
Interview
14.04.26
Zum 75.: Hrubesch spricht Klartext zu HSV, Polzin, Frauenfußball und Olympia
Im HSV.de-Interview anlässlich seines 75. Geburtstags blickt Horst Hrubesch auf den Saisonendspurt der beiden Bundesliga-Teams der Rothosen und bezieht deutlich Stellung zur Bedeutung des Frauenfußballs sowie zur Integrationskraft von Olympischen und Paralympischen Spielen.
Horst Hrubesch steht nicht gern im Mittelpunkt. Erst recht nicht an seinem eigenen Geburtstag. Auch in diesem Jahr, wenn er am Freitag (17. April) stolze 75 Jahre alt wird, sucht die HSV-Legende das Weite, verbringt im Kreise der Familie ein paar ruhigere Tage in Österreich. Unmittelbar vor seiner Abreise war „Hotte“ im Volksparkstadion zu Gast und nahm sich ausführlich Zeit für ein Gespräch mit HSV.de. Gemeinsamer Tenor: wenig Geburtstag und ganz viel Sport. Und so spricht Horst Hrubesch ausführlich über den Bundesliga-Endspurt der Männer und Frauen, erklärt, was ihn an Coach Merlin Polzin imponiert und betont, warum der Frauenfußball für ihn ein absolutes Highlight ist. Zudem spricht sich der zweimalige Olympia-Teilnehmer mit emotionalen Worten für die Olympia-Bewerbung Hamburgs aus und feiert den besonderen Geist der Spiele.
HSV.de: Horst, Ehrentage sind bekanntlich nicht dein Ding. Zum Einstieg sei diese Nachfrage dennoch erlaubt: Was ist anlässlich deines 75. Geburtstags geplant?
Horst Hrubesch: Ich werde mich wie immer zurückziehen. Das habe ich an meinen letzten runden Geburtstagen genauso gemacht. Ich brauche diesen Trubel nicht, bin wieder im Urlaub und lasse es unter anderem beim Angeln ruhiger angehen. Dieses Mal werde ich mit meiner Frau ein paar Tage in Österreich sein. Da bleibt dann Zeit, um in Ruhe darüber nachzudenken, was man alles erlebt hat. 75 Jahre – dafür kann ich nur dankbar sein. Und ich bin glücklich, dass ich noch immer fit und munter bin.
„Ich versuche immer wieder, Rentner zu werden, aber wie das wirklich geht, weiß ich noch nicht.“

Nur das Handy bleibt dann am Freitag wahrscheinlich trotzdem nicht still?
(schmunzelt) Nein, normalerweise nicht – eine Zeit lang habe ich versucht, immer im Nachhinein alle Nachrichten und Bandansagen zu beantworten, aber seit dem 65. Geburtstag habe ich das mehr oder weniger aufgegeben. Deshalb: Allen, die sich bei mir melden werden, schon mal auf diesem Wege: Danke!
Dann lass uns weg vom Geburtstag und über das Hier und Jetzt sprechen: Du warst mehr als 50 Jahre in verschiedenen Positionen im Fußball tätig, hast im Sommer 2025 dein Direktorenamt beim HSV beendet. Wie fühlt sich dein Leben aktuell ohne eine offizielle Funktion an?
Ich versuche immer wieder, Rentner zu werden, aber wie das wirklich geht, weiß ich noch nicht. (lacht) Ich sehe mich noch nicht komplett im Ruhestand. Wenn ich noch einmal etwas Gutes finde, dann würde ich darüber sicherlich nachdenken. Unabhängig davon bleibe ich dem Fußball immer erhalten. Ich führe so viele Telefonate und habe so viele Treffen mit Leuten aus dem Sport. Für mich geht es einfach darum, jetzt nicht zu rosten, sondern weiterzumachen. Ansonsten gehst du ein. Es ist derzeit nicht so, dass ich auf dem Sofa sitze und abwarte, sondern ich gucke permanent, dass ich meine Termine alle auf die Reihe kriege. Hin und wieder helfe ich, gucke mir verschiedene Dinge an oder belege Seminare.
