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Nachwuchs

14.12.21

"Wir haben einen Erziehungsauftrag"

Im HSVlive-Interview spricht U14-Cheftrainer Eren Sen über sein Rollenverständnis als Nachwuchscoach, persönliche Erfahrungen als ehemaliger Profifußballer und sein spezielles Verhältnis zu Horst Hrubesch.

Seit dem vergangenen Sommer ist Eren Sen zurück beim HSV. Der ehemalige Mittelstürmer, der von 1999 bis 2005 für die Rothosen auflief und 66 Einsätze (sechs Tore) für die 2. Mannschaft sowie ein Bundesligaspiel für die Profis bestritt, betreut im Nachwuchsleistungszentrum in Norderstedt die U14-Junioren als Cheftrainer – und führte die C-Jugend prompt zur Meisterschaft in der Landesliga. Im Interview mit dem HSVlive-Magazin berichtet der 37-Jährige von seiner Zusammenarbeit mit den Jugendlichen, seiner besonderen Beziehung zu Nachwuchsdirektor Horst Hrubesch und seiner ganz persönlichen Interpretation des Trainerjobs.

Eren, als aktiver Fußballer hast du sechs Jahre lang die Raute auf der Brust getragen, bist insgesamt in vier Ländern im Einsatz gewesen und hast mit dem FC Thun sogar in der Champions League gespielt, ehe du mit Anfang 30 aufgrund von Knieproblemen dazu gezwungen wurdest, deinen Job als Fußballprofi zu beenden. Wie bewertest du rückblickend deine Karriere?

Das Ende war für mich ziemlich heftig, weil ich noch nicht vorhatte, meine Karriere zu beenden. Mit Anfang 30 erhielt ich die Diagnose Knorpelschaden. Vier Operationen später war klar, dass das Aufhören alternativlos ist. Jetzt blicke ich mit ein paar Jahren Abstand auf diese Zeit und kann sagen, dass ich sehr viel aus meiner Karriere ziehe. Ich durfte in insgesamt vier Ländern in den oberen beiden Ligen spielen, die alle fußballerisch und kulturell ganz unterschiedlich waren. Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt, Mitspieler aus ganz verschiedenen Nationalitäten und Kulturkreisen. Ich habe das komplett aufgesaugt. Diese Erfahrung kannst du in keinem Buch der Welt nachlesen, das musst du erleben. Du musst erleben, was Fußball alles für Emotionen auslösen kann. Und das möchte ich meinen Spielern jetzt als Trainer gerne weitergeben.

Du bist in erster Linie im Nachwuchs und der U21 des HSV zum Einsatz gekommen. Beim Auswärtsspiel in Leverkusen in der Saison 2003/2004 hast du deinen einzigen Bundesliga-Einsatz für die Rothosen absolviert. Damals ebenfalls im Kader: Christian Rahn, Rodolfo Cardoso und Bastian Reinhardt – deine jetzigen Kollegen. Wie profitierst du heute im NLZ von der geballten Erfahrung im Club?

Mehdi Mahdavikia fehlt in der Auflistung auch noch. Der war zwar bei dem Spiel nicht dabei, aber ebenfalls Teil unserer Mannschaft. Also ja, viele von den Jungs, mit denen ich damals zusammengespielt habe, sind auch heute meine Arbeitskollegen. Das ist schon cool. Ich war damals das Küken, weil ich noch recht jung war und vor allem in der zweiten Mannschaft gespielt habe, während die anderen schon gestandene Bundesligaspieler waren. Das ist heute ähnlich: Ich bin erst seit wenigen Jahren als Trainer tätig, die anderen teilweise schon viel länger. Da schaue ich mir natürlich viel ab. Wie gestalten die anderen ihr Training? Wie verhalten sie sich an der Seitenlinie? Da kann ich grundsätzlich von allen anderen im NLZ profitieren, wir haben sehr viel Knowhow vereint und eine ganz gute Mischung aus ehemaligen Fußballern und Personen, die eher von außen dazu gekommen sind. Von dieser Diversität können wir alle nur profitieren.

Einer deiner damaligen Förderer ist heute dein Chef: Horst Hrubesch. Wie ist deine Beziehung zum Nachwuchsdirektor?

