skip_navigation

Verein

26.03.18

Eine gemeinsame Sprache sprechen

Kommunikation ist eine Grundvoraussetzung im Fußball. Damit sich ausländische Spieler auch sprachlich schnell in die Mannschaft und das Umfeld integrieren können, bedarf es Unterstützung von außen. Beim Hamburger SV kümmert sich Dr. Vesna Stanicic-Burchards um die sprachliche Entwicklung der Spieler. Ein Besuch bei der Frau der Sprachen.

Donnerstag, 11:30 Uhr. Im Internat in der Alexander-Otto-Akademie ist es noch ruhig. Die meisten Jungs aus dem HSV-Nachwuchs sind noch in der Schule. Doch nicht nur dort rauchen die Köpfe der HSV-Talente, sondern auch im Lernraum des Internats wird fleißig gearbeitet. Die beiden Nachwuchsspieler Anssi Suhonen und Peter Beke aus der U17 der Rothosen pauken gemeinsam mit ihrer Deutschlehrerin, damit sie sich die Landessprache schnellstmöglich aneignen. Nach einer Stunde entlässt Dr. Vesna Stanicic-Burchards die beiden in die 15-minütige Pause. Auf dem Tisch liegen noch die Lernsachen weit ausgebreitet. „Das machen die beiden schon relativ gut. Ich bin mit ihren Fortschritten sehr zufrieden“, erklärt die Deutschlehrerin. Und sie weiß, wovon sie spricht. „Frau Vesna“, wie sie liebevoll von den Spielern genannt wird, spricht insgesamt sechs Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch. Dazu kommen ihre Muttersprache Kroatisch und Esperanto. Letzteres ist eine leicht zu erlernende Sprache, die die Verständigung zwischen Menschen verschiedener Völker erleichtern und kulturelle Gleichberechtigung ermöglichen soll. Für Stanicic-Burchards ist sie sehr bedeutsam. „Diese Sprache macht mich aus.“ Ihren Unterricht führt sie allerdings ausschließlich auf Deutsch durch.

Seit nunmehr 20 Jahren ist das Sprachtalent von „Frau Vesna“ eine Bereicherung für den Hamburger SV. „Ich habe schon beim HSV gearbeitet, als die Profis noch in Norderstedt waren.“ Über die Jahre hat sie schon zahlreichen HSV-Spielern die deutsche Sprache gelehrt. Zu ihren Schülern gehörten unter anderem Jacek Dembinski, Josip Simunic, Heung-Min Son und Tatsuya Ito. Dass hier eine lebenserfahrene und kommunikative Person sitzt, wird schnell deutlich. Die Kroatin hat die Gabe, Menschen sprachlich zusammenzuführen.

Spezieller Werdegang

Stanicic-Burchards entdeckte bereits in jungen Jahren ihre Leidenschaft für Sprachen. In ihrem Heimtland Kroatien eignete sie sich daraufhin eine nach der anderen an. Dazu reiste sie sehr viel. „Als ich auf meinen Reisen gemerkt habe, wie schlecht sich viele Menschen eigentlich miteinander verständigen können, nahm ich dies als weiteren Ansporn.“ Für die Kroatin stand fest: sie möchte Menschen in der Sprache unterrichten. Ihr wichtigstes Anliegen: Die Völkerverständigung.
Als sie ihren heutigen Ehemann kennenlernte, zog es sie 1970 nach Hamburg. „Ein mutiger Schritt, weil ich kein Wort Deutsch konnte. Ich habe es dann trotzdem gemacht“, blickt Stanicic-Burchhards zurück und schmunzelt. „Die Leute in Kroatien haben mich für verrückt gehalten.“ Vesna begann ein Lehramtstudium in der Hansestadt. Ihr Ziel: Gymnasiallehrerin für Fremdsprachen. Doch die anfänglichen Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache bewegten sie zum Umdenken. Nach ihrer Promotion im Jahr 1980 wechselte sie an die Volkshochschule Norderstedt und baute dort den bis dahin sehr kleinen Fachbereich „Deutsch als Fremdsprache“ auf. In der Folge wurde sie auch Programmbereichtsleiterin für Fremdsprachen und anschließend lange Jahre Stellvertreterin der gesamten VHS Norderstedt. Während dieser Zeit besuchten dann auch die ersten HSV-Profis ihren Kurs. Das waren ihre ersten Berührungpunkte mit dem HSV. Als der damalige Teammanager Bernd Wehmeyer sie eines Tages fragte, ob sie die Sprachkurse speziell für die Fußballer anbieten könne, willigte sie ein.

