
Interview
02.03.26
„Ein Fehler gehört dazu – die Frage ist, wie du damit umgehst“
Zwischen Fanperspektive und Expertenblick: Rene Adler spricht über das Duell seiner beiden Ex-Clubs, die Entwicklung des HSV, die Leistung von Daniel Heuer Fernandes, den Druck im Torwartspiel und die Lektionen einer langen Bundesliga-Karriere.
HSV.de: Rene, wenn der Hamburger SV und Bayer 04 Leverkusen gegeneinander spielen, wird man dich dann im Volksparkstadion sehen?
Rene Adler: Auf jeden Fall! Ich hatte die Karten bereits für den ursprünglichen Termin und wollte gerade ins Auto steigen, als ich erfahren habe, dass das Spiel abgesagt wurde. Ich war mit einem Freund, der extra aus Lüneburg angereist war, fürs Stadion verabredet, und wir sind dann stattdessen essen gegangen. Jetzt freuen wir uns darauf, dass das Spiel endlich stattfinden wird.

Wie regelmäßig bist du im Volkspark zu Gast?
In letzter Zeit wieder häufiger. Zuletzt war ich mit meinem Sohn gegen den 1. FC Union Berlin im Stadion. Er ist eine treibende Kraft. Mit seinen fünfeinhalb Jahren kennt er jedes HSV-Lied und will immer ins Stadion. (lacht) Zuvor habe ich Freunde aus Cambridge zum Spiel gegen den FC Bayern München mitgenommen. Es war extrem kalt, aber das 2:2-Unentschieden war natürlich ein Highlight!
Was gehört für dich zu einem guten Stadionbesuch dazu?
Klassische Antwort: Eine leckere Stadionwurst und ein Bier. Das sind die Vorzüge, wenn man nicht mehr aktiv ist. Ansonst freue ich mich immer, alte Bekannte wiederzusehen. Es ist schön, wie ich heute noch im Volkspark empfangen werde.
Aus welcher Perspektive verfolgst du das Spiel – der des Ex-Torhüters, des TV-Experten oder des Fans?
Wenn ich mir HSV-Spiele anschaue, dann als Fan. Ich habe Sympathien für die Mannschaft und gehe gern für das Erlebnis ins Stadion. Es macht mir großen Spaß. Ich fiebere wie ein normaler Fan mit, aber ich bin nicht mehr so stark involviert, dass mich ein Ergebnis noch lange nach dem Abpfiff beschäftigt.
Eine Frage an den TV-Experten in dir: Was ist deine Einschätzung zur bisherigen Saison des HSV und von Bayer 04 Leverkusen?
Der HSV hat eine gewisse Zeit gebraucht, um reinzukommen. Ehrlich gesagt habe ich den HSV – wie viele andere – schlechter eingeschätzt, als er heute dasteht. Umso mehr freut es mich natürlich, dass ich damit falsch lag. (lacht) Mittlerweile ist der HSV total in der Bundesliga angekommen. Es ist beeindruckend, wie das Trainerteam, die Mannschaft und die Fans zusammenstehen. Vor allem bei Heimspielen hat man das Gefühl, dass der HSV immer gewinnen kann. Es war harte Arbeit, die Wucht, die dieses Stadion entfachen kann, zur eigenen Stärke zu machen.
Dagegen ist es bei Leverkusen eine schwierige Saison. Sie hatten wahnsinnig viele Bewegungen am Kader und sind katastrophal gestartet, woraufhin früh der Trainer gewechselt wurde. Kasper Hjulmand hat sie dann in ruhige Fahrwasser gelenkt. Aktuell sind sie allen Wettbewerben gut vertreten, aber in der Bundesliga müssen sie konstanter werden. Wenn ich wetten müsste, würde ich sagen, dass sie sich am Ende für die Europa League qualifizieren. Das Erreichen der Champions League wäre ein absoluter Erfolg.