Mein Verhältnis zu Horst ist sicher ein sehr spezielles. (lacht) Er hat mich damals in die U19 des DFB berufen, ich durfte drei Spiele für die Nationalmannschaft absolvieren. Horst war immer schon sehr gradlinig und verfolgt seine Prinzipien konsequent. So auch bei mir: Als ich die Schule abgebrochen habe, um mich voll auf den Fußball zu konzentrieren, hat er mich nicht mehr berücksichtigt. Schule war und ist ihm auch heute noch total wichtig. „Ohne Schule kein Fußball“, sagt er. Heute verstehe ich auch noch besser, wie recht er damit hat. Ich war zum Beispiel einmal verletzt, als ich noch nicht richtig Profi war und dann stand ich plötzlich da, ganz ohne Alternative. Was wäre gewesen, wenn ich meine Karriere hätte abbrechen müssen? Diese Situation wollen und müssen wir unseren Spielern heute in jedem Fall ersparen.

Hattet ihr denn auch in der Folgezeit noch Kontakt?

Als ich 2005 von Hamburg in die Schweiz gewechselt bin, haben wir uns zunächst aus den Augen verloren. Ich habe verfolgt, was Horst macht, aber wir hatten keinen persönlichen Austausch mehr. Mit dem HSV stand ich dann kurz nach meinem Karriereende in Kontakt. Wir haben gemeinsam überlegt, ob ich eine Trainerposition im Nachwuchs übernehmen könnte. Letztlich haben wir uns dazu entschieden, dass ich zunächst Erfahrungen in einem anderen Verein sammeln werde. Dass ich jetzt wieder da bin und erneut auf Horst und viele alte Kollegen treffe, ist umso schöner.

Was nimmst du aus deiner aktiven Karriere für deine Trainertätigkeit mit?

Ich möchte vor allem ein Trainer sein, der immer für seine Jungs da ist. Wenn sie private Probleme oder eine fußballerische Schwächephase haben, dann will ich ihr Ansprechpartner sein. Der Spruch „Du kannst mich um drei Uhr nachts anrufen, ich gehe ran“ soll nicht nur eine Phrase sein. Das war für mich als Spieler schon immer das Wichtigste. Deshalb sind mir als Trainer auch vor allem Thomas Doll und eben Horst Hrubesch in Erinnerung geblieben, weil sie schonungslos ehrlich zu mir waren. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass sie komplett hinter mir stehen. Und dadurch fällt es dir dann in der 90. Spielminute vielleicht leichter, nochmal zum Sprint anzusetzen.

Du hast deine ersten Schritte als Trainer in Niendorf gemacht, wie hast du die Arbeit dort wahrgenommen?

Niendorf hat eine richtig gute Jugendabteilung. Was die Menschen in diesem Verein leisten, ist echt klasse. Und für mich war das als Start in meine Trainerlaufbahn der ideale Einstieg. Ich habe den Fußball als Trainer quasi von der Pike auf gelernt. Denn natürlich hat ein Verein wie Niendorf nicht die Mittel und Möglichkeiten wie beispielsweise der HSV. Heißt: Als Trainerteam machst du dort alles. Von organisatorischen Dingen über Platzverhältnisse checken bis hin zu Trikots waschen. (lacht) Mir tat es sehr gut, diese Erfahrung mitzunehmen und einmal an allen Ecken mit anpacken zu müssen, um überhaupt zu realisieren, wie viel Arbeit und Herzblut es auch im Jugendfußball braucht.

Du hast neulich mal gesagt: „Ich habe nur Fußball, ich kann nur Fußball, ich will nur Fußball.“ Was macht diesen Fußball für dich so aus?

Das ist für mich gar nicht richtig greifbar. Ich habe nie etwas anderes gemacht, bin komplett in der Fußballwelt groß geworden und ziehe alle Energie für meinen Alltag daraus. Fußballschuhe binden und raus auf den Platz. Was anderes gibt es für mich gar nicht.

War für dich deshalb auch schon schnell klar, dass du nach deiner aktiven Karriere als Trainer tätig sein möchtest?

Ja, ich habe nie einen anderen Job gelernt und wollte auch nie etwas anderes machen. Trotzdem muss ich sagen: Ich finde es total richtig, dass wir heute im NLZ so viel Wert auf die schulische Ausbildung unserer Spieler legen. Ich bin ja selbst das beste Beispiel: Ich habe nie etwas anders gemacht, als Fußball zu spielen, musste dann meine Karriere beenden und habe nun das Glück, weiterhin im Fußball arbeiten zu dürfen. Das ist aber nicht selbstverständlich. Meinen Jungs von heute wünsche ich einfach, dass sie da mehr Auswahl haben und breiter aufgestellt sind.

Was ziehst du für dich aus deiner Trainertätigkeit?

Natürlich geht es im NLZ darum, das Maximum aus den Spielern herauszuholen und sie individuell stetig besser zu machen. Daran werden wir gemessen. Aber ganz ehrlich: Wenn ich in die Augen meiner Spieler sehe und erkenne, dass sie genau diese Freude beim Fußballspielen empfinden, die ich auch empfinde, dann ist das für mich das schönste Gefühl. Fußball macht so viel Freude. Die Spieler genau dort hinzubringen, dass sie das so empfinden, das ist mein Ziel.

