
Interview
18.02.26
Nicolai Müller: „Ich bekomme immer Gänsehaut, wenn …“
Vor dem HSV-Auswärtsspiel in Mainz am Freitagabend (20. Februar, 20.30 Uhr) spricht Nicolai Müller im HSV.de-Interview über das Duell seiner früheren Clubs, sein Leben in Australien und seine Karriere als Trainer.
Für Nicolai Müller heißt es früh aufstehen, wenn er das Freitagabendspiel der Bundesliga schauen will. Der 38-Jährige wohnt schon länger im australischen Sydney, wo die Uhr zehn Stunden vor der deutschen Zeit geht. Am kommenden Spieltag wird er nicht darum herumkommen, denn mit dem Hamburger SV und dem 1. FSV Mainz 05 spielen zwei seiner früheren Clubs gegeneinander. Müller versichert im HSV.de-Interview, dass er sich noch einen Wecker für die Partie stellen werde. Darüber hinaus spricht der gebürtige Unterfranke über seine Zeiten in Hamburg und Mainz, Auf und Abs beim HSV, das Leben in Australien sowie seinen eingeschlagenen Weg als Trainer.

HSV.de: Nicolai, hast du bereits einen Wecker für Sonnabend um 6.30 Uhr gestellt?
Nicolai Müller: Noch nicht, aber das werde ich auf jeden Fall tun! (lacht)
Welche Emotionen kommen in dir hoch, wenn der HSV und Mainz 05 gegeneinander spielen?
Das ist etwas Besonderes für mich. Ich war bei diesen Vereinen die längste Zeit meiner Karriere. Das verbindet, und es macht viel mit mir.
In Mainz hast du dich in der Bundesliga etabliert und bist zum Nationalspieler gereift. Wo ordnet sich deine Zeit bei den Nullfünfern in deiner Karriere ein?
Ich verbinde mit Mainz eine sehr erfolgreiche und schöne Zeit. Das liegt zum einen daran, dass meine Kinder dort geboren sind. Zum anderen hätten wir als Mannschaft gemessen am Budget eher im Mittelfeld oder weiter unten in der Tabelle stehen müssen, aber es lief super. In meinem letzten Jahr haben wir uns für den Europapokal qualifiziert. Wir waren eine junge Mannschaft, die über die Zeit eng zusammengewachsen ist. Und mit Thomas Tuchel hatten wir einen super Trainer.
Im Sommer 2014 ging es für dich von Mainz 05 zum HSV. Die Mainzer beendeten die Saison zuvor auf Platz 7, während die Rothosen in die Relegation mussten. Warum hattest du dich trotz dieser Umstände für den Wechsel entschieden?
Ich habe mich bereit gefühlt, den nächsten Schritt zu gehen. Ich wollte die Komfortzone Mainz verlassen. Zudem ist Thomas Tuchel weggegangen, der eine wichtige Rolle für mich gespielt hat. Ich bin mit großer Euphorie und dem Gefühl, dass wir angreifen werden, zum HSV gekommen. Der HSV hat eine andere Strahlkraft und ist als Verein größer. Der Club hat damals viel investiert, sodass ich nicht davon ausgegangen bin, dass wir in die Relegation gehen werden.

So kam es aber. Die Geschichte gegen den Karlsruher SC ist bekannt: Im Rückspiel trifft erst Marcelo Diaz zum Ausgleich, dann erzielst du in der Verlängerung den 2:1-Siegtreffer zum Klassenerhalt. Wie oft hast du dir bis heute die Highlights vom Spiel angeschaut?
Tatsächlich nicht oft, vielmehr wurde ich darauf angesprochen. Ich bekomme aber immer Gänsehaut, wenn ich die Highlights sehe. Was bei diesem Spiel an Emotionen freigesetzt wurde, war unglaublich. Ich habe zwar nie einen Titel gewonnen, aber ich würde sagen, dass es sich wie ein Titelgewinn angefühlt hat.
Du hast stürmische Zeiten beim HSV erlebt: In deinen drei Jahre spielte der Club zumeist gegen den Abstieg. Trotzdem konntest du 32 Torbeteiligungen in 88 Pflichtspielen beisteuern. Was ist aus dieser Zeit bei dir hängengeblieben?
Leider war die Zeit nicht erfolgreich, trotzdem habe ich sie sehr genossen und mir hat es beim HSV viel Spaß gemacht. Ich habe es geliebt, im Volksparkstadion zu spielen. Für mich ist es eines der schönsten Stadien. Zudem ist Hamburg für mich und meine Familie eine Heimat geworden. Das ist bis heute so, weil wir dort ein Haus haben.
Wegen eines Kreuzbandrisses hattest du in der Abstiegssaison 2018/19 quasi gar nicht auf dem Platz gestanden. Wie war es für dich, nur die Beobachterrolle einzunehmen?
Schwierig. Es war beschissen, wie die Verletzung zustande gekommen ist. So auszufallen und nicht mithelfen zu können, war sehr hart. Vor allem hatte Markus Gidol auf mich gesetzt, ich hatte meine Rolle im Team und zählte zu den Führungsspielern. Und ich wusste, wie viel es den Fans und der Stadt bedeutet, dass der HSV in der Bundesliga spielt.
Im Anschluss an deine HSV-Zeit konntest du auf deutschem Boden bei Eintracht Frankfurt und Hannover 96 nicht zu alter Stärke zurückfinden. Gibt es in deiner Karriere eine Zeit vor und nach dem Kreuzbandriss?
Definitiv. Die Verletzung hat mich geprägt. Ich habe während der Reha viel über mich gelernt und Erfahrungen gemacht, die ich vorher nicht gemacht habe. Ich habe von klein auf in Mannschaften gespielt, aber während der Reha war ich auf mich allein gestellt. Ich musste jeden Tag diszipliniert sein, um auf den Platz zurückzukommen.

