
Interview
11.02.26
„Stehe lieber am Spielfeldrand als in irgendeinem Container“
Im Interview mit HSV.de spricht Union Berlins Cheftrainer Steffen Baumgart über seine Rückkehr in den Volkspark, das noch immer gute Verhältnis zum HSV und seine enge Verbundenheit zum Hauptstadtclub aus Köpenick.
Auch für ihn ist es kein gewöhnliches Bundesliga-Spiel: Wenn der Hamburger SV am Sonnabend gegen den 1. FC Union Berlin sein 1887. Spiel im Fußball-Oberhaus bestreitet, trifft Steffen Baumgart zum ersten Mal wieder auf den Club, für den seit klein auf sein Herz schlägt und für den er von Februar 2024 bis November 2024 als Cheftrainer aktiv war. „Wow – das ist geil. Das ist ja fast zu kitschig, um wahr zu sein“, sagt der 54-Jährige, als er im Telefoninterview mit HSV.de auf diesen Fakt angesprochen wird. Generell spricht der Headcoach von Union Berlin voller Vorfreude über das kommende Wiedersehen mit dem HSV.
Seit Anfang des Jahres 2025 leitet der gebürtige Rostocker in seiner Wahlheimat die Geschicke des Hauptstadtclubs aus Köpenick, zu dem er als Ex-Spieler und langjähriges Mitglied ebenfalls eine intensive Bindung hat – und mit dem er die Entwicklung im Gleichschritt weiter vorantreibt. Im sechsten Bundesliga-Jahr der Unioner übernahm Baumgart zum 16. Spieltag der Vorsaison und schloss die Spielzeit souverän mit 40 Punkten auf Platz 13 ab. Aktuell stehen die Berliner mit 25 Punkten auf Rang 9 in der oberen Tabellenhälfte, zudem verlängerte Baumgart Anfang des Jahres seinen Vertrag. Im Gespräch mit HSV.de blickt er nicht nur auf das besondere Match, sondern ordnet auch seine Zeit bei zwei Herzensvereinen genauer ein.

HSV.de: Steffen, am Sonnabend kehrst du ins Volksparkstadion zurück und triffst erstmals wieder auf den HSV – mit welchem Gefühl geht es für dich nach Hamburg zurück?
Steffen Baumgart: Ich freue mich auf ein sehr emotionales und interessantes Spiel und kann sagen, dass schon eine große Aufregung mitschwingt. Es wird eine geile Stimmung, besonders mit den positiven Ergebnissen im Rücken, die der HSV zuletzt erzielt hat. Natürlich möchte ich dieses Spiel auch gewinnen, aber nicht etwa aus persönlichen Gründen, sondern weil ich einfach Trainer der anderen Mannschaft bin.
Das Hinrundenspiel an der „Alten Försterei“ hast du leider verpasst. Ist die Vorfreude auf das Wiedersehen nun umso größer?
Zunächst einmal ärgert es mich noch sehr, dass ich das Hinspiel überhaupt verpasst habe. Denn zum einen war es vermeidbar und zum anderen stehe ich als Trainer lieber am Spielfeldrand als in irgendeinem Container. Deswegen ist die Vorfreude aber nicht unbedingt größer. Ich freue mich einfach, wieder im Volksparkstadion zu sein und ein Bundesliga-Spiel erleben zu dürfen. Ich denke, da verkennen die Leute manchmal, wie besonders dieser Job ist und wie geil das Erlebnis ist, da unten stehen zu dürfen.

Wie blickst du mit etwas Abstand auf deine Zeit beim HSV von Februar bis November 2024 zurück?
Ich habe schon häufiger erwähnt, dass der HSV der Verein ist, für den ich schon immer einmal arbeiten wollte. Ich wollte nicht bei Bayern, Dortmund oder irgendeinem anderen großen Club arbeiten, sondern mein Wunsch war der HSV. Das durfte ich, das hat man mir ermöglicht. Dass es nicht so erfolgreich war, wie wir uns das alle vorgestellt haben, ist leider manchmal im Fußball so. Manche Dinge kann man nicht berechnen. Es war dennoch eine schöne, intensive und gute Zeit. Ich habe ein gutes Verhältnis zu den Mitarbeitern, der Stadt und ihren Leuten.
Was ist aus dieser Zeit geblieben? Auf wen freust du dich besonders?
Es ist immer schwierig, einzelne Leute hervorzuheben, weil man am Ende jemanden vergisst. Ich freue mich einfach insgesamt auf alles. Ich habe bisher immer das Glück gehabt, dass ich zu meinen ehemaligen Vereinen im Guten wiederkommen konnte. Bisher hat mir noch keiner in den Kaffee gespuckt. (lacht) Du musst eine vernünftige Zusammenarbeit auf Augenhöhe finden, wenn du da bist, und du musst es noch besser hinkriegen, wenn du dann weggehst. Ich habe wirklich nichts Negatives von der HSV-Seite gehört, eher sogar noch einen gewissen Dank, als es mit dem Aufstieg geklappt hat. Das zeigt schon, dass nicht alles schieflief, auch wenn wir uns natürlich andere Ergebnisse gewünscht hätten. Hinzu kommt, dass alle Entscheidungen im Nachgang – sei es Merlin als Cheftrainer oder die Rückkehr von Loic – richtig waren, weil sie zum gewünschten Ergebnis geführt haben. Da kann man nur gratulieren. Es ist für alle das Beste herausgekommen.
Mit welchem Gefühl hast du damals den Aufstieg des HSV erlebt?
Mit Freude! Allein, weil ich mich für ganz viele Jungs wie etwa Bascho, Davie oder Meffo sehr gefreut habe. Und ganz generell haben wir doch alle darauf gewartet, dass so ein Verein wieder zurück in der Bundesliga ist. Das gilt zumindest für die meisten Personen, die ich kenne. Und ich bin mir relativ sicher, dass ich keinen vergessen habe, zu dieser Leistung zu gratulieren.

