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Nachbericht

12.09.21

96 Minuten bis zur Gefühlsexplosion

Beim 2:1-Sieg gegen Sandhausen avancierte Moritz Heyer mit seinem Last-Minute-Treffer zum gefeierten Mann. Matchwinner war aber das gesamte Team, das sich mit viel Geduld und einem kühlen Kopf belohnte.

Geduld. Geduld war in den vergangenen Tagen ein vielfach bemühtes Wort im Umfeld der Rothosen. Geduld mit der nach Beendigung des Transferfensters jüngsten Mannschaft der 2. Liga (24,2 Jahre im Schnitt) und Geduld mit einer anspruchsvollen Spielidee, die Stück für Stück erarbeitet und verinnerlicht werden muss. Am Sonnabend im Heimspiel gegen den SV Sandhausen siegte die Geduld in der 6. Minute der Nachspielzeit, als Moritz Heyer eine Reis-Flanke am zweiten Pfosten geduldig annahm, den Ball zum 2:1-Siegtreffer über die Linie schoss und den mit 19.950 Zuschauern unter Corona-Bedingung ausverkauften Volkspark damit zum Beben brachte. 

Ein Tor und seine Entstehung 

Nicht nur Heyer - auf dem Platz unter sämtlichen Mitspielern begraben - sondern auch die 19.950 Menschen auf den Rängen fanden sich in kompletter Ekstase wieder, mehr die Wirkung denn die Entstehung des Treffers bewusst vor Augen. Und eben diese war für dieses Spiel, das der HSV in allen Belangen dominierte, aber erst spät durch einen verwandelten Foulelfmeter von David Kinsombi (74.) auf seine Seite zu ziehen wusste, um es dann in Überzahl in der 88. Minute durch einen Bachmann-Gegentreffer leichtfertig wieder aus der Hand zu geben, so sinnbildlich. Die Rothosen blieben geduldig, sie blieben ihrem Spiel treu und das buchstäblich bis zur letzten Sekunde. Als den Walter-Schützlingen die 15. (!) Ecke und zugleich wohl letzte Aktion des Spiels zugesprochen wurde, setzten die Rothosen instruiert von der Trainerbank erneut auf eine kurze Ecke. Mit durchschlagendem Erfolg: Die Überzahl-Situation im Drei-gegen-zwei auf dem rechten Flügel führte zur Reis-Flanke und dem entscheidenden Treffer - mehr spielerische Kaltschnäuzigkeit in dieser Drucksituation geht fast nicht. 

„Das 2:1 war der Wahnsinn. Das Stadion ist explodiert. Ein Last-Minute-Sieg ist immer schön. Wir wollten den Fans etwas zurückgeben und endlich das erste Heimspiel gewinnen. Durch Standardsituationen sind wir in dieser Spielzeit viel gefährlicher als in der vergangenen Saison. Es kann eine Waffe werden, wenn wir diese Situationen immer wieder gezielt suchen“, beschrieb Moritz Heyer am heutigen Sonntag im Rahmen einer Medienrunde seinen durchdachten Treffer ins Glück und dessen Entstehung, für die es auch von Trainer Tim Walter Anerkennung gab: „Es ist aller Ehren wert, dass diese teilweise noch sehr junge Mannschaft nach dem Ausgleich, der natürlich unnötig war, nicht die Geduld verloren und sich am Ende belohnt hat.“ Dieses Mindset hob auch Torschütze Heyer hervor: „Die Moral, die wir nach dem 1:1 gezeigt haben, war extrem gut. Wir auf dem Platz und die Zuschauer auf den Rängen haben bis zum Schluss weiter an den Erfolg geglaubt. Am Ende war es ein verdienter Sieg.“   

Ein Sieg und seine Wirkung

Nun übten die Rothosen ungeachtet dieser spielentscheidenden Szene durchaus auch Selbstkritik, hatten sie es doch laut Vize-Kapitän Tim Leibold „unglaublich spannend gemacht“. In der Tat spiegelten 25:9 Torschüsse, 68:32 Prozent Ballbesitz, 15:3 Ecken, 28:13 Flanken den knappen Spielverlauf nicht wider. Die Walter-Schützlinge schlugen zu wenig Kapital aus ihrer spielerischen Überlegenheit. „Wir haben uns immer wieder über außen durchgespielt, nur der letzte Ball muss bei uns noch besser kommen, in dieser Entscheidungsfindung können wir noch besser werden“, merkte der 45-jährige Fußball-Lehrer kritisch an. Und dennoch war es nach sechs Punkten aus den ersten fünf Spielen elementar wichtig, dass die Hamburger, die zuvor bei den Unentschieden gegen Dresden (1:1), Darmstadt (2:2) und Heidenheim (0:0) trotz Übergewicht Zähler liegen ließen, sich dieses Mal dreifach belohnten. „Nichts ersetzt Siege“ heißt es im Sport. Eine Tatsache, die Jonas Meffert nach dem Spiel selbstbewusst herausstellte: „Wir waren so viel besser als der Gegner und haben hochverdient gewonnen. Es war wichtig, dass wir uns belohnt haben. Denn wir waren zu 100 Prozent der verdiente Sieger, ganz egal, zu welchem Zeitpunkt die Tore gefallen sind.“  

Besonders vor der nächsten Aufgabe - der HSV ist am kommenden Sonnabend um 20.30 Uhr im Rahmen des nächsten Zweitliga-Topspiels beim Erzrivalen Werder Bremen zu Gast - kann und soll der Sieg Rückenwind geben. „Der gestrige Sieg hat gutgetan und wird uns zusätzliches Selbstvertrauen für diese Aufgabe geben. Werder hat eine gute Mannschaft, aber wir brauchen uns auf keinen Fall zu verstecken. Wir sind zuversichtlich, dass wir drei Punkte holen können", erklärt Moritz Heyer vor dem mit Spannung erwarteten Nordderby. Der 26-Jährige sieht seine Farben dabei in der Gesamtentwicklung auf einem guten Weg und sagt: „Wenn man unsere Spiele nacheinander betrachtet, dann sieht man, dass es von Spiel zu Spiel besser wird. Gerade in den letzten beiden Spielen haben wir auch defensiv sehr wenig zugelassen. Wenn wir die Fehler weiterhin minimieren und strukturiert stehen, dann wird es für jeden Gegner schwierig. Wir müssen daran weiter anknüpfen.“

Geduld wird bei diesem Unterfangen einmal mehr eine zentrale Rolle spielen.