zum Erfolg. Die Rothosen präsentierten sich ab dem 4. Spieltag und dem ersten Saisonsieg gegen den 1. FC Heidenheim (2:1) nicht nur bundesligatauglich, sondern fortan gegen sämtliche Kontrahenten auf Augenhöhe, sorgten mit Heimauftritten gegen den BVB (1:1), VfB Stuttgart (2:1), Werder Bremen (3:2) und Bayern München (2:2) für ligaweite Ausrufezeichen und sammelten in der Rückrunde in der Fremde die nötigen Big Points im Kampf um den Klassenerhalt. Die Polzin-Schützlinge stellten dabei unter anderem die neuntbeste Defensive (51 Gegentore) und stärkste Kontermannschaft der Liga (elf Treffer).
Doch am beeindruckendsten wirkte am Ende die Resilienz der Mannschaft, der es immer und immer wieder gelang, innerhalb von Spielen und Saisonphasen Widerstände zu überwinden. Allein 16 Punkte holte der HSV nach Rückständen, drehte dabei vier Spiele komplett. Zudem war der HSV einmal fünf und zweimal sechs Spiele in Serie ohne Sieg. Als sich die Situation im Saisonendspurt zuzuspitzen drohte – sich Verletzungen, Sperren und die Kritik von außen häuften –, bildeten die Rothosen wie bereits im Aufstiegsjahr eine verschworene Gemeinschaft, die mentalen Drucksituationen standhielt.

Intime Einblicke & bewegende Geschichten
Auch hier schweißten Polzin und Co. das Team mit einer besonderen Kabinenkultur eng zusammen. Gemeinsam mit der Mannschaft wurde für die Rückrunde etwa die sogenannte „Identity Wall“ im Analyse-Raum der HSV-Kabine kreiert. Trainer und Spieler gewährten dort mit Fotos als Aufhänger vor jedem Spieltag sehr private Einblicke in ihr Leben. „Für uns als Trainerteam ist es sehr wichtig, nicht nur den Fußballer zu sehen, sondern den Menschen und seine Geschichte dahinter. Die Identity Wall hat sichtbar gemacht: Das sind wir und wir sind mehr als nur der Spieler oder der Trainer“, erklärt Polzin. „Die Jungs, die sich daran beteiligten wollten, haben sehr intime Einblicke gewährt, auf die das gesamte Team teils sehr emotional reagieret hat, weil es bewegende Geschichten waren.“ Viele Erzählungen handelten etwa von familiären Verlusten oder persönlichen Schicksalsschlägen. „Wenn du vor einer Gruppe stehst und vor 35 Leuten davon sprichst, was du im Leben schon erlebt hast, dann bedeutet das viel für die Gruppe. Dadurch ist ein großes Vertrauen zwischen den Spielern entstanden. Wenn man teilweise eine Verletzlichkeit zulässt, entsteht auch eine Bindung zum Gegenüber.“
Und auch im Profisport kann diese Bindung manchmal wichtiger sein als ein gewonnener Zweikampf, wie „Richi“ Krohn bekräftigt. „Die Geschichten haben mich oftmals schlucken lassen und eine große Anteilnahme erzeugt. Mir kommen viele Vorträge in den Sinn, die sicherlich geholfen haben, am Folgetag anders zu spielen und dem Mitspieler noch einmal eine andere Wertschätzung entgegenzubringen. Es war eine sehr emotionale Sache, die das Team noch enger verbunden hat.“

„Be a Goldfish“
Während die „Identity Wall“ für emotionale Momente sorgte, wurde eine andere wichtige Botschaft des Trainerteams innerhalb der Kabine humorvoll vermittelt. In Anlehnung an die Kultserie „Ted Lasso“ baute das Trainerteam unter dem Motto „Be a Goldfish“ ein Mini-Aquarium in den Räumlichkeiten auf, um ein Beispiel dafür zu liefern, immer voll im Moment zu sein. „Ted Lasso fragt in der Serie einen Spieler, was das glücklichste Tier ist – ein Goldfisch, weil er schnell alles wieder vergisst“, erklärt Initiator Loic Fave. „Dieses Mindset, immer wieder im Moment zu sein und nicht darüber nachzudenken, was war oder was kommen wird, war unser Aufhänger.“ Statt Goldfischen schwimmen aufgrund der Größe kleine Zuchtfische im Aquarium, das unter der Federführung von Spielanalyst Felix Wolfmeier liebevoll gepflegt und eingerichtet wurde – Volksparkstadion und 1887-Choreo-Elemente inklusive.
Widerstände überwinden, einander vertrauen und voll im Moment sein – beim entscheidenden Schritt zum Klassenerhalt in Frankfurt (2:1) lieferten die Rothosen ein Meisterstück dessen ab: „Die Jungs waren voll da: Wir haben sofort gespürt, heute ist der Tag, an dem wir das Ding ziehen“, sagt Merlin Polzin. „Es war eine tolle Reaktion der Mannschaft, weil es bei uns nie darum geht, was passiert ist, sondern wie du darauf reagierst. Das ist der einzige Schlüssel – im Fußball wie im Leben –, um erfolgreich zu sein. Das haben die Jungs gelebt.“
Das gesamte Gespräch des Trainerteams unter dem Arbeitstitel „365 Tage vom Aufstieg bis zum Klassenerhalt“ seht ihr hier im Video.
