
Nationalmannschaft
09.06.26
HSVer bei der WM: Ein vierfacher Seeler, zwei Weltmeister
Am Donnerstag (11. Juni) startet die Fußball-WM in ihre 23. Auflage. Anlass genug, auf die vergangenen Turniere und die WM-Geschichte der Rothosen zurückzublicken.
Miro Muheim, Sander Tangvik und Luka Vuskovic setzen eine lange Tradition fort: Sie sind die nächsten Spieler, die den Hamburger SV bei einer Fußball-WM vertreten. Genauer gesagt sind sie die Nummern 37, 38 und 39 in dieser Liste. Die Geschichte von Rothosen bei der Weltmeisterschaft ist vielfältig, sie handelt von Triumphen und Enttäuschungen – und geht weit in die Vergangenheit zurück.
Rudolf „Rudi“ Noack war der Erste: 1934 nahm der Super-Techniker als erster Repräsentant des Hamburger SV an einer Fußball-Weltmeisterschaft teil. Die zweite Auflage des Turniers in Italien hatte damals trotz moderner und gut gefüllter Stadien einen faden Beigeschmack. In historisch dunklen Zeiten nutzte Diktator Benito Mussolini die WM im eigenen Land vorrangig zu Propaganda-Zwecken für den Faschismus. Der WM-Sieg Italiens war zudem von Bestechungsvorwürfen überschattet. „Rudi“ Noack hinterließ dennoch die ersten HSV-Spuren, kam im Halbfinale gegen die Tschechoslowakei erstmals zum Einsatz und erzielte prompt seinen ersten Treffer. Die 1:3-Niederlage konnte er allerdings auch nicht verhindern und saß im Spiel um Platz 3 gegen Österreich (3:2) wieder auf der Bank.

Zwei HSVer beim „Wunder von Bern“
20 Jahre später sah die Welt in vielerlei Hinsicht anders aus: Die HSVer Fritz Laband und Josef Posipal gehörten bei der WM 1954 in der Schweiz einer bundesdeutschen Nationalmannschaft an, die neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit ihrem überraschenden Titelgewinn für große Begeisterung in der jungen Bundesrepublik sorgte. Als absoluter Underdog kam das Team von Bundestrainer Sepp Herberger sensationell bis ins Finale und besiegte dort die hoch favorisierten Ungarn mit 3:2. Der unwahrscheinliche Titelgewinn ging als das „Wunder von Bern“ in die Sportgeschichte ein und wurde aufgrund seiner politischen Bedeutung später auch als „wahre Geburtsstunde der Bundesrepublik“ gedeutet. Posipal bestritt dabei fünf der sechs möglichen WM-Spiele und stand auch im Finale in Bern in der Startformation. Laband kam in der Vorrunde zweimal gegen die Türkei (4:1 und 7:2) – damals gab es noch ein Entscheidungsspiel um den zweiten Gruppenplatz - sowie im Viertelfinale gegen Jugoslawien (2:0) zum Einsatz.
Dem Weltmeister-Duo Posipal/Laband folgten in den folgenden 72 Jahren bis zur Weltmeisterschaft 2026 in Mexiko, Kanada und den USA 33 weitere HSVer, die ihre Nation beim größten Fußball-Event der Welt repräsentierten. Den Titelgewinn konnte dabei keiner wiederholen.

Ära der Vizeweltmeister
Bei der WM 1958 schickte sich zunächst ein blutjunger Uwe Seeler als nächster WM-Fahrer der Hanseaten an. Der damals 21-Jährige feierte auf der großen Bühne seinen Durchbruch zum internationalen Star und erzielte in den Gruppenspielen gegen Argentinien (3:1) und Nordirland (2:2) direkt seine ersten WM-Treffer. „Uns Uwe“ ließ bei den folgenden drei Weltmeisterschaften in Chile (1962), England (1966) und Mexiko (1970) sieben weitere Tore folgen, so dass er bis heute mit neun Treffern WM-Rekordtorschütze des HSV ist. Zudem absolvierte der Vollblutstürmer 21 WM-Partien. Lediglich Lionel Messi (26), Lothar Matthäus (25), Miroslav Klose (24), Paolo Maldini (23) und Cristiano Ronaldo (22) bestritten auf der WM-Bühne mehr Spiele.
