
Interview
26.02.26
Yussuf Poulsen: „Ich habe so etwas selten in meiner Karriere erlebt“
Von magischen Momenten im Volkspark über die Strahlkraft eines Traditionsvereins bis hin zum Wiedersehen mit RB Leipzig – der HSV-Kapitän gewährt emotionale Einblicke in seine Gedankenwelt.
Yussuf Poulsen hat sich Zeit genommen für einen Spaziergang der besonderen Art: eine Runde durch das Volksparkstadion. Dabei spricht der HSV-Kapitän ausführlich über den Siegtreffer im Nordderby gegen Werder Bremen, die starke Entwicklung der Rothosen in dieser Saison, sein Verletzungspech, das Kapitänsamt und die Arbeit mit dem jungen Trainerteam. Zugleich erklärt der 31-jährige Mittelstürmer die Faszination des Volksparkstadions aus Spielersicht und schildert, warum die Fankultur beim HSV für ihn etwas Einzigartiges ist.
Den gesamten Rundgang mit Poulsen gibt es auch als Video. Darin gewährt der dänische Nationalspieler zudem sehr persönliche Einblicke in seine bewegte Familiengeschichte, die von einem frühen Schicksalsschlag und großer Gemeinschaft geprägt ist.
HSV.de: Yussi, nach dem 1:1-Remis in Mainz hast du angesprochen auf die Besonderheit des nächsten Heimspiels gegen deinen Ex-Club RB Leipzig zuerst gesagt: „Jedes Spiel im Volkspark ist besonders.“ Warum genau? Was macht die Faszination Volkspark aus?
Yussuf Poulsen: Wir hatten schon das eine oder andere geile Erlebnis im Volksparkstadion. Die Stimmung und die Energie hier sind besonders. Das ist einzigartig in Deutschland. Ich habe so etwas selten in meiner Karriere erlebt.
Wie fühlt sich diese Kulisse aus Spielersicht an – gerade in Momenten wie deinem Siegtreffer im Nordderby, wenn das Stadion explodiert?
Das ist schwierig zu erklären, weil man dieses Gefühl nur im Fußball spürt. Nirgendwo anders im Leben. In dem Moment überwiegt am ehesten das Glücksgefühl. Es ist Euphorie pur.

Inwieweit macht dieser Adrenalin-Kick als Fußballer süchtig?
Das Volksparkstadion ist deshalb so besonders, weil diese Adrenalin-Kicks während eines Spiels von den Rängen übertragen werden. Tatsächlich kommt dieser Schub nicht nur bei einem Tor vor, sondern immer mal wieder im Spiel. Vor allem in hitzigen Spielen ist das der Fall.
Du hast mehr als 550 Profi-Spiele absolviert. Welche Stadien kommen atmosphärisch an den Volkspark heran?
Nicht viele! Ich hatte mal ein Auswärtsspiel bei Besiktas Istanbul. Das steht definitiv auf einer Stufe mit dem Volkspark. Zudem herrschte eine besondere Stimmung im Wembley-Stadion, wo ich gegen England gespielt habe. Und im Metropolitano von Atletico Madrid war es hitzig, weil wir mit Leipzig in der letzte Minute 1:2 verloren haben. Das löst natürlich etwas in einem Stadion aus. (lacht)
Daheim habt ihr das Gros eurer Punkte geholt. Wie wichtig ist der Heimfaktor für euch im ersten Jahr nach der Bundesliga-Rückkehr?
Es ist sehr wichtig, das Gefühl zu haben, zu Hause jeden besiegen zu können. Vor allem als Aufsteiger. Es macht viel aus, wenn du weißt, dass in den 17 Heimspiele eine Menge Punkte liegen. Wir haben gegen Bayern, Dortmund und Stuttgart, die zu den besten Teams in Deutschland zählen, fünf Zähler geholt. Das sagt viel aus.
Der HSV ist ein riesiger Traditionsverein mit enormer Strahlkraft. Wie spürst du das im Alltag?
Es ist etwas anderes, wenn man sich durch die Stadt bewegt. Hamburg ist deutlich größer als Leipzig, dementsprechend gibt es auch mehr Fans. Das Gefühl, wie besonders es ist, HSV-Fan zu sein, ist spürbar. Am meisten fasziniert mich, dass sich untereinander mit „Nur der HSV“ gegrüßt wird. Mit welchem Selbstverständnis auch. Ich finde das ganz besonders. Du identifizierst dich sofort mit dem Verein.

