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Nachbericht

03.04.22

Von Aufstiegsplätzen, Entwicklungsdellen & den Lehren der Historie

HSV-Vorstand Jonas Boldt stand den Medien am Sonntag für ein ausführliches Gespräch zur Verfügung, das weit über die Analyse zur 1:2-Heimniederlage gegen den SC Paderborn vom Vortag hinausging.

Als HSV-Trainer Tim Walter am Sonntagvormittag (3. April) mit seiner Mannschaft den Trainingsplatz betrat, stand auch HSV-Vorstand Jonas Boldt am Platz. Und während Walter und sein Team auf dem Rasen arbeiteten, bearbeitete Boldt die Fragen der Journalisten, die sich nach der 1:2-Niederlage gegen den SC Paderborn im Volkspark versammelt hatten. Diese drehten sich vorrangig um das Spiel selbst, den Wettbewerb um die Aufstiegsplätze und die ganz allgemeine Einschätzung der HSV-Lage. Und die Antworten gingen sogar weit darüber hinaus. Jonas Boldt über…

… das 1:2 gegen den SC Paderborn: Wenn wir unseren Plan hundertprozentig durchziehen, mit voller Überzeugung und großem Mut, dann machen wir unsere besten Spiele. Wenn wir es nur halbherzig tun, aus welchen Gründen auch immer, dann stehen wir uns selbst im Weg. Genau das war leider gestern der Fall, auch wenn wir trotzdem zu Chancen gekommen sind, uns zwei Tore wegen knapper Abseitspositionen aberkannt wurden und wir einen Elfmeter verschossen haben. Entsprechend enttäuscht sind wir. Wille und Einsatz kann man den Jungs einfach nicht absprechen, aber dass nicht alles geklappt hat, ist völlig klar und enttäuschend.

"Wir können im Nachholspiel gegen Aue als einzige Mannschaft ein bisschen Boden gutmachen, das ist jetzt das Ziel, dem gilt die gesamte Aufmerksamkeit"

… den Zuschauerzuspruch: Ich finde es sehr positiv, dass sich gestern knapp 30.000 Menschen hinter unseren Weg und hinter die Mannschaft gestellt haben. Man darf nicht vergessen: Es gab in dieser Saison nach zwei Jahren Corona keine Dauerkarten, wir starten entsprechend bei null. In Anbetracht dessen fand ich die Zuschauerzahl gut und habe mich auch über die Unterstützung und die Stimmung sehr gefreut. Unsere Aufgabe ist es jetzt, die Menschen wieder abzuholen, sie zu überzeugen von unserem Weg und unserem Fußball. Dann werden wir die Zuschauerzahl auch weiter steigern können.

… die Lage im Saisonendspurt: Ich bin der Allerletzte, der jetzt sagt, die Saison sei vorbei. Aber ich kann natürlich die Tabelle lesen und erkennen, dass der Abstand zu den Aufstiegsplätzen größer ist, als wir es uns wünschen würden und dass es für uns schwierig wird. Die letzten fünf Spiele waren nicht sehr erfolgreich, dadurch haben wir an Boden verloren, können aber am Dienstag im Nachholspiel gegen Aue als einzige Mannschaft auch nochmal wieder ein bisschen Boden gutmachen. Das ist jetzt das Ziel, dem gilt die gesamte Aufmerksamkeit. Aber: Dafür müssen wir unbedingt wieder unsere Überzeugung reinbekommen und müssen in jedem einzelnen Spiel 90 Minuten lang alles abrufen. Das schaffen wir aktuell noch nicht, wir ziehen das, was wir vorhaben, noch nicht konsequent durch. Dennoch: Man sieht, dass die Mannschaft will, dass sie alles versucht. 

"Für mich ist am Standort Hamburg Entwicklung der einzige Weg, um auf Sicht erfolgreich zu sein, alles andere funktioniert nicht, das hat uns die Geschichte gelehrt"

… die besonderen Umstände: Der HSV ist ein sehr spezieller, ein ganz besonderer Verein, der eine ungeheure Aufmerksamkeit bekommt. Damit muss man umgehen können. Wenn man an diesem Standort erfolgreich sein möchte, dann gehört mehr dazu, als nur gut Fußball spielen zu können. Vielleicht ist das der Grund, warum manche Spieler mitten in der Saison, einer vermeintlich nicht so entscheidenden Phase, leichter und besser aufspielen als jetzt in der Crunchtime. Und die es dann später bei einem Verein ohne die ganz große Aufmerksamkeit wieder dauerhaft hinbekommen und sogar Führungsspieler sind. Mit diesem Umstand der Aufmerksamkeit und der Erwartungshaltung aufgrund des großen Namens HSV und des Standorts Hamburg muss man klarkommen. Aber auch daran arbeiten wir, auch das benötigt Zeit, um zu lernen und zu reifen.

… das Thema Entwicklung: Wir haben den Anspruch, erfolgreich zu sein, aber es ist keine Selbstverständlichkeit, denn du kriegst in dieser Liga nichts geschenkt. Es funktioniert nicht mehr, sich drei, vier Spieler mit Extraklasse zu holen und die regeln das dann. Die ganz große Herausforderung ist es, als Mannschaft über den langen Zeitraum einer Saison seine maximale Leistung abzurufen. So wie es Union Berlin, Greuther Fürth oder der VfL Bochum in den letzten Jahren geschafft haben. Wenn man sich diese Clubs anschaut, dann fällt auf: Da war ein Weg zu erkennen, da ist eine Mannschaft zusammengeblieben, da konnte sich ein Team über einen gewissen Zeitraum entwickeln und verbessern.  Das ist keine Garantie, kann aber ein Erfolgsmodell sein. Und für mich ist es am Standort Hamburg der einzige Weg, um auf Sicht erfolgreich zu sein. Alles andere funktioniert nicht, das hat uns die Geschichte gelehrt. Wir haben uns deshalb entschieden, diesen Weg kompromisslos durchzuziehen. Es ist ein langfristiger Weg mit einem sehr jungen Kader, mit viel Talent und Wille, sich weiterzuentwickeln. Da gehören auch mal Dellen dazu, denn Entwicklung geht nicht immer nur nach oben. Aus diesen Phasen muss man dann lernen und wieder erkennen lassen, dass es in der Entwicklung auf Strecke gesehen nach oben geht. Beim Großteil der Spieler sieht man das, manchen muss man etwas mehr Zeit geben. Insgesamt geht es darum, etwas aufzubauen, auch auf die Gefahr hin, dass die Ziele nicht sofort erreicht werden. Dieser Weg erfordert Geduld, und über diesen Punkt müssen wir jetzt mal gemeinsam hinausgehen.