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Interview

18.02.22

Glatzel: "Auf die Siege kann man sich nichts einbilden"

Im Interview mit HSV.de spricht Robert Glatzel über sein Mindset als Stürmer, das Gefühl eines Tores und das Auswärtsspiel beim SV Sandhausen.

In den vergangenen zwei Spielen hat Robert Glatzel (28) einmal mehr die volle Bandbreite eines Stürmer-Lebens hautnah miterlebt. War der Top-Angreifer der Rothosen (14 Tore) nach der Partie gegen Darmstadt 98 durch seine historischen vier Treffer der gefeierte Held und auf jeder Titelseite zu finden, verzeichnete er im Heimspiel gegen Heidenheim (2:0) nicht eine eigene Großchance. Die Matchwinner waren an diesem Tag andere. Durch seine mannschaftsdienliche Spielweise hatte Glatzel dennoch einen großen Anteil am Erfolg und wurde dafür auch gelobt. Wie er die Tage erlebt und verarbeitet hat, warum sich das Toreschießen bei ihm erst später in den Vordergrund schob und was aus seiner Sicht das Fundament des Erfolgs sein muss, verrät er im HSV.de-Interview.

Bobby, in den letzten zwei Wochen war ein ziemlicher Rummel um deine Person. Mit deinen vier Toren beim 5:0-Sieg in Darmstadt ist dir Historisches gelungen. Was ist mittlerweile mit dem Ball, den du dir gesichert hast, passiert? 

Glatzel: Der Ball ist mittlerweile von der Mannschaft unterschrieben und liegt bei mir im Keller. Dort habe ich wie schon mal erzählt einen Fußball-Karton, in dem ich die Andenken an die Fußballjahre aufbewahrt habe. Da sind ein paar Trikots drin sowie Zeitungsartikel und andere kleine Andenken wie Stadionzeitungen oder coole Bilder. 

Wie haben sich die Tage nach diesem historischen Ereignis angefühlt? 

Es war schön, keine Frage, aber ehrlich gesagt habe ich es trotz allem Rummel relativ schnell abgehakt. Wenn ich ein paar Jahre jünger gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich noch länger geflogen. (lacht) Aber ich habe es schnell abhaken können. Trotzdem war es natürlich einmalig und etwas ganz Besonderes. 

Im Sport gibt es dieses Sprichwort: „Du bist nur so gut wie dein letztes Spiel.“ Macht man sich Gedanken darüber, dass man diesen persönlichen Erfolg schnell ablegen muss und ab wann hast du diesen Schalter umgelegt? 

Diesen Satz kenne ich auch. Im Grunde habe ich den Schalter schon nach ein bis zwei Tagen umgelegt. Mit dem ersten Training der neuen Woche wusste ich, es ist immer noch schön, aber die Arbeit geht weiter. Wir haben noch viele weitere Ziele und deshalb liegt der Fokus darauf. 

Mit welchem Mindset gehst du dann in das nächste Spiel. Man weiß wahrscheinlich selber, dass einem so etwas nicht wieder gelingt?

Man versucht es auszublenden. Klar wird man ein bisschen mehr beobachtet und alle sagen: Letztes Spiel erzielte er vier Tore, was passiert heute? Mein Mindset war: Es werden wahrscheinlich ein, zwei gute Chancen kommen. Da versuche ich da zu sein. Gegen Heidenheim war es jetzt das einzige Spiel, in dem ich keine gute oder sehr gute Torchance hatte, weil sie einfach gut verteidigt haben. Aber die Chancen werden wieder kommen und dann muss ich voll konzentriert sein. 

Du sprichst das Heimspiel gegen Heidenheim an. Du hast nicht getroffen, trotzdem wurde wieder sehr positiv über dich berichtet, weil du einen großen Impact auf das Spiel hattest – nicht zuletzt durch deinen Pass, der das 1:0 eingeleitet hat. Stand dieses Spiel exemplarisch dafür, dass ein Stürmer nicht nur an seinen Toren gemessen werden sollte? 