Du hast schon viel erlebt während deiner Karriere – hat dich die Wucht eines solches Traditionsclubs trotzdem überrascht?
Vor meinem Wechsel zum HSV war ich dreimal als Gegner im Volkspark und mir ist in Erinnerung geblieben, dass es hitzig war. Trotzdem hat es mich überrascht, wie es sich anfühlt, wenn du diese Atmosphäre als Spieler der Heimmannschaft im Rücken hast. Dabei kannte ich den HSV aus dieser Perspektive bereits, weil ich früher meinen guten Kumpel Christian Nörgaard, als er beim HSV aktiv war, besucht habe.
Nach dem Wechsel wurdest du prompt zum Kapitän ernannt und bist damit der 32. HSV-Spielführer seit der Bundesliga-Gründung. Was bedeutet dir das persönlich?
Es ist eine Ehre, der Kapitän von einem Verein wie dem HSV zu sein. Ich sehe es als Anerkennung vom Trainer und vom Club, dass mir als Neuzugang das Amt direkt anvertraut wurde. Es macht mich richtig stolz, das machen zu dürfen, obwohl ich anfangs zu Merlin gesagt habe, dass ich persönlich der Meinung bin, dass jemand die Binde übernehmen sollte, der den Weg des HSV und den Aufstieg auch miterlebt hat. Ich spüre zwar die Euphorie der Aufstiegssaison, aber ich habe sie selbst nicht erlebt. Dass Merlin trotzdem bei seiner Idee geblieben ist und die Mannschaft das akzeptiert hat, finde ich besonders. Es macht ihn als Leader aus, dass er nach Abwägung aller Informationen immer seine eigenen Entscheidungen trifft.
Leider ist deine bisherige HSV-Zeit auch von Verletzungen geprägt. Hand aufs Herz: Wie sehr hat’s dich genervt?
Das hat mich natürlich genervt. Aber ich will mich so wenig wie möglich davon beeinflussen lassen, weil das Gehirn im Körper viel steuert und negative Gedanken den Prozess verlangsamen. Deshalb stehe ich eher auf der positiven Seite. Ich hätte gern mehr gespielt, aber in der Zeit, in der ich zur Verfügung stand, habe ich alles dafür getan, um mit der Mannschaft erfolgreich zu sein. Und so werde ich es auch weiterhin tun.
Die ersten sechs Rückrundenspiele sind absolviert – ihr seid neben dem BVB das einzige ungeschlagene Team. Wenn man das mit dem Saisonstart vergleicht, habt ihr eine enorme Entwicklung genommen. Wie betrachtest du diese?
Wir sind acht bis zehn Schritte weiter als noch am Anfang der Saison. Wir haben eine sehr gute Entwicklung hingelegt. Meiner Meinung nach wird wenig darüber gesprochen, wie mental stark wir geworden sind. Wir haben inzwischen ein Selbstverständnis aufgebaut, mit dem wir vor jedem Spiel wissen, dass wir einen guten Auftritt hinlegen werden. Ich finde, dass das sogar unser größter Entwicklungsschritt ist. Unsere Qualität war bereits am Anfang der Saison da, aber eben nicht dieses Selbstverständnis.

Wie nimmst du die Zusammenarbeit mit Merlin und seinem sehr jungen Trainerstab wahr?
Es ist ein sehr gutes und vor allem harmonisches Trainerteam. Das ist tatsächlich nicht üblich. (lacht) Sie sind sehr kompetent. Sie sind aber noch sehr jung, das heißt, sie haben schon Fehler gemacht und werden auch in Zukunft noch welche machen. Aber sie lernen daraus. Und das ist am wichtigsten, um den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen. Das Trainerteam hat einen großen Anteil daran, dass wir so stabil performen. Gerade vor dem Hintergrund, dass viele Spieler neu sind und der Spielstil gewechselt wurde. Das ist keine einfache Herausforderung.
Es ist auffällig, wie viel du coacht und jeden Mitspieler im Blick hast. Ganz ehrlich: Schlummert ein verborgenes Trainertalent in dir?
Ja, vielleicht. (lacht) Es könnte mir bestimmt Spaß machen, aber ich glaube nicht, dass ich diesen Weg einschlagen werde. Als Trainer musst du auf vieles verzichten, und das tue ich bereits als Fußballer. Mich noch mal darauf einzulassen und damit auch gegen die Zeit mit der Familie und die Kinder zu entscheiden, das sehe ich nicht. Aber wer weiß, vielleicht sieht es anders aus, wenn die Kinder ausgezogen sind. (lacht) Fürs Erste versuche ich einfach immer, weiterzugeben, was ich sehe. Als Trainer kann es mitunter schwierig sein, die elf Spieler auf dem Platz und das Gesamtbild im Blick zu haben. Ich will nur dabei helfen, dass wir weiter vorankommen und unsere Punkte holen.
