
Nachwuchs
14.06.26
Loic Fave spricht über Saison im Nachwuchs, Verzahnung und Louis Lemke
Im HSV.de-Interview blickt der Sportliche Leiter des NLZ sowie Co-Trainer der Profis auf die abgelaufene Spielzeit, den Übergang zur ersten Mannschaft und „Hamburg wächst“.
HSV.de: Loic, bei fast allen Nachwuchsteams von der U12 bis zur U21 ist die Saison zu Ende. Wie blickst du auf die abgelaufene Spielzeit zurück?
Loic Fave: Ich habe die Saison als gute Möglichkeit empfunden, den Blick auf das Wesentliche zu schärfen. Aus meiner Rolle heraus geht es immer darum, mit den Trainern Inhalte zu entwickeln, die Strukturen und die Idee weiter zu festigen. Wir haben uns angeguckt, in welchem Rahmen wir uns bewegen und was wir konkret verändern wollen. So haben wir das Thema Spielerentwicklung immer mehr in die tägliche Arbeit integriert. Dafür haben wir uns in den Trainersitzungen mit allen Coaches näher mit dem Positionstraining befasst. Zusätzlich haben wir für die Spieler viele Workshops abgehalten, wie sie in ihrem Alltag und für ihren Karriereweg mehr Verantwortung übernehmen können.
Die U21 ging im fünften Jahr in Folge als jüngstes Team in der Regionalliga Nord an den Start – und wurde Zehnter. Wie ordnet man diese Saison ein?
Unsere grundsätzliche Herangehensweise ist wichtig bei der Beurteilung einer Saison. Ich kommuniziere intern und extern immer wieder, dass es für uns nicht entscheidend ist, ob die Mannschaft Dritter, Achter oder Zwölfter wird. Unser Job ist, dass möglichst viele Spieler den Sprung in den Profibereich schaffen – am besten bei uns und sich dabei als Spieler und Persönlichkeit weiterentwickeln. Wir hatten die jüngste U21 in ganz Deutschland und uns ist es wieder gelungen, junge Spieler einzubauen und sie an den Herrenfußball heranzuführen. Aus diesem Grund fällt unser Fazit positiv aus.

Die U19 und die U17 haben – wie in der Vorsaison – das Achtelfinale der DFB-Nachwuchsliga erreicht. Wie zufrieden seid ihr damit?
Wir sind eines der wenigen Nachwuchsleistungszentren, die seit Einführung der DFB-Nachwuchsliga in beiden Jahrgängen immer mindestens ins Achtelfinale gekommen ist. Das ist erst einmal eine super Sache – für uns aber nicht am wichtigsten. Bei uns steht die Spielerentwicklung im Vordergrund. Man muss berücksichtigen, dass viele Spieler, die noch in der U19 auflaufen könnten, regelmäßig bei der U21 spielen. Würden wir nur auf die Ergebnisse und den Erfolg in der U19 setzen, hätten wir eine noch stärkere Mannschaft zusammenstellen können. Insgesamt haben wir einen guten Mittelweg gefunden.
In der DFB-Nachwuchsliga lernen unsere Spieler den Umgang mit Sieg und Niederlage. In den regionalen Staffeln in der Hinrunde haben wir viele Siege geholt, dafür gab es in bundesweiten Staffeln in der Rückrunde mehrere Niederlagen. Dieser Mix tut den Spielern in ihrer Entwicklung gut. Deshalb wollen wir stets die Hauptrunde erreichen und anschließend in den K.o.-Runden so weit wie möglich kommen. Die Jungs würden dann zusätzlich an Erfahrung in Entscheidungsspielen gewinnen. An dieser Stelle sind uns die Top-Teams in Deutschland noch etwas voraus.
Inwieweit ist es ein Erfolg für den Campus, wenn mit Fabio Balde, Otto Stange, Shafiq Nandja und Louis Lemke vier HSV-Eigengewächse in der abgelaufenen Saison in der Bundesliga zum Einsatz kommen?
Das ist eine positive Rückmeldung für den gesamten Campus. Alle Coaches und Mitarbeitenden sind stolz darauf, wenn es zu den Debüts kommt – seien es die ersten Minuten, die ersten Startelfeinsätze oder die ersten Tore. Genau darum geht es, genau für diese Momente arbeiten wir tagtäglich. Das ist der Erfolg, an dem wir gemessen werden.
Wir haben die Verzahnung zwischen dem Campus und den Profis auf ein gutes Level gehoben. Die Bundesliga ist im Vergleich zu den Jahren in der zweiten Liga ein noch höherer Maßstab, wenn es darum geht, eingewechselt zu werden oder Spielminuten zu sammeln. Trotzdem muss man bei aller Euphorie sagen, dass sich von den vier Spielern noch keiner endgültig durchgesetzt hat. Alle müssen an ihren Themen weiterarbeiten, um die nächsten Schritte gehen zu können.

Nandja rückte nach dem Abschied von Guilherme Ramos im vergangenen Winter noch näher an die Profis heran, feierte am 33. Bundesliga-Spieltag (3:2-Sieg gegen Freiburg) sein Debüt und unterschrieb jüngst seinen ersten Profivertrag.
