
Interview
22.01.26
Tom Mickel: „Es zählt nur, was am Tag des Derbys ist“
Der Ex-HSV-Keeper hat den bis dato letzten Derbysieg der Rothosen auf St. Pauli als Spieler miterlebt. Im HSV.de-Interview spricht der 36-Jährige über das 4:0 im März 2019, die Bedeutung des Stadtduells und seine neue Aufgabe im HSV-Nachwuchs.
HSV.de: Tom, welche Bedeutung hat das Stadtderby zwischen dem Hamburger SV und dem FC St. Pauli für dich?
Tom Mickel: Für mich hat dieses Spiel die größte Bedeutung! Dieses Spiel steht – genauso wie das Nordderby gegen Werder Bremen – außerhalb jedes Rahmenspielplans. Der HSV steht für Hamburg, und das wollen wir jedes Mal auf dem Platz zeigen.
Beim letzten HSV-Sieg am Millerntor (4:0 im März 2019) saßt du auf der Bank. Wie hast du das Spiel damals erlebt?
Schon bei unserer Ankunft wurde klar, dass wir in diesem Stadion nicht erwünscht sind. Unser Mannschaftsbus wurde etwa mit Eiern beworfen. (lacht) Auf dem Spielfeld hat es sich dann angefühlt wie im Rausch. Das war unglaublich! Es hat alles funktioniert. Ich saß auf der Bank neben Fiete Arp, mit dem ich bis heute gut befreundet bin. Wir wussten um die immense Bedeutung dieses Spiel und haben versucht, unsere Jungs zu pushen. Am Ende haben wir uns extrem über den Sieg gefreut.

Wie würdest du die Stimmung im Gästeblock nach dem Abpfiff beschreiben?
Die Stimmung war der Wahnsinn! So viel Euphorie nach einem Spiel wie bei diesem Derbysieg erlebst du nicht oft. Man hat in den Augen jedes einzelnen Fans gesehen, wie viel ihm dieser Erfolg bedeutet. Wir haben in diesem Moment unterstrichen, dass wir die Nummer 1 der Stadt sind.
Dabei hast du für einen besonderen Schnappschuss gesorgt, als du die Eckfahne ins Auge gefasst hattest.
Das hatte acht Jahre vorher angefangen, als St. Pauli mit 1:0 im Volksparkstadion gewann und sich danach nicht ganz korrekt verhielt. Außer mir war kein anderer Spieler mehr im Kader, der damals dabei war. Deswegen habe ich aus der Emotion heraus den Moment andersherum zeigen wollen.
Auch im Anschluss an das besagte 4:0 gab es viele Stadtderbys in Liga 2. Welches bleibt noch in Erinnerung?
Unser 1:0-Heimsieg im Mai 2024, St. Pauli hätte im Volksparkstadion aufsteigen können, aber das durfte nicht passieren. Deshalb war es sehr wichtig, dieses Spiel zu gewinnen. Dieses Derby hatte auch eine große Bedeutung für den Schulterschluss zwischen der Mannschaft und den Fans. Obwohl unsere eigenen Aufstiegschancen kaum noch vorhanden waren, haben beide Seiten Haltung gezeigt.
„Ein Derby ist für eine Woche das Gesprächsthema Nummer 1“
Worauf kommt es in diesen Spielen an?
Alles, was vorher in der Saison war, ist egal. Es zählt nur, was am Tag des Derbys ist. So ein Spiel wird wahrscheinlich weniger auf der fußballerischen Ebene als auf der mentalen und physischen entschieden. Es geht darum, die Überzeugung, das Spiel gewinnen zu wollen, in jedem Moment zu zeigen.
Wie macht sich der besondere Reiz im Vorfeld bemerkbar?
Ein Derby steht über allen anderen Spielen und ist für eine Woche das Gesprächsthema Nummer 1. Jeder hat Bock darauf. Rivalitäten wie diese machen den Sport aus. Solche Spiele sind auch immer eine Chance, den Fans für die permanente Unterstützung etwas zurückzugeben.
Wie wirst du das Spiel am Freitagabend verfolgen?
Ich werde mir das Spiel mit meiner Familie zu Hause im Fernsehen anschauen. Wir werden natürlich fleißig die Daumen drücken!

Du hast deine Karriere im Sommer beendet. Wie sehr juckt es vor so einem Spiel noch, selbst dabei sein zu wollen?
Ich wäre leider wegen meiner Schulter körperlich nicht mehr in der Lage für ein solches Spiel. (lacht) Ich kenne viele Jungs aus dem Kader und weiß, was ein Derby für sie bedeutet. Hier und da tausche ich mich mit ihnen aus. Deswegen freue mich einfach als Fan auf ein besonderes Spiel.
Wie ist dir allgemein der Übergang vom Profi in ein „anderes” Leben gelungen?
Es war nicht einfach, mit dem Fußball aufzuhören, aber durch die Rolle beim HSV bin ich ihm erhalten geblieben. Ich bin sehr glücklich darüber, diese Chance erhalten zu haben.
Ende Oktober 2025 hast du die Rolle als Koordinator des Übergangsbereichs im HSV-Nachwuchs übernommen. In dieser Position begleitest du die Jugendspieler, die an der Schwelle zur Profikarriere stehen. Wie genau sieht das aus?
Immer wenn ich am HSV-Campus bin, schaue ich mir die Jungs an und spreche mit ihnen. Dann sind die Themen vor allem ihre persönliche Entwicklung – sei es fußballerisch oder schulisch. Zudem tausche ich mich mit den Trainern darüber aus, wie wir die Jungs am besten fördern können.