Einfache Arbeitsweise

Stanicic-Burchards leistet gute Arbeit. 16 Stunden in der Woche bringt sie den Spielern die deutsche Sprache bei. Dafür wird sie nicht nur von den Spielern geschätzt. So war es Bernhard Peters, der die Deutschlehrerin in Norderstedt einst kennenlernte und davon überzeugte, die Lehrstunden künftig im Internat der Alexander-Otto-Akademie stattfinden zu lassen. Auch wenn ihr Fahrtweg zur Arbeit nun länger ist, kann die in Norderstedt wohnhafte Frau Vesna dem Standortwechsel nur Positives abgewinnen. „Anfangs waren die Gegebenheiten zum Lernen mit den Profis nicht sehr gut. Wir mussten uns jedes Mal aufs neue einen freien Raum suchen. Das ist durch den Umzug jetzt deutlich professioneller geworden.“

Sie fühlt sich dem HSV aber nicht nur beruflich verbunden, sie ist auch zum eingefleischten Fan des Rautenklubs geworden. Diese Tatsache ist nicht nur der Fußballbegeisterung ihrer zwei Söhne geschuldet. „Wir sind häufig im Stadion. Es ist dann natürlich besonders, wenn man viele Spieler persönlich kennt.“ Aus dem aktuellen Profikader unterrichtet die Kroatin Filip Kostic, Albin Ekdal, Rick van Drongelen, Douglas Santos und Bakery Jatta. Vorwiegend beschäftigt sie sich aber mit den Nachwuchsspielern des Clubs. Gemeinsam mit einer ehemaligen Kollegin aus der Volkshochschule teilt sie sich die Unterrichtsstunden auf, um möglichst flexibel auf die individuellen Zeiten der Spieler eingehen zu können.

„Mir ist wichtig, dass die Jungs so schnell wie möglich ans Sprechen kommen.“

„Frau Vesna“ hat ihre ganz eigene Art, wie sie den Spielern die Sprache näherbringt. Dabei ist ihr Credo, auf jeden ihrer Schüler individuell einzugehen. Nicht jeder Spieler habe die gleichen Voraussetzungen für das Erlernen einer Sprache, sagt sie. Es komme dabei vorwiegend auf die Schulbildung, das Alter und die Vorkenntnisse an. In ihrem Unterricht liegt der Fokus vor allem auf dem kommunikativen Aspekt. „Mir ist wichtig, dass die Jungs so schnell wie möglich ans Sprechen kommen. Da spielen das Schreiben und die Grammatik eine eher untergeordnete Rolle. Wichtig ist doch, dass wir am Ende eine gemeinsame Sprache sprechen.“ In ihren Lernmethoden setzt Stanicic-Burchards auf Kreativität. Das Lernen gestaltet sie am liebsten spielerisch. Anstatt monoton aus einem Buch heraus zu lernen, vertieft die Kroatin das Sprachverständnis durch Karten- oder Rollenspiele. Dabei werden zum Beispiel Alltagssituationen wie das Nachfragen des Weges nachgespielt. Nicht selten entstehen auch mal sprachliche Missverständnisse, die zu lustigen Situationen führen. Die Sprachlehrerin hat auch eine besondere Herangehensweise, wie sie ihre Schüler zum Lernen motiviert. So gibt es zum Beispiel beim Memory-Spiel für den Sieger ein kleines Stück Schokolade.

Internatsleiter Oliver Spincke findet nur Lob für die gesprächige Dame. „Frau Vesna ist seit 20 Jahren fester Bestandteil unseres Teams. Sie ist sehr herzlich und höchst kompetent“. Die Kroatin fühlt sich beim Verein sehr wohl. „Beim HSV ist alles sehr familiär. Und das ist auch wichtig.“ Sie verrät, dass sie mit den Spielern auch über private Themen spricht. „Wir verbringen viele Stunden in der Woche miteinander. Da ist es klar, dass wir auch über andere Themen sprechen. Wenn wir Sprachübungen machen, lassen wir zum Beispiel auch persönliche Erlebnisse mit einfließen. So erzählen die Jungs vom letzten Urlaub in Schweden oder dem letzten Konzert.“ Die Spieler jedenfalls sind sehr zufrieden mit ihrer Sprachlehrerin. „Sie nimmt sich wirklich viel Zeit für uns und zeigt Verständnis. Auch nach dem hundertsten Mal nachfragen“, berichtet Anssi Suhonen. Und Peter Beke fügt hinzu: „Sie erklärt uns alles ganz ruhig, da macht das Lernen Spaß.“