Wie denkt der Ex-Torhüter Rene Adler über die Keeper auf beiden Seiten?
„Ferro“ ist ein Pfeiler für den Erfolg des HSV in den vergangenen Jahren. Er hat den Verein in der jüngeren Geschichte maßgeblich mitgeprägt. Bei ihm stimmt die Leistung einfach. Ich hatte nie das Gefühl, dass er nicht bereit für die Bundesliga wäre. Er zählt zu den Spielern, die sich mit ihren Aufgaben entwickeln. „Ferro“ ist noch lange nicht am Ende. Es freut mich für ihn, dass er aktuell solch eine Wertschätzung erfährt.
Janis Blaswich trägt lustigerweise die Torwarthandschuhe, die ich auf dem Markt gebracht habe. So ärgerlich die Verletzung von Mark Flekken auch ist, freut es mich für Janis, dass er aktuell die Chance kriegt, zu spielen. Er ist ein sehr solider Keeper. Er tut der Mannschaft mit seiner ruhigen Art gut und trägt seinen Teil dazu bei, dass sie stabil auftritt.
Wie würdest du eigentlich das Gefühl bei einer Monsterparade beschreiben?
Ich kann mir vorstellen, dass ein Torjubel mehr Emotionen mit sich bringt. (lacht) Schließlich kannst du als Torwart nur reagieren. Tatsächlich versuchen die meisten, eine solche Parade im Spiel nicht überzubewerten. Es geht darum, konzentriert zu bleiben und sich nicht ablenken zu lassen. Hin und wieder brechen die Emotionen doch aus einem heraus, aber eher in den Momenten, in denen sich das Gefühl einstellt, in einem Spiel unbezwingbar zu sein.
Und wie fühlt sich ein Patzer an?
Es wäre vermessen zu sagen, dass ein Fehler dich nicht beschäftigt. Es benötigt eine gewisse Zeit, bis du ihn aus den Klamotten schüttelst. Aber ein Fehler gehört zum Job dazu. Es ist nicht die Frage, ob du einen machst, sondern wann. Das passiert jedem Torwart. Die Frage ist vielmehr, wie du damit umgehst und wie lange die Phase ist, die dich der Fehler vom Spiel ablenkt. Gute Torhüter können schnell wieder weitermachen.

Du hast insgesamt 269 Bundesliga-Spiele für Bayer 04 Leverkusen, den HSV und den 1. FSV Mainz 05 bestritten. Im aktuellen HSV-Kader kommt – mit Ausnahme von Yussuf Poulsen – kein Spieler annähernd an diese Zahl heran. Welchen Rat würdest du weitergeben, um eine möglichst lange Karriere auf diesem Niveau zu haben?
Mit meiner Vita und mehreren Verletzungen hätte ich einen Rat: Genieße es und mache dir immer wieder bewusst, was für ein Privileg es ist, ein solches Leben führen zu dürfen. Trotz der einen oder anderen Schattenseite ist es vermutlich besser als 99,9 Prozent aller anderen Jobs. Dafür musst du Dankbarkeit empfinden. Mit Anfang 20 ist es schwierig, das Fußballspielen als Arbeit anzusehen. Erst zum Ende meiner Karriere ist mir klar geworden, dass mein Hobby mein Beruf ist. Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt, und wenn es nicht läuft, leidest du. Aber wenn es gut läuft und du auf der Straße erkannt wirst, wirst du gefeiert.
Inwieweit haben sich Rene Adler bei Bayer 04 Leverkusen und Rene Adler beim HSV unterschieden?
In Leverkusen überwog die Leichtigkeit. Wir waren eine junge Truppe, die auf dem Feld für Furore gesorgt hat und abends nach dem Spiel gemeinsam feiern gegangen ist. Zu der Zeit war Social Media nicht so präsent, weshalb wir auch mal über die Stränge schlagen konnten, ohne dass es breitgetreten wurde. Aber ich habe damals eher an meine eigene Karriere gedacht, als es später der Fall war. Beim HSV musste ich in schwierigen Zeit mein eigenes Ego hintenanstellen und nach draußen Ruhe verkörpern, auch wenn es Momente gab, in denen es innerlich anders aussah. Das hat mich für meine spätere Zeit geprägt.
Du hast einmal in einem Interview verraten, dass dir eine Kanufahrt im HSV-Trainingslager in Schweden im Sommer 2012 besonders in Erinnerung geblieben ist – unter anderem, weil Heung-min Son sich beim Rudern nur im Kreis gedreht hat oder Jaroslav Drobny und du Trainingsshirts gegen eine Palette Bier eingetauscht habt. Warum genau ist diese Zeit bei dir so hängengeblieben?
Vermutlich ging es damals im Team nicht jedem so, aber mir hat die Einfachheit gefallen. Es war mal nicht das beste Hotel, wie es sonst der Fall gewesen wäre. Nach dem Wechsel zum HSV ist medial viel auf mich eingeprasselt und ich musste viele Interviews geben, weshalb ich froh darüber war, dass wir etwas ganz anderes gemacht haben. Es gab keinen Handyempfang, ich war nicht zu erreichen, und so konnte ich mich total auf die neue Mannschaft einlassen und richtig ankommen. Ich hatte Gespräche, die mit dem Fußball nichts zu tun hatten. Es war insgesamt eine witzige Zeit. Sensationell.
Warum ist Hamburg eigentlich nach deiner Karriere deine Heimat geblieben?
Ich fühle mich als Wahlhamburger heimisch. Ich habe Hamburg als Stadt und den HSV als Verein schnell lieben gelernt. Zudem haben meine Frau und ich kurz nach dem Wechsel ein Haus in Hamburg gekauft und kernsaniert. Für uns begann damit eine Reise. Wir haben uns zu dem Zeitpunkt auch als Paar weiterentwickelt. Später kamen die Kinder dazu.