Welche Rolle spielt hierbei der HSV? Als wir den Termin vereinbart haben, hast du direkt nach den Trainingszeiten der Profis gefragt, auch in der Kabine und auf der Geschäftsstelle wirst du noch permanent gesehen.
(schmunzelt) Na klar, ich habe so viele Leute hier, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Nimm Merlin als bestes Beispiel. Darüber hinaus kenne ich noch viele Spieler aus der Mannschaft und habe viele Verbindungen zum Internat und in die Geschäftsstelle. Ich bin froh, dass mich Jonas Boldt damals wirklich überredet hat und es noch einmal eine zweite, recht lange Zeit beim HSV für mich gab.
„Was Merlin und sein Trainerteam vollbringen, ist absolute Klasse.“

In der Bundesliga geht es für die Männer und Frauen jetzt in den Endspurt. Starten wir mit den Männern: Wie bewertest du die bisherige Saison?
Ich muss ein großes Kompliment an das Trainerteam rund um Merlin aussprechen. Was vor allem die drei jungen Trainer in erster Reihe dort unten vollbringen, ist absolute Klasse. Am meisten freut mich, wie sehr sie nicht nur die Spieler, sondern das ganze Umfeld mitnehmen. Sie sind permanent am Machen und Tun. Darüber hinaus identifizieren sie sich maximal mit der ganzen Sache. Sie haben einen Plan, eine Idee und lassen sich davon auch in schwierigen Zeiten nicht abbringen. Es ist ja nicht leicht als Aufsteiger im ersten Jahr. Es geht nur darum, die Klasse zu halten – im Idealfall so früh wie möglich. Sie sind kurz davor und ich bin absolut überzeugt davon, dass sie es schaffen werden.
Wie muss man sich Merlin und deinen Austausch heute vorstellen?
Wir telefonieren häufiger miteinander und sehen uns auch regelmäßig. Er fragt schon immer: „Wann kommst du vorbei? Kommst du noch mal rein?“ Natürlich mache ich das gern. Dieser Kontakt bleibt und ich schätze ihn und seine Art und Weise sehr. Er hat mich während unserer gemeinsamen Zeit, als ich für drei Spiele übernommen habe und er Co-Trainer war, und auch fortwährend total überzeugt: seine akribische Art und wie er auf die Leute zugeht und sie mitnimmt, finde ich überragend.
Die Mannschaft hat zahlreiche neue Gesichter bekommen, darunter Ausnahmespieler wie etwa Luka Vuskovic: Inwieweit erobern solche Spieler nach all den Jahren noch dein Fußballerherz?
Natürlich passiert das noch, Vuskovic ist sicherlich ein Ausnahmespieler. Er spielt eine überragende Saison. An ihm gefällt mir, was ich von jungen Spielern immer erwarte: mutig sein, vorangehen und auch mal ältere Spieler mitziehen. Zudem ist Vuskovic ein Spieler, bei dem ich das Gefühl habe, dass er sich immer wieder selbst hinterfragt: Bin ich gut genug? Wo kann ich noch besser werden? Er wirkt nicht wie jemand, der sich mit dem Vorhandenen zufriedengibt. So etwas erwarte ich und es war auch für mich als Spieler immer eine Grundhaltung, die meinen Karriereweg gekennzeichnet hat. Es muss einfach immer noch mehr gehen. Ein Beispiel dafür war jüngst die Leistung von Manuel Neuer, die er in der Champions League abgeliefert hat. Das geht nur dann, wenn du immer wieder aufs Neue bereit bist, an dir zu arbeiten, um besser zu werden. Mit 40 Jahren kannst du kein besseres Beispiel für diesen Aspekt abliefern.
„So eine Rivalität ist für uns im Norden doch das Salz in der Suppe. Dieses Duell wollte ich als Spieler immer haben: Das Stadion brummt, es ist etwas los und da sind Emotionen drin.“

Letzter Punkt zu den Männern: Am Wochenende steht das Nordderby bei Werder Bremen an. Was macht dieses prestigeträchtige Duell für dich aus?
