
Interview
19.04.26
„Eine klare Grenze ist überschritten“
Im HSV.de-Interview bezieht Cornelius Göbel, Direktor Fans, Kultur & Nachhaltigkeit beim HSV, Stellung zu den Vorfällen im Gästeblock rund um das Nordderby.
HSV.de: Cornelius, wie bewertet der HSV die Vorfälle rund um Pyrotechnik beim Nordderby in Bremen?
Cornelius Göbel: Der Hamburger SV verurteilt die Vorfälle in aller Klarheit. Was wir in Bremen gesehen haben – insbesondere das gezielte Abschießen von Pyrotechnik in Richtung anderer Zuschauerbereiche – stellt eine deutliche Eskalation dar. Hier wurde Pyrotechnik nicht mehr als atmosphärisches Element eingesetzt, sondern als Mittel der Konfrontation. In dem Moment, in dem sie gezielt in Richtung von Menschen eingesetzt wird, sprechen wir nicht mehr über Fankultur, sondern über konkrete Gefährdung. Das ist eine klare Grenzüberschreitung. Dazu hat sich auch die SC-Leitung direkt positioniert.
Du ordnest das als Eskalation ein. Welche Dynamiken stehen dahinter?
Wenn man solche Vorfälle analytisch betrachtet, erkennt man bekannte Muster aus der Fan- und Konfliktforschung.
Zum einen sehen wir eine Verschiebung von Normen. Dinge, die lange auch innerhalb der Szene als inakzeptabel galten, werden in bestimmten Situationen plötzlich toleriert oder sogar gerechtfertigt. Gleichzeitig entstehen gerade bei emotional aufgeladenen Spielen wie einem Derby Dynamiken, in denen sich Gruppen gegenseitig verstärken und individuelle Hemmschwellen sinken.
Hinzu kommt, dass sich die Bedeutung von Pyrotechnik verändert. Was in Teilen der Fanszene als kulturelles Ausdrucksmittel verstanden wird, verliert diesen Charakter in dem Moment, in dem es gegen Menschen eingesetzt wird. Dann wird daraus faktisch ein Gefährdungsinstrument.
Nach dem Spiel kam es zudem zu einem Polizeieinsatz im Gästeblock sowie zu weiteren Vorfällen. Wie ordnest du das ein?
Auch das gehört zu einer ehrlichen Gesamtbewertung dazu. Der Polizeieinsatz im Block und die kleineren Konfliktsituationen im Nachgang zeigen, wie angespannt die Lage insgesamt war. Nach allem, was wir aktuell wissen, waren daran jedoch nicht die organisierten Strukturen der aktiven Fanszene beteiligt – das ist für die Einordnung wichtig.
Unabhängig davon müssen wir aber klar sagen. Die Zerstörung von Sanitäranlagen im Gästebereich ist nichts anderes als blanker Vandalismus. Dafür gibt es keinerlei Rechtfertigung. Solche Handlungen haben mit Fankultur nichts zu tun, sondern sind reine Sachbeschädigung und sie schaden letztlich allen Beteiligten.
Der HSV hat sich in der Vergangenheit für einen differenzierten Umgang mit Pyrotechnik eingesetzt. Ist diese Position noch haltbar?
Ja, aber sie ist an klare Voraussetzungen gebunden. Unser Ansatz war immer, differenziert zu betrachten und den Dialog zu suchen, anstatt pauschal zu verurteilen. Gleichzeitig war immer klar, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit Pyrotechnik nur dann möglich ist, wenn er kontrolliert erfolgt und keine Gefährdung für andere darstellt.
Die Ereignisse in Bremen zeigen sehr deutlich, dass diese Voraussetzungen nicht selbstverständlich sind. Und dort, wo sie nicht eingehalten werden, stößt auch ein differenzierter Ansatz an klare Grenzen.
Kritiker fordern nun pauschale Maßnahmen gegen Fanszenen. Wie stehst du dazu?
Dass nach solchen Bildern Konsequenzen gefordert werden, ist absolut nachvollziehbar. Die Vorfälle sind so gravierend, dass sie eine klare Antwort erfordern.
Gleichzeitig wissen wir aus Erfahrung und aus der Forschung, dass pauschale Maßnahmen gegen ganze Gruppen oft nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Sie führen eher dazu, dass sich Strukturen weiter abschotten, dass sich interne Solidarität verstärkt und dass der Zugang für präventive Arbeit schwieriger wird.
Deshalb halten wir es für entscheidend, Verantwortung dort zu adressieren, wo sie tatsächlich liegt. Das bedeutet, die konkret Beteiligten zu identifizieren, individuelles Fehlverhalten klar zu sanktionieren und strafrechtlich konsequent zu verfolgen. Das ist aus unserer Sicht der wirksamste und zugleich rechtsstaatlich richtige Weg.
Welche Konsequenzen zieht der HSV aus den Ereignissen in Bremen?
Zunächst geht es um eine umfassende Aufarbeitung gemeinsam mit den zuständigen Behörden. Darüber hinaus werden wir unsere Risikoanalysen für Auswärtsspiele weiter schärfen und die Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden noch enger gestalten.
Gleichzeitig werden wir unsere präventiven Ansätze weiterentwickeln und den Dialog mit der Fanszene fortführen, allerdings auf einer noch klareren und verbindlicheren Grundlage. Entscheidend wird sein, Grenzen deutlicher zu benennen und die Konsequenzen bei Überschreitungen transparent zu machen.
Was ist deine zentrale Botschaft nach diesem Derby?
Die Ereignisse in Bremen zeigen, wie schnell sich Dynamiken im Fußballkontext zuspitzen können. Deshalb ist es wichtig, weder zu verharmlosen noch vorschnell pauschal zu urteilen.
Wir brauchen eine klare Haltung: konsequent gegenüber Gewalt und Vandalismus, aber differenziert im Blick auf die Anhängerschaft insgesamt.
Der Hamburger SV steht für eine lebendige Fankultur. Aber ebenso klar ist: In dem Moment, in dem Menschen gefährdet werden oder Infrastruktur mutwillig zerstört wird, endet jede Legitimation.
