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Nachwuchs

14.02.21

Auf der Zielgeraden

Nach seinem im vergangenen Juli erlittenen Kreuzbandriss steht Anssi Suhonen kurz vor der Rückkehr ins Mannschaftstraining der U21. Hinter ihm liegen aufreibende Monate, in denen der 20-Jährige viel über sich und die große Bedeutung einer positiven Einstellung gelernt hat.

Der Sommer 2020 sollte für Anssi Suhonen der nächste Schritt seiner Entwicklung sein: Zum einen wollte sich der finnische U-Nationalspieler, der seit 2017 bei den Rothosen spielt, nach seinem Sprung von der A-Jugend in die U21 fest bei der Mannschaft von Pit Reimers etablieren und in der Regionalliga Nord Fuß fassen. Zum anderen war auch die Profiabteilung auf den quirligen Youngster aufmerksam geworden: Bereits in der Vorsaison durfte der offensive Mittelfeldmann immer wieder bei der Bundesligamannschaft mittrainieren, reiste im vergangenen Winter mit ins Wintertrainingslager ins portugiesische Lagos und überzeugte auch bei seinen Einsätzen in den Testspielen gegen Eintracht Braunschweig, Schalke 04, den FC Seoul sowie den VfB Lübeck. „In der Sommervorbereitung wollte ich nochmal eine Schippe drauflegen, war gut in Form und habe mich richtig darauf gefreut, anzugreifen“, sagt Suhonen heute. Ein Kreuzbandriss im rechten Knie legte diese Pläne jedoch auf Eis – allerdings nur zwischenzeitig. Seither arbeitet der 20-Jährige intensiv an seinem Comeback und steht ein halbes Jahr nach seiner schwerwiegenden Verletzung kurz vor der Rückkehr ins Mannschaftstraining. Im Interview erklärt der Offensivmann, wie ihn diese Diagnose zunächst geschockt hat, wie ihm seine Familie und die große HSV-Familie dabei geholfen haben, diese Zeit mit einem positiven Grundgedanken zu meistern, und mit welchen Zielen er seine derzeitige Reha absolviert.

Anssi, es ist ziemlich genau sechs Monate her, dass du dir eine Ruptur des rechten Kreuzbandes zugezogen hast. Wie geht es dir aktuell?

Mir geht es gut, ich fühle mich fit und mit meinem Knie auch wieder sicher. Was noch fehlt, ist natürlich das Mannschaftstraining. Das ist für mich der nächste Schritt.

Mannschaftstraining ist ein gutes Stichwort, denn ausgerechnet in der Sommervorbereitung auf die laufende Spielzeit hast du dich im Training verletzt und deshalb den bisherigen Saisonverlauf verpasst. Kannst du dich an die Szene deiner Verletzung noch erinnern?

Die konkrete Szene habe ich gar nicht mehr genau vor Augen, aber ich erinnere mich noch an die Umstände: Ende Juli durften wir laut Corona-Verordnung nach einiger Zeit im Kleingruppentraining auch wieder Zweikämpfe führen, Körperkontakt war wieder erlaubt. Wir haben uns alle extrem gefreut. Leider ist es dann direkt in der ersten Woche passiert. Ich weiß noch, dass es ein ganz normaler Zweikampf war, einer, wie ich ihn in jedem Training oft geführt habe. Ich wurde an meinem rechten Knie getroffen. In dem Moment habe ich zwar gemerkt, dass ich erstmal raus muss und mich verletzt habe, aber die Tragweite war mir überhaupt nicht bewusst. Erst später habe ich angefangen, das zu realisieren.

»Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich das so akzeptieren konnte«

Du wolltest also zunächst nicht wahrhaben, wie lange du ausfällst?

Genau. In meinem Kopf bin ich von zwei bis drei Monaten ausgegangen, dachte, die Bänder seien vielleicht kaputt. Die Diagnose Kreuzbandriss hat mich dann erstmal ziemlich aus der Bahn geworfen. Ich habe die Ärzte im UKE noch vor der Operation gefragt, wie lange dieser Heilungsprozess insgesamt dauert, wann ich wieder Fußball spielen kann. Als sie meinten, acht bis zehn Monate seien realistisch, konnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Das hörte sich so unfassbar lang an. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich das so akzeptieren konnte. Das war schwer für mich.

Du bist in Finnland aufgewachsen, dort lebt auch deine Familie. War es schwierig für dich, in diesem Moment so weit weg von deinen engsten Bezugspersonen zu sein?

Absolut. Ich bin in erster Linie hier in Deutschland, um Fußball zu spielen. Und plötzlich ging das nicht mehr. Damit ist meine Hauptbeschäftigung komplett weggebrochen. Außerdem habe ich mich vorher noch nie so schwer verletzt. Als ich jünger war, hatte ich mal eine Sprunggelenksverletzung. Da musste ich zweieinhalb Monate aussetzen. Das war für mich schon lang, aber rückblickend gar kein Vergleich zu dieser Verletzung. Ich war damit zunächst echt überfordert und habe mich – obwohl ich von meinen Freunden, Mitspielern, Trainern jede Menge Unterstützung bekommen habe – doch allein gefühlt. Das möchte ich nicht noch einmal erleben.

Wie bist du aus dieser Situation auch mental wieder rausgekommen?