Du verbringst gerade deine erste Saison an der Seitenlinie des HSV und bist mit der U14 direkt Landesligameister geworden. Wie bewertest du eure Spielzeit bisher?

Die Landesligen wurden coronabedingt in jeweils vier Ligen aufgeteilt, wobei sich immer die ersten drei Teams für die Oberliga qualifiziert haben. Meine Spieler haben in der Landesliga durchgängig gegen ein Jahr ältere Gegner gespielt, das war körperlich richtig herausfordernd, aber für uns total positiv, weil sie den meisten Mannschaften doch spielerisch überlegen sind. Durch die athletische Komponente waren wir aber gezwungen, noch schneller Entscheidungen treffen zu müssen, mehr Wege zu gehen, schneller zu agieren. Nur so konnten die Jungs den körperlichen Nachteil ausgleichen. Das hat die Mannschaft insgesamt sehr gut angenommen und am Ende viele souveräne Siege eingefahren.

Und wie bewertest du dein ganz persönliches Comeback beim HSV?

Das ist ein echtes Abenteuer. Ich fühle mich sehr wohl und finde es super, wie schnell und gut ich hier aufgenommen wurde. Im Fußball ist alles ein Geben und Nehmen, das ist ja klar. Und wir haben hier in meinen ersten Monaten schon echt viel zusammen geschafft. Das ist schön zu sehen und gibt mir ein sehr gutes Gefühl für die Zukunft.

Mit der U14 verantwortest du zudem eine Mannschaft, die auf den Sprung in den Campus vorbereitet wird. Wie gehst du mit deinen Spielern um, welche Kultur pflegt ihr da?

Die Entwicklungsschritte, die die Spieler in den jeweiligen Altersklassen von der U11 bis hoch zur U21 gehen sollen, sind mannschaftsübergreifend. In unserem NLZ ist ein roter Faden zu erkennen, bei dem es nicht nur um die sportliche Entwicklung geht, sondern auch um das Charakterliche, das Menschliche. Sebastian Schmidt als unser sportlicher Leiter und alle Mitarbeitenden legen einen großen Wert drauf. Denn: Am Ende willst du einen tollen Jungen entwickeln und nicht nur einen Fußballer. Da haben wir als Trainer einen Erziehungsauftrag. Und den interpretieren wir vor allem so, dass wir mit den Spielern auf einer Ebene sprechen. Wir wollen nicht nur auf dem Platz greifbar für unsere Spieler, sondern auch darüber hinaus immer ansprechbar sein. Mit allen Problemen, Sorgen oder auch schönen Nachrichten sollen sie zu uns kommen können. Das sind Jugendliche, die gerade in die Pubertät kommen oder sich schon mittendrin befinden – eine spannende Zeit und es ist schön, dass wir die so aktiv und intensiv begleiten können. Die Jungs spüren auch, dass es uns darum geht, wie wir sie in ihrem Alltag auch abseits vom Platz am besten unterstützen können. Das macht das Miteinander sehr schön. Die laufende Saison zeigt auch: Einige Jungs aus dem NLZ schaffen sogar den Sprung in den Profikader.

Um diese Entwicklung noch zu verbessern und Jugendfußball nachhaltig zu betreiben: Was braucht es diesbezüglich für dich?

Es braucht genau das: Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit in den Prinzipien, die die Spieler von Jahr zu Jahr und Mannschaft zu Mannschaft vermittelt bekommen. Fußballerisch halte ich im Wesentlichen die Prinzipien, die auch Ricardo Moniz bei uns immer wieder predigt, für die Wichtigsten: Viele Ballberührungen im Spiel, viel Ballbesitz und ein ausgeprägter Wille, immer der aktive Part des Spiels sein zu wollen. Diese Komponenten müssen sich von den jüngsten bis zu den ältesten Nachwuchsteams durchziehen. Nachhaltigkeit geht aber noch darüber hinaus, betrifft auch das Trainerteam. Das haben wir nun durch das neue Trainermodell, bei dem wir mehrere Jahre lang mit einem Jahrgang mitgehen, geschaffen. Und Nachhaltigkeit natürlich auch bei der Freude und der Leistungsbereitschaft der Jungs. Denn klar ist ja auch: Die Spieler müssen liefern, müssen konsequent arbeiten, wenn sie diesen Sprung schaffen möchten. Wenn diese Rädchen ineinandergreifen, dann kann der Weg ein sehr erfolgreicher sein.