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HSV-Frauen

26.03.26

Pauline Machtens: „Ich mag eher die ruhige Art von Führung“

Im Interview über das Spielführeramt spricht HSV-Kapitänin Pauline Machtens über ihren Wandel von der Einzel- zur Mannschaftssportlerin, prägende Jahre am US-College, in denen sie Verantwortung übernehmen lernte, und erklärt, warum sie eher wie Lars Stindl als wie Joshua Kimmich führen möchte. 

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HSV.de: Pauli, warst du zu Schulzeiten eigentlich Klassensprecherin?

Pauline Machtens: (lacht) In der Grundschule war ich tatsächlich einmal Klassensprecherin. Damals fand man es richtig toll, zur Klassensprecherin gewählt zu werden. Das war aber auch das einzige Mal. In der weiterführenden Schule erschien mir das Amt dann zu zeitaufwendig.

Welche Erinnerungen hast du denn noch an deine Zeit als Schülerin in Leverkusen?

Ich habe generell schöne Erinnerungen an meine Schulzeit und bin letztlich auch über die Schule überhaupt zum Fußball gekommen. In der Grundschule habe ich noch ausschließlich Tennis gespielt. Auf der weiterführenden Schule ging es dann für mich in die Fußball-Schulmannschaft. Anfangs habe ich beide Sportarten gleichzeitig ausgeübt, ehe das zeitlich nicht mehr funktionierte. Der Sport hat schulisch also auch immer eine große Rolle gespielt. Darüber hinaus hatte ich ein Faible für Mathe. Das war später auch eines meiner Abi-Fächer.

Wie war generell die Umstellung vom Einzelsport Tennis zum Mannschaftssport Fußball?

Ich habe Tennis damals auf einem recht hohen Leistungsniveau gespielt. Dazu gehörten viele Turniere, die man auch spielen musste, um es nach oben zu schaffen. Das habe ich ehrlich gesagt gehasst. Es ging immer ganz früh los und dauerte über den ganzen Tag. Dann stand man dort früh am Morgen und musste sich ganz allein warm machen. Mir haben tatsächlich die Spiele im Doppel viel mehr gefallen. Daher war es keine so große Umstellung, als ich zum Fußball gewechselt bin. Im Gegenteil: Es war cool, noch mehr Leute um sich herum zu haben.

Du bist eine verhältnismäßig junge Kapitänin – wann und wie hast du gelernt, Verantwortung zu übernehmen?

Das habe ich das erste Mal so richtig gespürt, als ich aufs College in die USA gegangen bin. Und dann war es gleich von 0 auf 100. Ich war erstmals von zu Hause weg und das war eine Lebensschule, weil ich viel organisieren und für mich einstehen musste. Es war der erste krasse Schritt, in dem ich Verantwortung übernehmen musste. Später beim HSV hat sich das dann schrittweise entwickelt. Im ersten Jahr war ich im Mannschaftsrat, im zweiten Jahr Co-Kapitänin von Stöcki und nun folgte zu dieser Saison das volle Kapitänsamt.

Wird man als Anführerin geboren oder kann man Führungsqualitäten erlernen?

Ich wurde sicherlich nicht als Anführerin geboren, sondern bin schrittweise dazu geworden. Ich konnte in meinem Leben in verschiedenen Situationen immer wieder von anderen Leuten, die mir Dinge vorgelebt haben, etwas lernen und mitnehmen.

Gab es Vorbilder und deren Führungsstil, an dem du dich orientiert hast?

Das ist schwierig zu beantworten, weil man nicht weiß, wie diese Personen neben dem Platz führen. Ich bin jetzt sicherlich kein Kimmich oder Selke, der auf dem Platz rumschreit. (schmunzelt) Man sieht es auf den ersten Blick vielleicht nicht so, weil ich eher die ruhige Art von Führung mag. Mein Lieblingsspieler früher war Lars Stindl. Ich habe ihn von seiner Art her gemocht. Er ist ja auch ein ruhigerer Typ, an ihm habe ich mich vielleicht ein bisschen orientiert.

Du hast deine Zeit an der Syracuse University bereits angerissen. Was hast du in den beiden Jahren am US-College über dich gelernt?

Es war eine sehr prägende Zeit. Ich habe gelernt, dass ich mich in einem ungewohnten Umfeld doch in relativ kurzer Zeit zurechtfinden kann. Ich konnte mich schnell neuen Leuten öffnen und mir ist es gelungen, mit allen gut zurechtzukommen. Zugleich habe ich festgestellt, dass es mir nicht so wichtig ist, viele Leute um mich herum zu haben, sondern dass ein enger Kreis für mich ausreichend ist.

Inwiefern hast du Unterschiede im Mindset der Sportlerinnen und Sportler zwischen Deutschland und den USA festgestellt – gerade im Hinblick aufs „Vorangehen“ und „Anführen“?

