
Interview
15.04.26
„Ich fand es eher cool, wenn das ganze Stadion gegen dich ist“
Im HSV.de-Interview spricht Ex-Profi Aaron Hunt über das bevorstehende Nordderby, seine Einschätzung zu beiden Clubs und seine ungewöhnliche Reise vom Werder-Eigengewächs zum HSV-Kapitän. Zudem verrät er, was ihn an Merlin Polzin überrascht hat und welche HSV-Spieler ihn besonders beeindrucken.
HSV.de: Aaron, du kennst das Nordderby aus beiden Perspektiven. Wie blickst du auf dieses prestigeträchtige Duell?
Aaron Hunt: Das Derby hat immer seinen eigenen Charakter. Es kommt aktuell vielleicht noch mehr Brisanz hinzu, weil beide Teams gegen den Abstieg spielen. Der HSV liegt noch drei Punkte vor Werder und kann also eingeholt werden. Zugleich besteht eine riesige Chance, dass man bei einem Sieg in Bremen mit dem Abstieg wohl nichts mehr zu tun haben wird. So ein Derby ist einfach ein besonderes Spiel und kann dir für die kommenden Wochen mächtig Auftrieb geben. Die Chancen, etwas zu erreichen, sind viel höher als die, etwas zu verlieren.
Nimmt man die Intensität dieses Duells als Spieler von Bremen beziehungsweise Hamburg eigentlich unterschiedlich wahr?
Nein, das ist auf beiden Seiten ziemlich ähnlich: Du merkst als Spieler gleich zu Beginn der Woche, dass vonseiten des Vereins und der Fans diesem Spiel mehr Bedeutung beigemessen wird als einem normalen Bundesliga-Spiel. Das bekommst du immer mit.
„Ich habe das als Spieler deutlich gespürt, es hat mir aber wenig ausgemacht.“
Und macht es einen Unterschied, ob man zu Hause oder auswärts beziehungsweise im Volkspark oder im Weserstadion spielt?
Das hat auf jeden Fall einen Einfluss. Die Stimmung ist zugunsten der Heimmannschaft einen Tick explosiver. Ich habe das als Spieler deutlich gespürt, es hat mir aber wenig ausgemacht. Ich fand es eher cool, wenn das ganze Stadion gegen dich ist.

Was für ein Spiel erwartest du am Sonnabend – offenes Visier oder Defense first?
Werder hat in meinen Augen in dieser Saison nicht die Offensivpower für ein Spiel mit offenem Visier. Das erwarte ich nach den jüngsten Ergebnissen zwar auch nicht vom HSV, aber ich sehe den HSV schon stärker aufgestellt als Werder – ganz gleich, ob sie zuletzt in Stuttgart ein Stück weit chancenlos waren. Dafür haben eben auch zu viele Spieler gefehlt, die für den HSV wichtig sind.
Wie bewertest du die Entwicklung beider Mannschaften in dieser Saison?
Ich würde den HSV in dieser Saison durchweg positiv beurteilen. Man muss bedenken, dass sie Aufsteiger sind. Dafür haben sie besonders in den Heimspielen sehr erfrischenden Fußball gespielt und waren – bis auf drei, vier Ausnahmen, etwa in den Spielen in München und Stuttgart oder gegen Leverkusen – nie chancenlos, sondern immer auf Augenhöhe mit den Gegnern. Das verlief bisher alles deutlich positiver als bei Werder. Bremen hatte schon einige Probleme – sei es mit Blick auf die Kaderzusammenstellung oder die Trainerauswahl. Da hätte man sich insgesamt eine andere Entwicklung erhofft und vorgestellt. Ich glaube auch, dass Werder nicht erwartet hätte, in dieser Saison wieder gegen den Abstieg zu spielen.

