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Interview

16.06.22

„Für die Wettbewerbsfähigkeit in der Zweiten Liga sehe ich uns gut aufgestellt“

Vorstand Dr. Thomas Wüstefeld spricht über den Transformationsprozess beim HSV, die Unruhe in den letzten Wochen und das Ziel der schwarzen Null. 

Für die Fußballprofis des HSV ist die Sommerpause in Kürze vorbei. Der Vorbereitungsstart steht am Montag an. Für den Vorstand des HSV gab es keine Sommerpause, sondern einen nahtlosen Übergang von Saisonabschluss zur weiteren Zukunftsplanung. Dr. Thomas Wüstefeld gewährt im Interview mit hsv.de Einblicke, welche Themen ihn beschäftigen und mit welchen Vorgaben der HSV in die Saison 2022/23 gehen wird.

hsv.de: Die Musiker von Rammstein haben zu Wochenbeginn jede Menge harte Töne und Feuer in Form einer Pyroshow in den Volkspark gebracht. Die mediale Berichterstattung über den HSV seit der verlorenen Relegation gegen Hertha BSC deutete auch „Feuer unterm Dach“ beim HSV an. Wie betrachten und bewerten Sie die Stimmungslage?

Thomas Wüstefeld: Sicherlich hatten wir in den letzten Wochen nicht die gute, euphorisierte Stimmung, wie wir sie nach dem sportlichen Hoch in der Endphase der abgelaufenen Saison bei uns erlebt haben. Das liegt an unterschiedlichen Faktoren: an der Sommerpause, an Unruhe, die von außen in unsere Organisation hineingetragen wurde, sicherlich auch an internen Veränderungsprozessen. Aber diese Veränderungen sind zwingend notwendig, wenn wir nach zehn Jahren roter Zahlen auch mal wieder schwarze schreiben wollen und nach fünf Jahren Zweiter Liga auch wieder in die Erstklassigkeit zurückkehren möchten. Das muss ohnehin jede Kollegin und jeder Kollege im HSV verstehen: Wir werden nur gemeinschaftlich Erfolg haben können.

"Wir arbeiten mit einem Transferbudget, das uns handlungsfähig macht"

Sie haben seit Ihrem Amtsantritt betont, dass Sie nach vorne schauen und den HSV vor allem finanziell und wirtschaftlich stabilisieren wollen. Wie läuft dieses Vorhaben bisher an, welche Rolle spielt dabei der begonnene Transformationsprozess?

Wir befinden uns mittendrin. Wir haben in den vergangenen Monaten und Wochen viele Themen und Bereiche analysiert und überlegt, ob und wie sie in unser Portfolio passen. Dazu gehörte auch, dass wir alle Dienstleistungsverträge angeschaut und analysiert haben, über 280 an der Zahl, in denen wir Potenzial zur Optimierung erkannt und erste Maßnahmen umgesetzt haben. Ein Beispiel ist der Auszug des Vermarkters Sportfive aus unseren Geschäftsräumen und der nun folgende Einzug unserer Kolleginnen und Kollegen, die in die Nachbarschaft ausgesiedelt waren. Sicherlich ist die interne Kommunikation bei dieser Vielzahl an Themen nicht immer glücklich gewesen, aber alle Veränderungen dienen einem Ziel – der Prämisse der Kostenoptimierung aufgrund der finanziellen Gesamtlage.

Wird der HSV trotz des fünften Zweitligajahres in Folge ein wettbewerbsfähiges Budget aufstellen können? Wie schätzen Sie diesbezüglich den HSV im Vergleich zur Zweitligakonkurrenz ein?

Wir arbeiten derzeit mit einem Transferbudget, das vom Aufsichtsrat freigegeben wurde und das uns in der aktuellen Personal- und Saisonplanung handlungsfähig macht. Wir werden versuchen, uns weitere Mittel zu erarbeiten. Für die Wettbewerbsfähigkeit in der Zweiten Liga sehe ich uns gut aufgestellt.