Letztlich war es genau das, was mir geholfen hat: die Unterstützung von allen Seiten. Meine Großeltern sind beispielsweise extra nach Hamburg geflogen und waren insgesamt vier Wochen bei mir. Ich habe ohnehin ein sehr enges Verhältnis zu ihnen und lebe, wenn ich in der Heimat bin, auch bei den beiden. Deshalb tat mir diese Zeit richtig gut. Und auch aus dem Verein war die Unterstützung riesig: Ich wollte zu dem Zeitpunkt eigentlich aus dem Internat ausziehen, hatte auch schon eine neue Wohnung. Als ich mich dann verletzt habe, konnte ich zunächst doch noch im Campus wohnen bleiben und habe Unterstützung im Alltag erhalten, was es für mich deutlich einfacher gemacht hat. Das war richtig gut. Meine Großeltern haben die Wohnung in der Zeit dann bewohnt, haben viel mit mir gesprochen. So habe ich schließlich meinen Optimismus zurückgefunden.

»Es bringt mich meinem Ziel nicht näher, negativ eingestellt zu sein«

Inwiefern hat dir dieser Optimismus auch bei deinem weiteren Heilungsverlauf geholfen?

Der hilft immer, das ist doch klar. Ich bin grundsätzlich recht positiv eingestellt. Natürlich war ich am Anfang frustriert und brauchte ein bisschen, um mich mit meiner Situation zu arrangieren. Aber es hilft mir nicht, wenn ich negativ eingestellt bin. Wenn ich immer sage: „Mein Knie wirft mich zurück, ich darf nicht mit der Mannschaft trainieren“, bringt mich das ja auch nicht näher an mein Ziel. Ich fühle mich besser, wenn ich selbst positiv eingestellt bin. Das Leben läuft einfacher, wenn man mit einem guten Gefühl nach vorne schaut. Das gilt auch für meine Reha.

Du hast deine Reha zunächst im UKE absolviert und trainierst jetzt auch wieder im Campus. Wie zufrieden bist du mit deinem Heilungsverlauf?

Seit Juli ist eine lange Zeit vergangen, da bin ich manchmal sehr ungeduldig. Insgesamt bin ich aber voll im Zeitplan. Ich war nach der Operation zwei Tage zur Kontrolle im UKE und konnte danach direkt mit meiner Behandlung beginnen. Das lief so gut, dass ich nach einiger Zeit in die Reha, ins Training einsteigen konnte. Momentan trainiere ich an sechs Tagen pro Woche, immer von montags bis samstags, zusammen mit meinem Reha-Trainer Markus Günther. Die kleinen Erfolge im Training sind es letztlich, die dazu führen, dass ich noch optimistischer werde und immer mehr möchte. Seit etwa drei Monaten sieht man dich nun wieder auf dem Platz mit dem Ball am Fuß.

Wie haben sich die ersten Kontakte angefühlt?

Bei manchen Bewegungen fühlte sich das Knie schon noch anders an als beim linken Bein. Das war erstmal komisch und hat dazu geführt, dass ich zunächst zurückhaltend war. Mit der Zeit kamen aber die Stabilität und das Vertrauen zurück. Jetzt müssen mich die Physios schon ab und zu bremsen, weil ich zu viel will (lacht). Ich bin zufrieden mit dem aktuellen Stand. Allerdings ist vergangene Woche mein Bein leicht geschwollen, so dass ich noch keine Zweikämpfe bestreiten konnte. Alles andere läuft gut. Endlich mal wieder einen Pass zu spielen oder einen Torschuss abzugeben, ist ein sehr schönes Gefühl. Was fehlt, ist ja klar: Das Mannschaftstraining.

Kannst du abschätzen, wann du dorthin zurückkehren kannst?

Dadurch, dass mein Bein zuletzt eine kleine Reaktion gezeigt hat, hat sich das zeitlich ein bisschen verschoben. Aber wenn alles gut geht, kann ich schon sehr bald wieder mit den Jungs zusammen trainieren. Ich bin auf der Zielgeraden und habe in einer Woche einen Krafttest, der dafür entscheidend sein wird. Ich will natürlich so schnell es geht wieder mit der Mannschaft trainieren. Andererseits habe ich aber keinen großen Druck. Der Spielbetrieb ist ja aktuell unterbrochen, das nimmt mir das auch ein bisschen. Entscheidend wird sein, dass meine Werte gut sind.

Wie stehst du aktuell bzw. standest du auch in den letzten Monaten in Kontakt mit deinen Mitspielern?

Der Kontakt ist nie abgebrochen, weder während meiner Zeit im UKE noch jetzt. Vor allem mit Tobias Fagerström und Peter Beke verstehe ich mich richtig gut, die Jungs haben mich im Sommer hin und wieder besucht und wir haben viel miteinander gesprochen. Ich war auch oft bei den Trainingseinheiten und bei allen Heimspielen in der Regionalliga als Zuschauer dabei. Aktuell ist das alles auf Grund der Corona-Verordnungen nicht möglich. Ich bin aber über mein Handy mit den Jungs und dem Trainerteam sowie dem Staff im Austausch. Besonders intensiv waren in den zurückliegenden Monaten natürlich der Draht zu meinen Physios und zu Markus Günther, allein schon, weil wir so viel Zeit miteinander verbringen. Ich fühle mich insgesamt sehr gut aufgefangen.

Wir haben nun Mitte Februar. Welche Ziele hast du dir für das angelaufene Jahr gesteckt?

Gesund werden, auf den Platz zu dürfen und wieder regelmäßig mit der Mannschaft zu trainieren. Und wenn möglich, auch bei den Profis wieder ins Training einzusteigen.