Der große Wurf blieb dem größten HSVer aller Zeiten allerdings verwehrt. 1958 war im Halbfinale gegen Gastgeber Schweden (1:3) Schluss, vier Jahre später zog die deutsche Elf bereits im Viertelfinale gegen Jugoslawien (0:1) den Kürzeren. 1966 folgte dann Seelers schwerste Niederlage im Trikot der Nationalmannschaft. Im Finale gegen Gastgeber England musste sich Deutschland nicht zuletzt aufgrund des umstrittenen Wembley-Tors mit 2:4 nach Verlängerung geschlagen geben. „Natürlich wäre ich gerne Weltmeister geworden, das muss ich nicht extra betonen“, erklärte Seeler später. „Es fiel mir nicht leicht, diese extrem unglückliche, ja unfaire Niederlage von Wembley zu schlucken und meiner Maxime vom ‚Gewinnen wollen und Verlieren können´ treu zu bleiben.“ Sein damaliger HSV-Teamkollege Willi Schulz sagte in der Kabine gar: „Uwe, diese Tränen trocknen nie.“
Am Ende trockneten sie doch, aber nach Uwe Seeler und Willi Schulz verpassten mit Horst Hrubesch, Holger Hieronymus, Felix Magath und Manfred Kaltz bei der WM 1982 in Spanien sowie mit Ditmar Jakobs, Felix Magath, Wolfang Rolff und Ulrich Stein bei der WM 1986 in Mexiko gleich zwei HSV-Quartette ebenfalls hauchdünn den WM-Pokal. Im jeweiligen Finale gegen Italien (1:3) bzw. Argentinien (2:3) erfuhren die HSVer ebenfalls schmerzhafte Niederlagen. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet beim zweiten und dritten WM-Triumph der deutschen Nationalmannschaft in den Jahren 1974 und 1990 stand keine Rothose im Aufgebot.

Letchkov & Hubchev – erstmals international
Überhaupt hatten es HSVer im DFB-Team im Anschluss an die Weltmeisterschaft 1986 schwer. Fünf Weltmeisterschaften in Serie (1990 in Italien, 1994 in den USA, 1998 in Frankreich, 2002 in Japan & Südkorea und 2006 in Deutschland) ging die DFB-Auswahl ohne blau-weiß-schwarzen Anstrich ins Rennen. Dafür waren in diesem Zeitraum zahlreiche internationale Akteure in Diensten des Hamburger SV vertreten. Den Anfang machten die beiden Bulgaren Petar Hubchev und Yordan Letchkov, die bei der WM 1994 in den USA im Viertelfinale sensationell Titelverteidiger Deutschland (1:0) ausschalteten und damit zum ersten und bis heute letzten Mal das Halbfinale einer WM-Endrunde erreichten. Nach Niederlagen gegen Italien (1:2) und Schweden (0:4) schloss Bulgarien schließlich als WM-Vierter ab.
Während Letchkov zwei Treffer erzielte, verpasste Hubchev für Bulgarien keine einzige Spielminute. Der bulgarische Dauerbrenner, der Mitte der 90er-Jahre 64 Pflichtspiele für die Rothosen bestritt, schlug nach seiner Laufbahn als Spieler übrigens eine Trainerkarriere ein und war von 2016 bis 2019 Nationaltrainer der bulgarischen Nationalmannschaft. Im Anschluss an das bulgarische Duo vertraten mit Stig Töfting (WM 2002 für Dänemark), Raphael Wicky (WM 2006 für die Schweiz), Khalid Boularouz, Rafael van der Vaart (beide Niederlande), Naohiro Takahara (Japan), Mehdi Mahdavikia (Iran), David Jarolim (Tschechien) und Guy Demel (Elfenbeinküste) acht weitere internationale Spieler den HSV bei einer WM-Endrunde. Maximal über die Achtelfinale kamen die genannten WM-Fahrer allerdings nicht hinaus.