Für viele meiner Teamkolleginnen war der Sport eher eine Nebensache und der Fokus lag auf der College-Ausbildung. Es gab zwar auch einige, die eine Laufbahn als Profi-Fußballerin angestrebt haben, aber das waren eher die internationalen Spielerinnen. Deswegen gehörte ich auch zu denen, die es professioneller angegangen sind. Ich musste hier meinen eigenen Weg finden: Zum einen hat mir die Lockerheit der anderen geholfen, nicht alles zu eng zu sehen, und zum anderen wollte ich mit Disziplin mein Ding durchziehen und daran festhalten. Ich hatte mit Blick auf meine Rückkehr nach Deutschland mein Ziel immer klar vor Augen.

Wie würdest du die Rolle der Spielführerin allgemein definieren?

Meine Rolle hat sich tatsächlich noch einmal etwas verändert. Zu Beginn habe ich gesagt, dass ich gern alle mit reinziehen möchte und niemanden vergessen möchte. Das will ich natürlich immer noch, aber mittlerweile ist der Fokus darauf gerückt, vor allem das Sprachrohr zwischen Trainerteam und Mannschaft zu sein. In so einer großen Gruppe kann man nicht immer jede einzelne Befindlichkeit einbeziehen, sondern muss den Fokus auf das Wesentliche richten. Es ist okay, auch mal etwas Kritisches zu sagen und Konflikte auszuhalten.

Du sprichst die große Gruppe an Spielerinnen an. Zudem befindet ihr euch mitten im Kampf um den Klassenerhalt. Wie herausfordernd ist dieser Tage dieses Amt?

Wie bereits gesagt, ist es schwierig, in so einer großen Gruppe jede Einzelne zu hören. Es ist in jedem Fall eine Herausforderung. Aber ich bin diesbezüglich ja nicht allein. Wir haben eine Leadership-Gruppe, die das gut abfangen kann und aus jeder Ecke der Mannschaft heraushört und einbringt, was gerade so abgeht. Wir bringen das dann zusammen. Alleine könnte ich es nicht, aber zusammen bekommen wir das hin.

Seit Winter ist das Team auch mehrsprachig unterwegs. Wie hat sich das Gefüge dadurch verändert und welche Rolle kommt dir als Dolmetscherin zu?

Das war anfangs eine weitere Herausforderung, die wir ebenfalls im Kollektiv bewältigt haben. Ich bin ja nicht die einzige englischsprachige Spielerin, sodass alle gemeinsam übersetzen. Ich habe sogar gemerkt, dass mein Englisch etwas eingerostet ist. (lacht) Wir wechseln viel zwischen Englisch und Deutsch. Das klappt mittlerweile aber sehr gut.

Stichwort Sprache bzw. Mannschaftsansprachen: Wie sehr liegen dir als Kapitänin diese Momente?

Ich liebe es nicht unbedingt, Ansprachen zu halten. (lacht) Da gibt es andere Spielerinnen, denen es leichter fällt, Emotionen rüberzubringen. Ich bin also nicht die beste Rednerin, mache es aber selbstverständlich auch, und es fällt mir mit der Zeit auch leichter. Momentan machen wir es so, dass die finale Ansprache in der Kabine immer jemand anderes übernimmt. Das wird von Woche zu Woche weitergegeben, sodass es nicht nur Spielerinnen, sondern auch Staff-Mitglieder machen. Ehrlicherweise ist das auch nicht für jeden etwas, und das ist auch gar nicht schlimm. Am Ende muss so eine Ansprache aus dem Herzen kommen und individuell sein und bleiben.

Habt ihr schon entschieden, wer vor Leverkusen einschwören darf?

Unsere Youngsters haben vor zwei Wochen noch gesagt, dass sie es zusammen machen. Ich muss noch einmal nachhorchen, ob sie es nun auch wirklich machen.

Am Montag (Anstoß: 18 Uhr) trefft ihr auf Leverkusen, deinen Heim- und Ausbildungsverein, für den du einst dein Bundesliga-Debüt gefeiert hast. Inwieweit ist dieses Spiel immer etwas Besonderes für dich und woran macht sich das im Detail bemerkbar?

Das erste Spiel in Leverkusen war wirklich sehr besonders für mich. Es waren zahlreiche Freunde und Familienmitglieder am Start und eben mein erstes Mal gegen Leverkusen. Da gab es eine gewisse Spannung im Vorfeld. Wenn ich jetzt an Montag denke, ist es immer noch ein bisschen anders als gegen einen anderen Verein, aber nicht vergleichbar mit dem Spiel in Leverkusen. Ich habe letztlich auch nicht mehr so viele Berührungspunkte zum aktuellen Team.

Abschließend: Wie schaust du generell auf das Spiel?

Wir schlagen uns in den Spielen gegen die vermeintlich klar favorisierten Teams bisher meist ganz gut. Bei Leverkusen ist es gegen Teams aus der unteren Tabellenregion umgekehrt. Ich denke, dass auch dieses Mal wieder alles drin sein wird. Das Hinspiel war sehr knapp, im Pokal konnten wir gewinnen. Das sorgt insgesamt für ein gutes Gefühl, dass wir punkten werden.