Beim HSV hat sich das Gesicht der Mannschaft in der Bundesliga sehr verändert. Welche Spieler überzeugen dich besonders und warum?
Vuskovic ist zweifellos der Top-Transfer. Wie er mit seinen 19 Jahren auf so einer wichtigen Position von Beginn an eine Führungsrolle eingenommen hat, ist natürlich außergewöhnlich – besonders vor dem Hintergrund, dass du aus dem Ausland kommst, das erste Mal Bundesliga spielst, die Sprache nicht vollends beherrschst und die Mentalität eine andere ist. Dafür macht er es außergewöhnlich gut. Das zeigt, was für ein Spieler er ist und was für ein Spieler er noch werden kann. Auch darüber hinaus hat der HSV gute Transfers getätigt, darunter Remberg oder Capaldo. Solche Spieler verkörpern, was eine Aufstiegsmannschaft braucht: diesen unbedingten Willen, sich in jeden Zweikampf reinzuhauen und sich für den Verein zu zerreißen. Das sind zwei echte Glücksgriffe, bei denen der HSV richtig gut gescoutet hat.
„Man sieht, dass ihm die Mannschaft zu 100 Prozent folgt. Das Team hat eine klare Handschrift und weiß, wofür es stehen will. “
Merlin Polzin war dein Co-Trainer beim HSV. Hättest du ihm die Entwicklung zum Cheftrainer des HSV zugetraut? Und wie blickst du auf seine Arbeit?
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich ihm das nicht zugetraut hätte. Seine Expertise in den Analysen und Gesprächen hat man als Spieler immer schon gemerkt, aber zwischen Co- und Cheftrainer besteht ein großer Unterschied. Ich hatte ihn nie so auf dem Zettel, dass er mal in die erste Reihe rückt und Chef wird. Umso positiver ist es, wie er es hinbekommen hat. Man sieht, dass ihm die Mannschaft zu 100 Prozent folgt und dass sie eine Einheit ist. Das Team hat eine klare Handschrift und weiß, wofür es stehen will. Merlin hat also sehr viel richtig gemacht. Da kann man nur sagen: Hut ab!
Wie wirst du das Spiel am Sonnabend verfolgen?
Ich werde höchstwahrscheinlich nicht im Stadion sein, sondern die Partie zu Hause in Hamburg vor dem Fernseher verfolgen.

Diese Frage müssen wir stellen: Für wen schlägt dann dein Herz in diesem Duell?
(lacht) Das ist natürlich schwierig für mich zu beantworten: Ich habe für beide Clubs gespielt und verbinde mit beiden Teams intensive Jahre. Ich wünsche mir, dass beide in der Liga bleiben. Was ich sagen kann: Ich gucke dem HSV aktuell lieber zu als Werder. Das hat aber nicht damit zu tun, dass ich einen Club viel geiler finde, sondern damit, dass mir der HSV einfach mehr gibt, wenn ich mir die Spiele anschaue.
„Ich habe es immer genossen, im Volkspark zu spielen.“
Mit etwas Abstand betrachtet: Denkst du rückblickend noch darüber nach, wie verrückt deine Laufbahn war? Vom Jugendspieler, Bundesliga-Debütanten und Pokalsieger bei Werder zum Kapitän des HSV.
Ja, klar – das wäre vorher ja irgendwie undenkbar gewesen. Ich bin mit 14 Jahren zu Werder gekommen, habe alle Jugendteams durchlaufen und irgendwann ging es zu Ende. Dann gab es eine ordentliche Eigendynamik, als ich aus Wolfsburg wechseln wollte und sich kurz vor Transferschluss die Möglichkeit mit dem HSV ergab. Anschließend habe ich dort sechs sehr intensive Jahre gehabt und alles miterlebt – darunter mit dem Abstieg leider auch etwas, was man als Sportler niemals erleben will. Trotzdem habe ich die sechs Jahre bei diesem Verein sehr genossen. Denn eines ist klar: Der HSV gehört zu den Top-5-Clubs in Deutschland, was Strahlkraft, Wucht und Fans angeht. Gerade die Heimspiele waren immer etwas Besonderes. Ich habe es immer genossen, im Volkspark zu spielen.
Mittlerweile hast du deine Karriere seit einigen Jahren beendet und dir als Berater ein neues Standbein aufgebaut. Vermisst du es manchmal, in solchen Spielen nicht mehr auf dem Platz zu stehen?
Bei solchen speziellen Spielen definitiv, aber generell vermisse ich es nicht. Ich sage manchmal aus Spaß zu meiner Frau: Wie konnte ich 20 Jahre lang jeden Tag trainieren? (lacht) In meinem jetzigen Zustand weiß ich gar nicht, wie ich das damals geschafft habe. Aber ja, wenn ich am Samstag vorm Fernseher sitze, dann kribbelt es schon. Das sind einfach Spiele, auf die du als Fußballer richtig Bock hast.