Mit 32 Jahren hast du dich für einen eher außergewöhnlichen Wechsel nach Australien entschieden. Was einst als Abenteuer begann, ist seit mehr als sechs Jahren deine Heimat – zunächst als Spieler, inzwischen als Trainer. Inwieweit hat sich dein Leben verändert?
Es hat sich komplett gewandelt! Angefangen hat alles mit einem Anruf aus heiterem Himmel von Markus Babbel, der damals Trainer der Western Sydney Wanderers war. Meine Frau und ich mussten uns innerhalb von zwölf Stunden entscheiden. Wir haben uns gesagt, dass die Saison nicht mehr so lange geht und wir erst einmal für sechs Monate packen. Wir könnten immer zurückkommen, haben wir uns gedacht. Heute sitzen wir hier und wissen nicht, ob wir dauerhaft zurückkommen werden. Uns gefällt es in Australien sehr.
Was gefällt dir am Leben in Australien besonders gut?
Das Leben ist hier eine ganze Ecke gelassener als in Deutschland. Und das Wetter ist ein großer Pluspunkt. Das sieht in Hamburg anders aus. Die Sonne sieht man auch mal für drei Monate nicht. (lacht)
Was vermisst du an Deutschland?
Natürlich die restliche Familie – die Eltern und Freunde. Die Entfernung ist immens. Ich vermisse aber auch die Fußballkultur und die vollen Stadien. Gänsehaut pur. Das ist nicht zu vergleichen mit Australien. Hier steht der Fußball nicht an erster Stelle – und auch nicht an zweiter oder dritter. Im Schnitt kommen ein paar Tausend Menschen ins Stadion
Das Ende deiner Spielerkarriere und der Start deiner Trainerlaufbahn gingen ineinander einher. Wie läuft es in dieser Rolle für dich und was sind deine Ziele?
Ich bin dabei, mich selbst zu finden, und sehr glücklich mit dieser Rolle. Beim Erstligisten Macarthur FC trainiere ich seit zwei Saisons die zweite Mannschaft. Zudem unterstütze ich seit dieser Saison die Profis als Co-Trainer. Ich bin bei jeder Trainingseinheit dabei und sitze bei den Heimspielen auf der Bank. Ich will den jüngeren Spielern so viel wie möglich von meiner Erfahrung weitergeben. Es ist ein tolles Gefühl, wenn es zwei oder drei Jungs zu den Profis schaffen und ich einen kleinen Teil dazu beitragen konnte.
Wie blickt der Trainer Nicolai Müller auf den HSV und Mainz 05?
Der HSV ist eine super Mannschaft und Merlin Polzin ein super Trainer. Hut ab und großen Respekt davor, was er aufgebaut hat. Mittlerweile hat sich das Team in der Bundesliga festgespielt. Ich bin guter Dinge, dass es bis zum Ende reichen wird. Ähnliches würde ich über Mainz sagen. Mainz hatte eine schwierige Hinrunde, aber unter dem neuen Trainer Urs Fischer sieht es deutlich besser aus. Zudem haben sie sich im Winter sehr gut verstärkt. Ich hoffe, dass meine beiden Vereine mit dem Abstieg nichts zu tun haben werden.
Und abschließend: Was ist dein Tipp fürs Spiel?
Ich glaube daran, dass der HSV weiter auf seiner Erfolgswelle surfen wird und im sechsten Spiel in Folge ungeschlagen bleibt. Deshalb sage ich: 3:1 für den HSV!