Per Kopf zu Bronze
Das änderte sich wiederum 2010 bei der Weltmeisterschaft in Südafrika. Mit den Niederländern Eljero Elia und Joris Mathijsen reihten sich die nächsten beiden HSVer in die lange Liste der Vizeweltmeister ein. In einem knappen Finalspiel unterlag die Elftal erst in der Verlängerung Spanien mit 0:1. Zudem trugen mit Jerome Boateng, Piotr Trochowski, Dennis Aogo und Marcell Jansen auch vier Rothosen wieder den Bundesadler auf der Brust und schlossen den Wettbewerb als WM-Dritter ab. Jansen erzielte dabei im Spiel um Platz 3 gegen Uruguay (3:2) nach Vorlagen von Boateng den zwischenzeitlichen 2:2-Ausgleich, der gleichzeitig den einzigen HSV-Treffer im Turnier bedeutete.
Als dann 2014 die DFB-Elf Weltmeister in Brasilien wurde, zählte kein HSV-Spieler mehr zum deutschen Aufgebot. Von den Rothosen nahmen Johan Djourou (Elfenbeinküste) und Milan Badelj (Kroatien) am Turnier teil. Für beide war in der Vorrunde Schluss. Bei der Ausgabe 2018 in Russland vertrat mit Albin Ekdal (Schweden), Filip Kostic (Serbien) und Gotoku Sakai (Japan) ein Trio den HSV. Während Kostic mit den Serben in der Gruppenphase ausschied, ging es für Sakai bis ins Achtelfinale und für Ekdal sogar bis ins Viertelfinale. Letztgenannter kam in allen fünf Spielen von Beginn an zum Einsatz.
Nachdem die WM 2022 in Katar ohne HSV-Beteiligung stattfand, setzen nun also Miro Muheim (Schweiz), Sander Tangvik (Norwegen) und Luka Vuskovic (Kroatien) bei der Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA eine lange Tradition fort. Sie treten in die Fußstapfen von Seeler, Jansen und Co. und möchten für größtmöglichen Erfolg sorgen. Dass es nach 72 Jahren mal wieder mit dem Titel klappt, ist eher nicht zu erwarten. Doch ein Treffer wie einst Jansen oder eine WM-Überraschung a lá Letchkov und Hubchev ist möglich.
Alle WM-Fahrer des HSV in der Übersicht:
Rudolf Noack (1934 Italien), Fritz Laband, Josef Posipal (beide 1954 Schweiz), Uwe Seeler (1958 Schweden, 1962 Chile, 1966 England, 1970 Mexiko), Jürgen Werner, Jürgen Kurbjuhn (beide 1958 Schweden), Willi Schulz (1962 Chile, 1966 England), Manfred Kaltz (1978 Argentinien, Spanien 1982), Rudolf Kargus (1978 Argentinien), Horst Hrubesch, Holger Hieronymus (beide 1982 Spanien), Felix Magath (1982 Spanien, 1986 Mexiko), Ditmar Jakobs, Wolfgang Rolff, Ulrich Stein (alle 1986 Mexiko), Yordan Letchkov, Petar Hubchev (beide 1994 USA), Stig Töfting (2002 Japan & Südkorea), Raphael Wicky, Khalid Boularouz, Rafael van der Vaart, Naohiro Takahara, Medhi Mahdavikia, David Jarolim (alle 2006 Deutschland), Guy Demel (2006 Deutschland, 2010 Südafrika), Eljero Elia, Joris Mathijsen, Jerome Boateng, Marcell Jansen, Piotr Trochowski, Dennis Aogo (alle 2010 Südafrika), Johan Djourou, Milan Badelj (beide 2014 Brasilien), Albin Ekdal, Filip Kostic, Gotoku Sakai (alle 2018 Russland), Miro Muheim, Sander Tangvik, Luka Vuskovic (alle 2026 Kanada, Mexiko & USA).