Zunächst bleibt festzuhalten, dass noch sehr viele Nordclubs dort unten in der Tabelle stehen, die abstiegsgefährdet sind. Der eine oder andere Fan sagt dann gern mal: „Ach, die können ruhig absteigen“, aber ich sage: Nein, so eine Rivalität ist für uns im Norden doch das Salz in der Suppe. Dieses Duell wollte ich als Spieler immer haben: Das Stadion brummt, es ist etwas los und da sind Emotionen drin. Fußball besteht aus Emotionen – und die müssen bleiben. Deshalb sind die Nordderbys wichtig.
Wir können uns sicherlich auf ein gutes Derby freuen, in dem mit Daniel Thioune und Merlin dann ja auch aus HSV-Sicht zwei altbekannte und noch junge Trainer aufeinandertreffen. Das wird spannend. Wir sollten am Ende – wie Merlin ja auch gesagt hat – bei uns bleiben und gucken, dass wir dieses Spiel so bestimmen, dass wir erfolgreich dort rausgehen.
Auch der Frauenfußball war für dich immer eine Herzensangelegenheit. Bei den HSV-Frauen gab es nun im Endspurt der Saison noch einmal eine Änderung auf der Trainerposition. Wie bewertest du ihre Spielzeit und die aktuelle Lage?
Eine Entwicklung muss immer erst einmal stattfinden. Im Team sind noch immer viele Spielerinnen, die auch schon in der Regionalliga dabei waren. Sie mussten sich erst einmal an dieses Niveau gewöhnen und für manche reicht es dann vielleicht auch nur für eine Backup-Rolle. Dazu kamen einige Neuzugänge. Und genau wie bei den Männern geht es darum, irgendwann ein Gerüst zu finden, das die Spiele bestimmen kann, um die Liga zu halten. Ich hätte ehrlicherweise nicht mehr damit gerechnet, dass die Frauen zum Saisonende noch einmal Schwierigkeiten bekommen werden. Denn ich denke schon, dass sie dafür eine zu hohe Qualität und gute Möglichkeiten haben. Und ich bin auch weiter davon überzeugt, dass sie die Klasse halten werden.
Worauf wird es für die Mädels unter Interimstrainer Rodolfo Cardoso jetzt ankommen?
Es wird jetzt darum gehen, wieder Freude zu entfachen, an sich zu glauben und einfach wieder mutig zu sein. Und wenn mal Fehler passieren, dann gehören sie dazu. Du spielst nie allein, sondern immer zu elft. Zugleich muss sich auch jede Spielerin hinterfragen, ob sie alles reinpackt und alles für den Erfolg tut. Ich glaube, dass die Mädels verinnerlichen müssen, dass sie die Qualität haben, in dieser Liga zu spielen. Das neu formierte Trainerteam verfügt diesbezüglich über die nötige Erfahrung, um ihnen wieder Spielfreude und den Glauben an sich selbst zu geben. Sie haben jetzt noch 14 Tage, um das Team auf die nächsten Aufgaben vorzubereiten.

Die HSV-Frauen sind in dieser Saison nicht nur für die Heimspiele, sondern sukzessive auch für den Trainingsbetrieb in den Volkspark gezogen. Wie bewertest du außersportlich die strukturelle Entwicklung und die Bundesliga-Rückkehr mit dem aktuell dritthöchsten Zuschauerschnitt der Liga?
Wir haben bekanntlich etwas gebraucht, um sportlich aus dem Amateurbereich wegzukommen und auch rundherum professionellere Strukturen aufzubauen. Der entscheidende Faktor ist, dass die Identifikation des HSV mit seiner Frauenmannschaft gewollt ist und wir wirklich für Frauenfußball stehen. Dass mit Blick auf die Infrastruktur Schritt für Schritt immer noch Verbesserungen kommen, ist ganz normal. Das geht nicht von 0 auf 100. Das können andere Vereine auch nicht. Es muss sich kontinuierlich entwickeln. Was wir hier bisher schon geschafft haben, etwa mit dem Pokalspiel gegen Bremen vor 57.000 Zuschauern, ist großartig. Dieses Spiel ist vielen Kindern ins Gesicht gesprungen und hat dafür gesorgt, dass sich vor allem viele Mädels dazu entscheiden, Fußball spielen zu wollen. Genau da wollen wir hin!