Späte Neuzugänge wie Fabio Vieira und Luka Vuskovic sind zu den absoluten Leistungsträgern im Team avanciert. Du erlebst sie tagtäglich. Was zeichnet die beiden aus?
Fabio ist immer gut gelaunt und hat eine unglaubliche Qualität. Ich habe noch nie mit jemandem wie ihm zusammengespielt. Sein Flow mit dem Ball ist ganz anders als das, was ich vorher kannte. Fabio ist in gewisser Weise einzigartig. Er versucht immer wieder etwas zu kreieren, wenn er am Ball ist. Dabei agiert er nicht überhastet und trifft fast immer die richtige Entscheidung.
Bei Luka ist auffällig, welch gute Mentalität er hat und wie fleißig er ist. Zudem hat er eine reife Einstellung in dem Punkt, was er tun muss, um sich zu verbessern und jede Woche auf höchstem Niveau Leistung zu bringen. Das habe ich in der Qualität selten von einem 18-Jährigen gesehen. Und ich habe schon mit dem einen anderen guten jungen Spieler zusammengespielt, der später sehr erfolgreich geworden ist. Sie waren im Kopf nicht so weit, wie es jetzt Luka ist.
Staunst du manchmal über Lukas Reife – gerade mit Blick auf dein eigenes Debüt in jungen Jahren mit 17 Jahren in der ersten dänischen Liga?
Ja, total. Ich habe erst mit Anfang 20 verstanden, wie ich überhaupt als Profi zu leben habe. Vorher war ich froh darüber, auf dem Weg zum Profi zu sein. Ich war eher überrascht davon, dass es klappen könnte. (lacht) Also ich war damals wirklich sehr weit weg von Lukas Level heute.

Eingangs haben wir davon gesprochen, dass jedes Heimspiel im Volkspark besonders ist. Aber natürlich steht für dich am Wochenende kein gewöhnliches Spiel an. Wie besonders fühlt sich das zweite Duell mit RBL an?
Generell ist es im Leben so, dass sich das zweite Mal nicht so besonders anfühlt wie das erste Mal. Deswegen ziele ich darauf, dass es dieses Mal einfacher sein wird, sich auf das Spiel HSV gegen RB Leipzig und nicht auf mein Wiedersehen mit den alten Kollegen zu fokussieren.
Im Hinrundenspiel haben dir die Leipzig-Fans eine eigene Choreographie gewidmet. Was hat dir das bedeutet?
Das ist die größte Wertschätzung, die man als Spieler erfahren kann. Viele würden sich sicherlich wünschen, bei einem Verein einen so guten Eindruck hinterlassen zu haben, um auf diese Weise verabschiedet zu werden. Viele hatten eine große Karriere, doch sie haben nicht erlebt, was ich beim Hinrundenspiel in Leipzig erlebt habe.
Hast du in dieser Woche vermehrt Kontakt zu deinen ehemaligen Teamkollegen? Und wie ungewöhnlich ist es, unter Wettkampfbedingungen auf langjährige Weggefährten wie Willi Orban zu treffen?
Ja, mit einigen von ihnen. Das Spiel rückt näher, deshalb ist der Kontakt intensiver. Es ist eine besondere Situation: Wir sind außerhalb des Platzes gut befreundet, aber sobald wir die weiße Kreide am Spielfeldrand überschreiten und der Anpfiff ertönt, ruhen die Freundschaften – dann geht es nur noch ums Gewinnen. So war es beim letzten Wiedersehen, und so wird es auch diesmal wieder sein. Hinzu kommt, dass ich gegen Willi und Co. schon vor unserer gemeinsamen Zeit in Leipzig oder in der Nationalmannschaft meine Duelle hatte.
Ihr seid seit sechs Spielen ungeschlagen, Leipzig gehört zu den besten Teams der Liga. Worauf wird es Sonntagabend in der Festung Volkspark ankommen?
Ich sage immer, dass man es mehr wollen muss als der Gegner. Wenn wir es mehr wollen, dann werden wir auch gewinnen.
Den kompletten Rundgang mit Yussuf Poulsen seht ihr hier im Video.
