
Nachbericht
01.02.26
Mehr als ein Punkt: HSV beeindruckt gegen Bayern
Beim 2:2-Remis gegen den Tabellenführer aus München erzeugten die Rothosen einmal mehr eine besondere Magie im Volksparkstadion, die Rückenwind für die kommenden Aufgaben geben soll.
„Wir spielen zu Hause im Volkspark. Auch wenn es der eine oder andere belächelt, dass ich immer wieder das Volksparkstadion erwähne, ist es so, dass hier schon Dinge passiert sind, die an anderen Orten nicht so einfach möglich sind“, hatte HSV-Cheftrainer Merlin Polzin vor dem Nord-Süd-Klassiker zwischen dem HSV und dem FC Bayern München betont. Es ginge weniger um Wahrscheinlichkeiten denn um Überzeugung.
Als sich das Volksparkstadion am Sonnabend zur Rückkehr des Bundesliga-Topspiels langsam füllte, schwangen beim einen oder anderen Beobachter dennoch Skepsis und Realismus mit: Schließlich waren die übermächtigen Bayern zu Gast – und zwar mit ihrer ersten Bundesliga-Niederlage aus der Vorwoche im Gepäck. Zudem hatten die Ergebnisse vom Nachmittag den HSV in der Tabelle auf Relegationsrang 16 befördert.

Umso beeindruckender waren die dann folgenden 90 Minuten auf dem Rasen, in denen Mannschaft und Fans einmal mehr eine sagenhafte Symbiose herstellten und dem Rekordmeister verdientermaßen ein 2:2-Remis abtrotzten. Den Ton setzte gleich zu Beginn des Spiels ein eher unbesungener Held im HSV-Kader: William Mikelbrencis. Der Startelf-Rückkehrer, der in den ersten drei Punktspielen des Jahres gar nicht zum Einsatz gekommen war, kombinierte vorn frech mit der Hacke und verteidigte hinten beherzt gegen Landsmann und Superstar Michael Olise. Am Ende verließ der 21-jährige Franzose, geplagt von Krämpfen, nach 74 Minuten den Platz und machte Platz für Comebacker Warmed Omari. Zuvor hatte Mikelbrencis seiner Leistung die Krone aufgesetzt, als er Stanisic auf dem linken Flügel im Eins-gegen-eins ausdribbelte und mustergültig auf den Kopf von Vuskovic flankte. Der Kroate – zuvor sowohl per Kopfball (6.) als auch via Seitfallzieher (51.) zweimal ganz nah dran an einem Treffer – wuchtete die Kugel dieses Mal mit maximaler Überzeugung in die Maschen zum 2:2 – sein bereits vierter Saisontreffer, ikonischer Bandenjubel inklusive.

Dass dem HSV an diesem Abend statt einer dicken Überraschung nicht noch eine kleine Sensation gelang, lag angesichts von 14:13 Torschüssen und 2,66:2,72 xGoals an Nuancen. Kreativdirektor Fabio Vieira, der an diesem Abend in seinem wohl besten Spiel für den HSV herausragend agierte, hatte nach seinem eiskalt verwandelten Foulelfmeter in der 34. Minute zum 1:0 noch zwei weitere Treffer auf dem Fuß: Einmal setzte der Portugiese eine technisch anspruchsvolle Direktabnahme (50.) knapp neben den Pfosten, dann rettete Alphonso Davies mit einer riesigen Rettungstat den Einschlag zum 3:2 (74.). Spätestens zu diesem Zeitpunkt war auf den Rängen im Volkspark aus leiser Hoffnung volle Überzeugung geworden: Heute wird gegen die Bayern etwas gezupft. So passte es ins Bild, dass die Rothosen mit rund 50.000 Fans im Rücken in der Schlussviertelstunde im Kollektiv leidenschaftlich alles wegverteidigten, gegen das laufstärkste Team der Liga insgesamt einen Saisonbestwert an gelaufenen Kilometern (124 zu 123,5) aufstellten. Der Tabellenführer brachte in dieser Phase zwar seine fußballerische Klasse aufs Feld, war im siebten Spiel in 20 Tagen aber verständlicherweise im Kopf nicht ganz auf der Höhe. Die Bayern fokussierten sich bisweilen stark auf die Entscheidungen des Schiedsrichtergespanns, blickten mit dem Abpfiff angesichts des zweiten Bundesliga-Spiels in Folge mit Punktverlusten ebenso frustriert wie fast schon konsterniert ins Rund.

Dort strahlten die Hamburger ihrerseits über beide Ohren, allen voran Coach Merlin Polzin, dem eine kindliche und damit umso ehrlichere Freude über diesen Coup anzusehen war. Der erste Punktgewinn gegen die Bayern seit 2014 nach zuvor acht Niederlagen am Stück mit 1:36 Toren war auch ein Meisterstück des gebürtigen Hamburgers und seines Trainerteams. Sie hatten es geschafft, dem Team die Überzeugung für eine Überraschung einzuimpfen. Oder um es in Polzins Worten zu sagen: „Die Attribute, die wir vor dem Spiel von der Mannschaft eingefordert haben – Mut, Galligkeit, Überzeugung –, haben sich alle in unserem Spiel wiedergefunden. [...] In den entscheidenden Momenten waren wir da. Es war ein magischer Abend im Volksparkstadion.“
Punkt Nummer 16 im Volksparkstadion von bisher insgesamt 19 beförderte das Team auf Rang 13 und gibt eine breite Brust für die kommende Aufgabe: Am kommenden Sonnabend (7. Februar) sind die Rothosen um 15.30 Uhr beim 1. FC Heidenheim gefragt und wollen endlich den ersten Auswärtssieg der Bundesliga-Saison einfahren. An die Voith-Arena haben die Polzin-Schützlinge dabei gute Erinnerungen: Dort gelang in der 2. Runde des DFB-Pokals bereits ein Sieg in der Fremde (1:0). Ab dem Trainingsstart am Dienstag (15 Uhr) ist erneut Überzeugung gefragt, um für eine Wiederholung dessen zu sorgen.