Auf jeden Fall. Man denkt vielleicht, dass man wieder ein oder zwei Tore erzielen kann, weil man einen Flow hat, aber Fußball ist so unvorhersehbar. Es kann alles passieren. Es hat mich riesig gefreut, dass wir als Mannschaft so ein gutes Spiel gemacht haben und ich auch ohne Tore meinen Teil dazu beitragen konnte, gerade weil es auch gegen einen direkten Mitkonkurrenten ging.

Du bist ein sehr mitspielender Stürmer, der sich auch mal fallen lässt und sehr in die Zweikämpfe geht. Ist das ein Aspekt, den du während deiner Karriere erst lernen musstest? 

Das steckt schon immer in mir drin, weil ich nicht immer Stürmer war. In der Jugend hatte ich viele andere Positionen. Das Toreschießen kam erst relativ spät in meiner Entwicklung dazu, weil ich extrem viel auf dem Bolzplatz gespielt habe. Da ging es immer darum, auch kreativ zu spielen und bei allem dabei zu sein. Nur das Toreschießen war da noch im Hintergrund. Das kam erst mit dem Alter. 

Ob eine Vorlage oder Tor schöner ist, sollte für einen Stürmer eine rhetorische Frage sein – dennoch: Kannst du einem Assist auch ein ähnliches Gefühl abgewinnen? 

Nein, keine Chance. (lacht) Ein Tor ist mit Abstand der schönste Moment beim Fußball. Als Stürmer musst du diese Einstellung auch haben. Dafür lebt man, dafür wird man bezahlt. Das kann auch undankbar sein, weil du manchmal mehrere Spiele gut spielst, aber kein Tor erzielst, aber manchmal ist es auch andersherum.  

Gegen Heidenheim wurdest du richtig beackert. Kennen dich Schmidt und die alten Weggefährten einfach zu gut? 

Von der taktischen Ausrichtung hat Heidenheim sehr mannorientiert gespielt. Die Verteidiger sind bei jedem Gegenspieler gefühlt überall mit hingelaufen. Deswegen waren für mich als Stürmer nicht so viele Räume da. Aber der Matchplan von uns ist total gut aufgegangen, wie zum Beispiel beim 1:0, wo ich kurz komme, die Verteidiger mitgehen und dafür im Rücken der Platz für Baka, Sonny und Faride frei wurde. Das hat mich riesig gefreut, weil Heidenheim schwer zu knacken ist. 

Jetzt steht das nächste Spiel schon wieder vor der Brust. Was erwartet euch in Sandhausen?   

Es wird sicher genauso schwer. Wir müssen genauso weitermachen, bei uns bleiben und nicht an etwas anderes denken. Es gilt wieder, die Arbeit zu machen, die Intensität auf den Platz zu bringen, Zweikampfhärte und Laufbereitschaft zu zeigen und dann über das Selbstvertrauen, das wir uns schon erspielt haben, den Unterschied zu machen. Das Fundament muss aber immer da sein, da führt nichts daran vorbei. 

Wer sorgt für diese Mentalität innerhalb des Teams?

Eine Mischung aus vielen Faktoren. Der Trainer sagt und betont es immer wieder bei jeder Analyse. Gratulation zum Spiel, aber jetzt geht es weiter. Dazu kommen einige Spieler, die trotz unserer sehr jungen Mannschaft, schon etwas länger dabei sind. Die wissen, wie schnell es im Fußball auch wieder in die andere Richtung gehen kann. Man kann sich nichts auf die Siege einbilden. 

 

Tipp: Im HSV-Podcast "Pur der HSV" nimmt Robert Glatzel die Zuhörer mit auf eine Reise durch seine ungewöhnliche Karriere, die davon gezeichnet ist, niemals aufzustecken und gegen alle Widerstände an seinen Träumen festzuhalten. 

Hier geht es zum Podcast mit Robert Glatzel.