
Interview
18.03.26
Guy Demel: „Es waren die besten Jahre meiner Karriere!“
Im Interview vor dem Duell seiner beiden ehemaligen Clubs blickt der frühere Publikumsliebling zurück. Zudem berichtet er von einem Gespräch mit Merlin Polzin und der Arbeit als Co-Trainer der Elfenbeinküste.
Wenn der Ball zu ihm gelangte, wurde es laut im Volksparkstadion. Dann schallte von allen Rängen ein langgezogener i-Laut durch das weite Rund: „Guuuuuy!“ Natürlich ist die Rede von Guy Demel, der zwischen 2005 und 2011 für den HSV aktiv war. Der Publikumsliebling absolvierte insgesamt 200 Pflichtspiele (fünf Tore, 15 Vorlagen) mit der Raute auf der Brust. Vor seiner Zeit in Hamburg spielte Demel bei Borussia Dortmund – die beiden Vereine also, die sich am Sonnabend (21. März) im Bundesliga-Topspiel um 18.30 Uhr gegenüberstehen.
Demel ist per Telefon aus der Elfenbeinküste zugeschaltet, als die HSV.de-Redaktion ihn zum Interview erreicht. Der 44-Jährige verrät, warum der HSV die beste Station seiner Karriere war und was er Merlin Polzin in einem Gespräch mitgegeben hat. Zudem berichtet der Publikumsliebling von seiner Arbeit als Co-Trainer der ivorischen Nationalmannschaft, die bei der Weltmeisterschaft im kommenden Sommer auf das DFB-Team trifft.
HSV.de: Guy, mit 200 Spielen hast du für keinen anderen Verein in deiner Karriere so viele Partien bestritten wie für den HSV. Sechs Jahre warst du hier. Warum wurde der Club zu deiner längsten Station?
Guy Demel: Das lag an der Stadt, dem Verein und meinem ersten Trainer, Thomas Doll. Der HSV war die erste Station, bei der ich wirklich Stammspieler war. Ich habe ganz viel gespielt. Zudem war die Qualität der Mannschaft brutal. Es waren einfach die besten Jahre meiner Karriere! Ich hatte viele schöne Momente in Hamburg.

Welche ist die schönste Erinnerung an die HSV-Zeit?
Da muss ich auf Anhieb an das Osasuna-Spiel (1:1 im August 2006; Anm. d. Red.) denken! Für beide Teams ging es um die Qualifikation zur Champions League. Die Atmosphäre und das Wetter – es war extrem heiß – waren verrückt. Das war eine unglaubliche Erfahrung. Aber auch jedes Spiel gegen den FC Bayern München oder die Nordderbys gegen Werder Bremen waren besonders.
Wie intensiv verfolgst du die Rothosen noch?
Ich schaffe es leider nicht, mir alle Spiele live anzugucken. Dafür fehlt mir in meiner Funktion als Co-Trainer der Elfenbeinküste die Zeit. Ich muss viele Spieler beobachten. Aber ich würde sagen, dass ich jedes dritte Spiel des HSV sehe. Manchmal gucke ich es mir auch im Re-Live an. Ich habe aber auf jeden Fall noch Kontakt zum Verein.
Wir haben erfahren, dass du mit Merlin Polzin in Kontakt stehst. Was hat es damit auf sich?
Wir haben am Anfang der Saison miteinander gesprochen. Ich habe ihm zum Aufstieg gratuliert und seine Arbeit gelobt. Ich habe ihm gesagt, dass er so weitermachen soll. Es würde in der Saison auch schwierige Momente geben, aber über allem stünde der Klassenerhalt. Aktuell läuft es super. Das freut mich für ihn und den Verein.
Wann sehen wir dich wieder im Volksparkstadion?
Ich wollte eigentlich zum Heimspiel gegen den FC Bayern München vor Ort sein, aber das hat aufgrund meiner Arbeit leider zeitlich nicht geklappt. Ich hoffe, dass ich es vor dem Saisonende noch schaffe.

Der Zeitpunkt für dieses Gespräch ist bewusst gewählt: Der HSV gastiert am Sonnabend bei Borussia Dortmund, einem weiteren Ex-Club von dir. Wie blickst du auf deine Zeit beim BVB zurück?
Dortmund war meine erste Station in Deutschland. Ich habe beim BVB gelernt, was die deutsche Mentalität bedeutet. Leider hatte ich eine schwere Verletzung und habe insgesamt nicht so viel gespielt. Es lief nicht alles so, wie ich es mir gewünscht hätte, aber ich bin sehr dankbar für die Zeit. Ich habe viel Positives daraus mitgenommen. Und: Danach ging es zum HSV, der besten Station meiner Karriere.
Was war im Sommer 2005 der ausschlaggebende Grund für deinen Wechsel von Borussia Dortmund zum HSV?
Ich hatte ein sehr gutes Gespräch mit Thomas Doll und Dietmar Beiersdorfer. Beide wollten mich unbedingt haben. Sie haben mir ihre Idee mit mir klar aufgezeigt. Ich hatte die Aussicht auf mehr Spielzeit. Zudem überzeugte mich Hamburg als Stadt direkt. Es hat einfach auf Anhieb gepasst.
Thomas hatte mich bereits 2003 in einem Spiel der Reserveteams von Borussia Dortmund und des HSV gesehen. Scheinbar habe ich so ordentlich gespielt, dass er mich seitdem auf dem Schirm hatte. (lacht) 2005 lief dann mein Vertrag aus, und ich wollte unbedingt in Deutschland bleiben. Ich wollte beweisen, dass ich für die Bundesliga gut genug bin.