Die EURO 2024 wirft ihre Schatten voraus. Hier hatten Sie zuletzt intensiven Austausch mit der Stadt Hamburg, um Möglichkeiten und Notwendigkeiten von Investitionen seitens des HSV für Bau- und Modernisierungsarbeiten zu besprechen. Wie ist der Stand der Dinge, werden die ersten baulichen Veränderungen im November/Dezember 2022 erfolgen?

Die EURO und ihre Vorzeichen für uns sind ein hochbrisantes Thema, auch in der Politik, zumal es sich um eine internationale Veranstaltung mit großem Imagewert für Hamburg handelt. Die baulichen Sanierungsmaßnahmen müssen auf Basis der verpflichtenden Erklärung gemeistert werden, die der HSV beim Verkauf des Stadiongrundstückes an die Stadt unterzeichnet hat. Wir sind nach wie vor dabei, unterschiedliche Finanzierungsmöglichkeiten zu prüfen, weil die Vorgaben sehr hohe Investitionsvolumen mit sich bringen. Daher waren und sind wir sehr überrascht, dass laut Rathaus ein kleiner, einstelliger Millionenbetrag zur Erreichung des EURO-erforderlichen Zustands als Investitionshöhe reichen soll. Aber wir werden natürlich weiterhin intensive Gespräche mit der UEFA und der Stadt fortsetzen.

"Wir müssen die Menschen wieder aktivieren, in den Volkspark zu kommen"

Sie persönlich sind nun seit knapp einem halben Jahr als Entsandter des Aufsichtsrats im Vorstand. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse? Und: Streben Sie über den Jahreswechsel einen Verbleib im Vorstand an?

Ich habe in kurzer Zeit sehr viel gelernt, auch und vor allem über die Rolle und die Wahrnehmung des HSV in der Stadt und in den Medien. Ich sehe viele Möglichkeiten zur Optimierung, bei denen wir gemeinsam angreifen können. Was meine persönliche Rolle und die Frage danach betrifft, bin ich der falsche Ansprechpartner, das ist ein Thema für den Aufsichtsrat. Ich bin jetzt seit sechs Monaten meiner auf ein Jahr begrenzten Entsendung in dieser Rolle und wir ziehen gemeinsam mit dem Kontrollgremium eine erste Zwischenbilanz, daher stellt sich diese Frage nach meinem möglichen Bestreben jetzt gar nicht.

Zum Abschluss noch eine Frage zum anstehenden Trainingsauftakt: Nach vier vergeblichen Anläufen soll der Sprung in Liga eins 2023 gelingen. Was sind neben den sportlichen noch weitere Ziele für die Gesamtorganisation?

Unsere Leitlinie für das nächste Geschäftsjahr lautet: Wir wollen vereint sein, müssen uns aber auch sportlich und wirtschaftlich so bewegen, dass der HSV dorthin kommt, wo er hinwill. Und – das betone ich an dieser Stelle noch einmal – dabei geht es nicht um Einzelpersonen wie Jonas oder mich, es muss im Kern immer um die Raute gehen. Und da warten viele Herausforderungen neben den sportlichen auf uns. Eine der wichtigsten betrifft unser Publikum: Nach den Corona-Einschränkungen müssen wir die Menschen, unsere Fans und Sympathisanten, wieder aktivieren, in den Volkspark zu kommen. Unser ganzheitlicher Fokus ist einfach und klar formulierbar: Erreichen der sportlichen und wirtschaftlichen Ziele. Dafür führen wir ein neues Organisationsmodell ein, an dessen operativer Spitze unterhalb des Vorstands ein Management Board mit Dr. Eric Huwer (Finance & Operations), Cornelius Göbel (Brand, Culture & Digital) und Marieke Patyna (Strategy, People & Sustainability) fungieren wird. Zudem müssen wir zielführend und dynamisch agieren können, daher ist die Zusammenlegung von ehemaligen Abteilungen zu agilen und flach-hierarchischen Business Units bereits erfolgt.

Vielen Dank für das Gespräch.