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Nachbericht

13.03.21

Dreier mit Drehmoment

Der Hamburger SV fährt beim Tabellenführer VfL Bochum drei ganz wichtige Punkte ein und beweist erneut, dass er nach einer Sieglos-Serie in einer besonderen Drucksituation erfolgreich sein kann.

„Zeit, dass sich was dreht…“ – mit diesen Worten hatte HSV-Trainer Daniel Thioune vor dem Auswärtsspiel beim VfL Bochum eher unbewusst den WM-Song von 2006 des sehr erfolgreichen Bochumer Musikers Herbert Grönemeyer zitiert. Nach zuletzt fünf sieglosen Spielen in Serie drehte sich am gestrigen Freitagabend im Spitzenspiel beim Spitzenreiter VfL Bochum dann tatsächlich etwas: Der HSV siegte durch die Treffer von Amadou Onana (29.) und Khaled Narey (89.) erstmals seit dem 23. Januar (4:2 in Braunschweig) wieder in der Fremde und belohnte sich vier Tage nach dem 1:1-Remis im Montagabend-Topspiel gegen Holstein Kiel, als nach einem dominanten Auftritt mit 18:3-Torschüssen Aufwand und Ertrag nicht übereinstimmten, mit drei ganz wichtigen Punkten. 

Spitzenspiel mit wenig Höhepunkten 

Nachdem die letzten Klänge von Grönemeyers Kulthymne „Bochum“ im leeren Ruhrstadion verklungen und der Anpfiff durch Referee Dr. Felix Brych ertönt war, zeichnete sich früh ab, dass die Protagonisten in diesem Spitzenspiel viel mit sich selbst zu kämpfen haben würden. Auf sehr durchnässtem und schnellem Geläuf taten sich beide Mannschaften sichtlich schwer, spielerische Kontrolle über die Partie zu gewinnen. 65 Ballverluste nach rund 30 Spielminuten untermauerten diesen optischen Eindruck auch statistisch. Der HSV hatte in diesem Gemenge aus Stockfehlern und Fehlpässen noch etwas weniger Zugriff, landete aber den ersten Wirkungstreffer, als Onana in der 29. Minute nach einem Hunt-Freistoß zum 1:0 einnetzte. Der Führungstreffer stand dabei sinnbildlich für die bisherige Partie: Hunts Flanke aus dem linken Halbfeld flutschte am vorderen Strafraumrand irgendwie durch, fiel Onana vor die Füße, der nahezu unbedrängt die Ruhe und Kontrolle über seinen Körper bewahrte und den Ball im Fallen über die Linie bugsierte. 

Der 19-jährige Youngster war es auch, der rund fünf Zeigerumdrehungen später dafür sorgte, dass sich das Spiel weiter zugunsten des HSV drehte, als er am Mittelkreis von Danny Blum grob abgegrätscht und der Bochumer Offensivspieler von Schiedsrichter Brych mit der Roten Karte des Feldes verwiesen wurde. Die Hamburger agierten fortan inklusive der Nachspielzeit eine Stunde lang in Überzahl. Das Bild an der Castroper Straße bekam dadurch aber nicht wirklich einen neuen Anstrich. In einem von viel Kampf und von wenig Chancen geprägten Spitzenspiel überließen die Hamburger dem VfL über weite Strecken des zweiten Durchgangs das Spielgerät, machten dabei einige Halbchancen und Standardsituationen der Hausherren allesamt zunichte. Als die Kräfte keine vier vollen Tage nach dem letzten Flutlichtspiel gegen Kiel zunehmend schwanden, legte Thioune mit Jung, Wintzheimer und Narey erfolgreich nach. Das eingewechselte Trio sorgte in der 89. Minute mit einer Koproduktion aus Ballgewinn, Vorlage und Abschluss für das erlösende 2:0, als Narey den Ball mit einem satten Schuss in die Maschen drosch und der stimmgewaltige Jubelschrei der Rothosen zumindest für einen kurzen Moment Grönemeyers musikalische Vorherrschaft im Ruhrstadion ablöste.  

„Nichts ersetzt Siege“ 

„Für uns ging es heute in erster Linie darum, das Spiel zu gewinnen. Nichts ersetzt Siege“, erklärte Thioune sichtlich erleichtert im Anschluss an ein Spiel, das der HSV keineswegs spielerisch dominiert hatte, aber doch mit mentaler Stärke – letztlich behielt der seit fünf Spielen sieglose HSV beim zweitbesten Rückrundenteam und Spitzenreiter den kühleren Kopf – und dem nötigen Quäntchen Glück auf seine Seite zu ziehen wusste. Und auch hier hatte sich etwas gedreht: Standen die Protagonisten des HSV in den vergangenen fünf Partien ohne dreifachen Punktgewinn dar und mussten mit Ausnahme des schwachen Spiels in Würzburg häufig erklären, warum trotz der Feldüberlegenheit und des Chancenplus kein Sieg heraussprang, stand dieses Mal kein spielerisch schönes Spiel aber der dreifache Punktgewinn in vermeintlicher Diskrepanz. „Wir haben spielerisch schon bessere Leistungen abgeliefert. Dafür haben wir heute aber defensiv sehr gut gestanden, haben nichts zugelassen und waren vorne brutal effektiv. Diesen Dreier wollten wir unbedingt mitnehmen, um uns endlich mal wieder zu belohnen“, entgegnete Außenverteidiger Jan Gyamerah. 

Cheftrainer Daniel Thioune stimmte in diesen Song ein, erklärte in seiner gewohnt sachlichen und fundierten Manier: „Wir haben hinten zu Null gespielt und vorn zwei Tore gemacht. Es ist heute also nicht allzu viel verkehrt gelaufen. Wir werden diesen Sieg jetzt nicht überbewerten, es sind schließlich noch neun wichtige und schwierige Spiele zu gehen, aber für heute Abend ist dieser Sieg Freude pur.“ Freude pur darüber, dass sich etwas gedreht und seine Mannschaft diesen mentalen Härtetest beim Spitzenreiter erfolgreich bestanden hat. Und gleichzeitig die nötige Umsicht vor der nächsten Aufgabe im Drehkreuz, wenn der 1. FC Heidenheim am kommenden Sonnabend im Volksparkstadion gastiert und es wieder um etwas Zählbares geht.