Jetzt, wo die beiden Vereine in der Bundesliga aufeinandertreffen – wie wirst du das Spiel verfolgen? Und was ist dein Tipp?
Da das Spiel in Dortmund stattfindet, kann ich mir vorstellen, dass es für den HSV nicht einfach wird. Deshalb würde ich sagen, dass ein Unentschieden sehr gut wäre. Das muss ich aber auch so sagen, weil ich für beide gespielt habe. (lacht) Ich werde es mir auf jeden Fall anschauen.
Für viele HSV-Spieler ist es das erste Mal auswärts in Dortmund. Auf welche Atmosphäre müssen sie sich im Signal Iduna Park einstellen?
Es ist nicht einfach als Gegner. Während meiner Zeit in Dortmund habe ich viele Gegner erlebt, die von der Stimmung erdrückt wurden und dadurch nicht gut spielten. Mein Freund Djibril Cisse erzählte mir mal, dass seine Teamkollegen und er in einem Spiel (Dortmund gegen Auxerre im September 2002; Anm. d. Red.) Angst hatten und den Ball kaum kontrollieren konnten. Wahnsinn! Das Stadion ist immer voll und laut. Das hilft der Heimmannschaft natürlich. Gleichzeitig kann es aber auch eine Chance für dich als Gegner sein, wenn es dir gelingt, die Heimfans unzufrieden zu machen.
Wie viel Bundesliga schaust du generell als Co-Trainer der ivorischen Nationalmannschaft?
Ich schaue mir viel von der Bundesliga an. Jede Woche sehe ich ein anderes Spiel. Beispielsweise spielen in unserer Nationalmannschaft Leipzigs Yan Diomande oder Hoffenheims Bazoumana Toure. Überhaupt haben wir mehrere in Deutschland aktive Spieler. Wir verfolgen auch Jean-Luc Dompe und Aboubaka Soumahoro vom HSV, die ivorische Wurzeln haben. Insbesondere Dompe ist interessant für uns. Tatsächlich war ich einmal am Anfang der Saison inkognito in Hamburg. (lacht)

Die Elfenbeinküste trifft bei der Weltmeisterschaft auf Deutschland, Ecuador und Curacao. Wie besonders ist das Duell mit dem DFB-Team für dich? Und welche Chancen rechnet ihr euch generell in Gruppe E aus?
Ich freue mich sehr auf das Spiel gegen Deutschland. Dort habe ich 2006 meine erste WM gespielt, und jetzt stehe ich vor meiner ersten WM als Co-Trainer und wieder ist Deutschland ein Teil davon. Die Deutschen sind die Favoriten in der Gruppe, sie haben eine Menge Qualität und die Erfahrung für ein solches Turnier. Ecuador ist ebenfalls sehr stark, weil mehrere Spieler bei großen Vereinen unter Vertrag stehen und in der Champions League auflaufen. Ich denke, dass es eine unterhaltsame Gruppe wird.
Unser Ziel ist es, die K.o.-Runde zu erreichen. Das hat noch nie eine ivorische Auswahl bei einer WM geschafft. Wenn uns das gelingt, können wir weitersehen. Wir sind Wettkämpfer. Wenn wir etwas anfangen, wollen wir es auch so gut wie möglich zu Ende bringen.
Wie sieht aktuell die Vorbereitung auf die WM aus? Welche Aufgaben hast du in diesem Zusammenhang?
Wir stecken mitten in den Vorbereitungen. Es ist anstrengend, macht aber auch eine Menge Spaß. Zunächst bereiten wir uns auf die beiden Länderspiele gegen Südkorea und Schottland in diesem Monat vor. Sie sind für uns sehr wichtig, weil es die letzte Gelegenheit ist, sich einen Eindruck zu verschaffen und sich auszuprobieren.
Vor dem Turnierstart kommen wir als Mannschaft in Frankreich zusammen und testen gegen die Franzosen, die ein ähnliches Level wie die Deutschen haben. Darüber hinaus suchen wir noch einen weiteren Gegner, der wahrscheinlich aus Südamerika kommen wird. Aktuell beschäftigen wir uns damit, wie wir unsere Ideen den Spielern vermitteln können und ob sie am Ende aufgehen.