Seit Anfang des letzten Jahres bist du wieder bei Union zu Hause. Dort warst du bereits mehr als 20 Jahre zuvor als Spieler (2002–2004) aktiv. Wenn du diese beiden Epochen miteinander vergleichst, was hat sich bei Union Berlin verändert?
Ich bin zwar 20 Jahre nicht mehr in einer Funktion tätig gewesen, aber in all den Jahren war ich nie weg vom Verein. Ich bin seit 2002 oder 2003 Mitglied dieses Clubs, habe immer in Köpenick gewohnt und meine Frau hat sieben Jahre für den Verein gearbeitet. Es gibt keinen Mitarbeiter, den ich nicht kenne. Und natürlich ist das alles nicht mehr mit meiner Zeit als Spieler vergleichbar. Damals sind wir von der 2. Liga in die 3. Liga abgestiegen. Danach ging der Weg ja bis in die Oberliga runter, und seitdem geht es stetig bergauf. Und damit meine ich nicht nur die Ligen, sondern die gesamte Infrastruktur mit allem, was dazugehört. Es ist ein kompletter Aufstieg, den ich zunächst von außen wahrgenommen habe, und jetzt darf ich in Verantwortung daran mitarbeiten.
Wie ist es außerhalb des Fußballplatzes, wenn man vollumfänglich in der Stadt tätig ist, in der seit Jahren auch die Familie lebt?
Du bist zu Hause, und das ist gleichzeitig die Gefahr. Wann hast du mal die Möglichkeit, in unserem Job zu Hause zu arbeiten? Wenn es positiv läuft, dann ist alles gut, und ich würde das Umfeld hier auch als etwas ruhiger als in Hamburg bezeichnen. Aber wenn es negativ läuft, dann bist du eben ständig vor Ort und wirst damit konfrontiert. Es soll nicht falsch verstanden werden, aber an anderen Standorten ist man ein „Reisender“. Man versucht, seinen Job so gut wie möglich zu machen, und wenn es läuft, dann kann es länger dauern, und wenn nicht, dann ist man irgendwann weg. Hier in Köpenick habe ich nicht nur eine Tasche, sondern eine Wohnung – hier werde ich nie weg sein.

Blicken wir auf eure sportliche Lage. Aktuell steht ihr auf Rang 9 in der goldenen Mitte der Tabelle. Wo soll für euch die Reise hingehen bzw. wo liegt aktuell der Fokus für dich als Trainer?
Der Fokus liegt wirklich nur auf dem Spiel am Samstag. Denn ob es nach unten oder nach oben geht, hängt immer davon ab, ob man Punkte holt. Punkte kann man immer nur im nächsten Spiel holen. Mir nützt es nichts, irgendwelche Ziele auszugeben, sondern mit dem HSV steht das nächste Spiel vor der Tür, und wir sollten alles daransetzen, dieses zu gewinnen. Wir müssen eine sehr gute Leistung bringen, um eine Chance zu haben. Denn wir treffen auf eine Mannschaft, die endgültig dabei ist, sich mit ihren Leistungen und ihrer Spielgestaltung in der Bundesliga zu etablieren.
Das Hinrundenspiel endete mit einem 0:0 – beide Mannschaften haben seither eine gute Entwicklung genommen. Inwiefern gibt das Hinspiel noch einen Anhaltspunkt für dich als Trainer?
Es ist kein Spiel, das ich mit in die Vorbereitung nehme. Ich bin mir sehr sicher, dass sich das Gesicht des HSV gewandelt hat.
Worauf wird es dann am Sonnabend ankommen? Auf welchen HSV-Spieler habt ihr etwa ein besonderes Augenmerk gelegt?
Es gibt nie diesen einen besonderen Spieler, denn Fußball ist ein Mannschaftssport. Miro Muheim hat sich sehr gut entwickelt, auch von seiner Persönlichkeit her. Auch Luka Vuskovic leistet mit seinen 18 Jahren Außergewöhnliches. Man könnte diese Liste fortführen, aber letztlich geht es für uns darum, auf uns zu schauen und als Kollektiv zu agieren. Ein einzelner Spieler wird Union nicht schlagen, und wir werden auch nicht nur gegen einen einzelnen Spieler gewinnen.
Abschließend: Passend zu deiner Rückkehr in den Volkspark bestreitet der HSV sein 1887. Bundesliga-Spiel. Das passt doch ins Bild, oder?
Wow – das ist geil! Mehr geht ja fast nicht. Das ist ja fast zu kitschig, um wahr zu sein. Diesen Meilenstein zu erreichen, zeigt die Größe und Tradition dieses Vereins.
