
Interview
28.01.26
Wolff Fuss: „Es ist der Geist der guten alten Zeit“
Im HSV.de-Interview spricht Kommentator Wolff-Christoph Fuss über die Rückkehr des Bundesliga-Topspiels in den Volkspark – ein Gespräch über große Erinnerungen an die HSV-Spielstätte, den Mythos des Nord-Süd-Gipfels sowie über Cowboy-Namen, Kindheitsträume und Lothar Matthäus.
Am Sonnabend (31. Januar) ist es endlich so weit: Nach 2.856 Tagen kehrt im Zuge des 20. Spieltags das Bundesliga-Topspiel ins Volksparkstadion zurück. Die Partie zwischen dem Hamburger SV und dem FC Bayern München markiert dabei das 490. „Topspiel der Woche“ bei Sky seit Einführung des Formats im August 2009. Wie gewohnt wird sich die unverkennbare Stimme von Wolff-Christoph Fuss live vor Ort aus dem Stadion melden. Der 49-Jährige zählt zu den renommiertesten Fußball-Kommentatoren Deutschlands und bildet gemeinsam mit Experte Lothar Matthäus seit Jahren das feste Duo des Topspiel-Formats. Laut Senderangaben hat Fuss bislang rund 300 Topspiele kommentiert, davon etwa 15 mit HSV-Beteiligung. Umso größer ist bei ihm und der gesamten Sky-Crew die Vorfreude, nun endlich in den Volkspark zurückzukehren und mit dem einstigen Nord-Süd-Gipfel zwischen dem HSV und Bayern München ein ganz besonderes Spiel begleiten zu dürfen.

HSV.de: Wolff, erstmals seit dem 7. April 2018 – damals ein 3:2-Heimsieg gegen den FC Schalke 04 – findet wieder ein Bundesliga-Topspiel im Volksparkstadion statt. Was geht dir durch den Kopf, wenn du hörst: Topspiel im Volkspark?
Wolff Fuss: Ehrlich gesagt geht mir durch den Kopf, warum es ein halbes Jahr gedauert hat, bis wir endlich wieder in den Volkspark kommen. Als der HSV aufgestiegen ist, war die Vorfreude im Topspiel-Bus immens, wieder einmal einen Samstagabend aus dem Volksparkstadion zu übertragen. Das gesamte Team mit Lothar Matthäus, Sebastian Hellmann, Julia Simic und Tabea Kemme hat total Bock darauf, mal wieder ein Topspiel aus Hamburg zu senden und zeigen zu können, was den Volkspark ausmacht. Deshalb wird es – ergebnisunabhängig – einfach großartig.
Was macht den Volkspark denn aus? Sprich: Mit welcher Atmosphäre rechnest du hier am Sonnabend gegen den FC Bayern?
Die Partie selbst bringt eine ganz besondere Dimension mit sich. Es ist der Geist der guten alten Zeit, als der Nord-Süd-Gipfel tatsächlich noch ein Gipfel war. Dieses Gefühl schwingt immer mit – ebenso wie die unterschwellige Hoffnung, dass es in diesem Jahr gelingt, den Bayern ein Bein zu stellen. Dieses Selbstverständnis strahlt ein Club dieser Größe logischerweise erst einmal aus. Deshalb rechne ich mit ekstatischen Fans und einer großartigen Atmosphäre. Ich glaube auch, dass sich die Bayern-Fans darauf freuen, mal wieder nach Hamburg in den Volkspark zu kommen. Das sind Top-Voraussetzungen für einen sehr emotionalen Fußballabend.
Welche persönlichen Bezugspunkte hast du zu diesem Stadion und zum HSV – sowohl aus deiner Karriere als Kommentator als auch darüber hinaus?
Ich habe wirklich noch große Spiele aus diesem Stadion übertragen. Ich erinnere mich sofort an die Champions-League-Abende, etwa gegen Moskau mit Thomas Doll als HSV-Trainer. Dazu kommen viele große Bundesliga-Spiele und heiße Abstiegskämpfe aus den Jahren, in denen es mit dem Rücken zur Wand ganz nah am Abgrund entlangging und die Erkenntnis reifte: Sie können nicht einmal absteigen.