„Frauenfußball ist ein absolutes Highlight und hat zu 100 Prozent seine Berechtigung.“
Und noch etwas: Mir ist ganz wichtig, dass wir endlich aufhören, dem Frauenfußball seine Berechtigung abzusprechen. Ich lese diese unsäglichen Kommentare ja auch manchmal, in denen sich Leute abwertend über den Frauenfußball äußern. Es macht nur überhaupt keinen Sinn, Frauen- mit Männerfußball zu vergleichen. Das machen wir übrigens in keiner anderen Sportart – nicht beim 100-Meter-Lauf, nicht beim Basketball, nirgendwo sonst – nur beim Fußball fangen wir mit diesem Blödsinn an. Nein, die Frauen haben Spaß daran und sind richtig gut in dem, was sie da machen. Ich habe bei der Europameisterschaft und bei Olympia Spiele gesehen, die selbst mich nach all den Jahren total fasziniert haben. Frauenfußball ist ein absolutes Highlight und hat zu 100 Prozent seine Berechtigung.
Apropos Olympia: Hamburg wirbt derzeit stark für seine Olympia-Bewerbung, am 31. Mai kommt es darüber zum Referendum. Du bist ein ausgewiesener Fan der Olympischen Spiele. Warum?
Immer wenn mich jemand zu Olympia befragt, werde ich automatisch emotional. Was ich zweimal bei Olympischen Spielen erleben durfte, war einfach sensationell. Wie die Leute aller Nationen dieser Erde zusammengekommen sind – friedlich, freundschaftlich – das kannst du nicht beschreiben, du musst es erleben. So etwas macht mit der Stadt und dem ganzen Land etwas. Nimm die letzten Olympischen Spiele in Frankreich. Man sagt den Franzosen doch manchmal nach, sie seien nicht weltoffen. Von wegen! Was dort unter dem Eiffelturm und in der ganzen Stadt abging, war unglaublich. Es ist ein Riesenevent!

Wie blickst du auf das Referendum rund um die Bewerbung Hamburgs?
Ich bin ein absoluter Befürworter von Olympia. Man muss aufhören, immer das Negative zu sehen, denn die Sache bringt auch ganz viel Positives hervor. Mit Olympia in Hamburg entwickelt sich die Stadt noch einmal weiter – wir sind schon das Tor zur Welt und es würde noch einmal vieles infrastrukturell bewegen. Natürlich ist so etwas auch teuer, aber der Mehrgewinn überwiegt. Die Bewerbung ist in meinen Augen absolut durchdacht. Sie ist nachhaltig. Und nicht nur wir als Hamburg, sondern der ganze Norden und die Bundesrepublik können sich positiv zeigen. Wir sind als Hamburg vielleicht der Dompteur, der vorwegläuft. Was Besseres kann es doch nicht geben. Die Hamburger können sich dermaßen präsentieren und sind auch in der Lage, sich so weltoffen zu zeigen. Wir können zeigen: Wir sind Hamburg, wir sind Deutschland. Für mich ist das ein Muss. Ich kann nur dazu raten, für Olympia zu stimmen.
„Du kannst es nicht erklären, du musst es erleben. Du musst es sehen. Ich wünsche uns das unbedingt.“
Man hört heraus, wie sehr du dir die Spiele für die deutsche Gesellschaft und die Hansestadt wünschst.
Ja absolut, vielleicht kann man es am ehesten mit der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land vergleichen: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ – wie unglaublich offen die Menschen aufeinander zugegangen sind, das hat uns doch allen Spaß gemacht. Und es ist auch der Geist der Olympischen Spiele: Olympia soll den jungen Menschen aufzeigen, dass es sich lohnt, ein Ziel zu haben und etwas dafür zu tun. Ich habe Welt- und Europameisterschaften erlebt und Olympia liefert mindestens das Gleiche: Du siehst wildfremde, junge Leute, wie sie miteinander leben und sprechen. Ich habe in Paris die Abschlussfeier vor 80.000 Zuschauern mitgemacht, da gab es Polonaisen in fünf verschiedenen Sprachen. Du kannst es nicht erklären, du musst es erleben. Du musst es sehen. Ich wünsche uns das unbedingt.