Er hat sich für seine Entwicklung belohnt. Deshalb habe ich mich sehr für ihn gefreut. Ich erinnere mich noch an mein erstes U21-Testspiel vor zwei Jahren, als Shafiq als jüngerer Spieler mit dabei war und sich schwergetan hat. Seither hat er die Zeit sehr gut genutzt und gemeinsam mit dem Trainerteam der U21 immer weiter an sich gearbeitet. Seine Entwicklung in den Trainingsleistungen und den Spielen war auffällig, dadurch hat er sich für viele Trainingseinheiten mit den Profis empfohlen und mit den Bundesliga-Minuten gegen Freiburg und Leverkusen einen neuen Meilenstein erreicht. Das ist aber nur der Anfang, er muss genauso weitermachen. Shafiq ist ein gutes Beispiel für den Weg, den wir im Campus gehen wollen.
Lemke wurde mit 16 Jahren und 214 Tagen der jüngste HSV-Profi der Geschichte.
Seine Einwechslung gegen Freiburg ist als Vertrauen in seine Zukunft zu verstehen. Er ist noch sehr jung und hat noch einige Entwicklungsthemen. Wir wollen den Weg gemeinsam mit ihm gehen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es keine Garantie ist, sich als Bundesliga-Spieler durchzusetzen, wenn du ganz jung beim HSV debütierst. Gleichzeitig kann es aber auch eine Motivation sein, es anders zu machen und es zu schaffen. Louis weiß, was es noch braucht. Er ist selbst dafür verantwortlich, die nächsten Schritte zu gehen. Er bringt eine hohe Geschwindigkeit und ein gutes Tempodribbling mit, aber für den Herrenbereich muss er noch an seiner Stabilität in den Duellen, dem defensiven Verhalten und dem Vollenden finaler Aktionen arbeiten. Derweil lernt er bei den Profis durch die Einblicke neue Drucksituationen kennen.
Wir sorgen für die optimalen Bedingungen, aber jeder Spieler hat es selbst in der Hand, ob er durch die Tür gehen will oder nicht.
Wie will der HSV auch in der neuen Saison die Verzahnung zwischen dem Campus und den Profis weiter vorantreiben?
Wir haben in der abgelaufenen Saison vielen Jungs die Möglichkeit gegeben, in Trainingseinheiten und Spielen der Profis Minuten sowie Erfahrungen zu sammeln. Dadurch erhalten sie Referenzwerte, was es bedeutet, Profi zu sein und wie das Niveau aussieht. Wir zeigen ihnen damit: die Tür ist für euch geöffnet, wir sehen eure Leistungen und Weiterentwicklungen. Wir sorgen für die optimalen Bedingungen, aber jeder Spieler hat es selbst in der Hand, ob er durch die Tür gehen will oder nicht. Wir erinnern sie immer wieder daran, dass es nicht einfach so passieren wird. Sie müssen Außergewöhnliches tun, um Profi beim HSV zu werden.
Dafür stehen ihnen viele Ansprechpartner zur Seite. Wir sind im Übergangsbereich herausragend aufgestellt – das ist eine unserer großen Stärken. Wir haben etwa Tom Mickel als Koordinator des Übergangsbereichs, der den HSV und das Leben als Profi kennt. Dann gibt es noch Sören Meier, der für die Spielanalyse im NLZ zuständig ist und die Erfahrung aus mehr als einem Jahrzehnt als Videoanalyst bei den Profis hat. Zusätzlich bin ich in der Doppelrolle als Co-Trainer bei den Profis und Sportlicher Leiter des NLZ tätig.
Ein zusätzlicher Vorteil im Übergangsbereich ist die enge Verzahnung zwischen Profimannschaft und Nachwuchs. Es gibt viele Überschneidungen durch die räumliche Nähe und den Werdegängen unserer Mitarbeiter im Profistaff. Viele haben vorher im Nachwuchs gearbeitet und sind mit dem Campus eng verbunden.
Kontinuität wird im Nachwuchsbereich des HSV großgeschrieben, wie ein Blick auf die Trainerteams der kommenden Saison zeigt. Bis auf zwei Ausnahmen macht der Club mit all seinen Chefcoaches von der U12 bis zur U21 weiter. Warum ist Kontinuität auf dieser Position so wichtig?
Nachwuchsarbeit bedeutet auch Langfristigkeit. Wenn du beispielsweise in der U12 im Rahmen deiner Vision eine Maßnahme umsetzt, dauert es fast sieben oder acht Jahre, bis der Spieler am Übergangsbereich oder bei den Profis anklopft. Daher hilft es, wenn auf den entscheidenden Positionen im Nachwuchsbereich eine gewisse Kontinuität vorhanden ist. Bei der Zusammenstellung der Trainerteams für die kommende Saison haben wir wieder einen guten Mix aus Kompetenzen, verschiedenen Persönlichkeiten und Profierfahrung gefunden.
Mit „Hamburg wächst“ wurde Ende 2025 ein Projekt gestartet, um das Netzwerk mit den Vereinen in und um Hamburg zu stärken. Wie läuft es bislang?
Ich bin mit dem Start total zufrieden. Kai Sautter leistet als Projektleiter eine super Arbeit. Das Allerwichtigste ist die Haltung, die über dieses Projekt ausgestrahlt wird: die Hamburger Amateurclubs sind wichtig für den HSV und gemeinsam wollen wir den Kinderfußball in der Stadt voranbringen. Wir sind mit den Vereinsbesuchen gestartet und haben viel Input von den Clubs erhalten. Wir tragen es Stück für Stück zusammen und wollen im nächsten Schritt konkret Themen entwickeln.