Es gab in der Zwischenzeit auch das Relegationsspiel mit diesem wahnsinnigen Auftakt gegen den VfB Stuttgart, an das die Erinnerungen noch sehr warm sind. Das sind große Momente. Hinzu kommt, dass ich im Volksparkstadion gemeinsam mit Lotto (King Karl, Anm. d. Red.) beim Abschiedsspiel von Rafael van der Vaart die Mannschaftsaufstellung verlesen durfte und mir damit einen kleinen Kindheitstraum erfüllt habe. Das wollte ich generell schon immer einmal bei einem Fußballspiel machen.

Du sprichst die Bundesliga-Relegation 2023 zwischen dem HSV und dem VfB an. Damals entstand der im HSV-Kosmos legendäre Satz „Keiner zieht wie Sonny Kittel“. Wie präsent ist dieser Moment noch für dich, und wie oft wirst du heute noch darauf angesprochen?
Wenn ich in Hamburg bin, werde ich eigentlich immer von irgendwem darauf angesprochen. Sonny Kittel war für mich schon immer ein sensationeller Name, weil er wie ein ausgedachter Cowboy-Name klingt. Wie ein Revolverheld aus einem Westernstreifen. In diesem Augenblick kam alles zusammen.
Ich habe diesen Moment generell noch sehr präsent, weil es der wahrscheinlich emotionalste war, den ich rund um den HSV erlebt habe. Es war nur ein Tor und es änderte an der grundsätzlichen Situation gar nichts, weil es eben nicht hochging, aber in dem Moment hatte ich das Gefühl, dass ich in diesem Stadion die komplette Stadt höre. Die komplette Stadt hat geschrien und ist ausgerastet.
Lass uns ein bisschen in deine Arbeit als Kommentator eintauchen: Du bist seit Jahren die feste Konstante des Bundesliga-Topspiels und mittlerweile seit mehr als 25 Jahren als Fußballkommentator im Einsatz. Bist du vor solchen Spielen wie am Sonnabend noch aufgeregt oder ist das „Business as usual“ für dich?
„Business as usual“ ist der falsche Ausdruck – das würde bedeuten, dass es mir irgendwie egal ist, und das ist es mir nie. Wirklich aufgeregt bin ich aber auch nicht mehr. Ich bin vor so einer Übertragung einfach voller Vorfreude und Erwartung auf das Spiel und auf die Geschichte, die es uns bieten wird.
Was macht für dich nach all den Jahren und Spielen noch immer den Reiz dieser 90 Minuten aus?
Der Reiz der 90 Minuten ist immer wieder der gleiche und gleichbleibend faszinierend: Du weißt nicht, wie es ausgeht. Auf das Spiel zwischen dem Hamburger SV und dem FC Bayern München heruntergebrochen bedeutet das: In anderen Sportarten wüsstest du mit ziemlicher Sicherheit vorher, wie ein Spiel Aufsteiger gegen Ligaprimus ausgehen wird. Doch im Fußball – und genau darum geht es – ist immer alles möglich. Die Frage ist: Passiert es an diesem Abend?

Inwieweit sorgt das Topspiel in dieser Gemengelage noch einmal für eine andere Dimension?
Der Hauptunterschied besteht darin, dass man vor einer deutlich breiteren Öffentlichkeit berichtet. Es ist das einzige Spiel, es gibt keine Parallelspiele, jeder Fußballinteressierte schaut zu. Sowohl aus Gewohnheit und alter Verbundenheit als auch – in diesem speziellen Fall – aus Neugier, ob das der Moment ist, in dem die Bayern stolpern.
Hinzu kommt, dass wir bei einem Topspiel 45 Minuten Vorberichterstattung haben, sodass beide Clubs sehr gut vorgestellt und beleuchtet werden. Das betrifft vor allem den HSV, der in dieser Saison erst ein Mal in diesem Rahmen aufgetaucht ist, in besonderem Maße. Für den HSV ist es wie eine Plattform, sich auf großer Bühne zu präsentieren.
Wie muss man sich deine Vorbereitung auf ein solches Spiel vorstellen, gerade auch vor dem Hintergrund, dass du unter der Woche regelmäßig im Einsatz bist?
Das läuft im Grunde immer sehr ähnlich ab. Wir haben viel statistisches Beiwerk, das es zu studieren gibt. Hinzu führe ich viele Gespräche mit Vereinsvertretern und Trainern, um ein möglichst umfangreiches Bild über jeden Club zu bekommen. Das ist bei den Bayern, die häufiger im Programm sind, dann mehr ein Updaten, während es nun beim HSV etwas länger und tiefer ausfällt. Das ist wichtig, damit ich den Menschen, die den HSV nicht so im täglichen Blickfeld haben, näherbringen kann, wer oder was der Hamburger Sport-Verein im Moment ist.
Während des Topspiels sitzt mit Lothar Matthäus seit vielen Jahren ein Experte an deiner Seite. Was schätzt du an eurer Zusammenarbeit?
Neben unserem freundschaftlichen Miteinander natürlich seine Expertise. Lothar weiß wahnsinnig viel über dieses Spiel. Damit befruchtet er den Kommentar in besonderem Maße. Er erkennt beispielsweise ein Foulspiel, bevor es passiert, oder weiß im Grunde, wenn der Ball den Fuß verlässt, ob er reingeht, links, rechts oder oben am Ziel vorbeigeht. Er besitzt einen riesigen Erfahrungsschatz, auf den er jederzeit zurückgreifen kann. Er ist ein wandelndes Lexikon und tagesaktuell über sämtliche internationale Ligen informiert. Mit seiner Expertise und seinen Vorhersagen ist er einzigartig.

Schon im Hinrundenspiel zwischen dem HSV und dem FC Bayern München wart ihr gemeinsam im Einsatz. Inwieweit hat sich der HSV seitdem verändert?
Der HSV war am 3. Spieltag noch auf der Suche nach seiner eigenen Identität und Stabilität – vom Zweitliga-Aufsteiger zum Bundesliga-Abstiegskämpfer. Ich habe das Gefühl, dass sie jetzt ihre innere Mitte gefunden haben. Es fehlt noch ein bisschen im Torabschluss, aber ansonsten hat die Mannschaft klare Leitplanken, innerhalb derer sie sich bewegen kann. In meinen Augen hat Merlin Polzin als Trainer das sehr gut im Griff.
Jetzt kommt es darauf an, zum einen zwei bis drei Mannschaften zu finden, die nicht so gut punkten wie der HSV, und zum anderen genügend Punkte selbst zu holen. Für mich hat der Hamburger SV seine Konkurrenzfähigkeit in der 1. Liga absolut nachgewiesen. Jetzt geht es darum, das ins Ziel zu bringen.
Abschließend: Wie nimmst du den HSV als Ganzes anders wahr seit seiner Rückkehr in die Bundesliga?
Ich habe schon das Gefühl, dass man in Hamburg insgesamt demütiger und dankbarer geworden ist für Bundesliga-Fußball. Und das ist genau der richtige Ansatz. Es geht nicht darum, auf Galopp zurück nach Europa zu kommen, sondern nachhaltig zu arbeiten. Die sieben Jahre in der 2. Liga kriegst du nicht so leicht aus den Kleidern. Der Club ist zwar riesengroß und mindestens mit bundesweiter Bedeutung, aber er muss sich erst langsam und sicher wieder in die Bundesliga reinarbeiten. Dabei muss man auch akzeptieren, dass es zwei oder drei Jahre zunächst nur darum geht, die Klasse zu halten, bevor man wieder eine größere Vision entwirft. Dass man das durch die Größe des Clubs und der Stadt kann, ist nachvollziehbar und folgerichtig. Die infrastrukturellen Voraussetzungen sind ideal: Das Stadion, die Stimmung und die Fans sind klasse. Aber es ist wichtig, einen Schritt nach dem anderen zu machen.
