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Nachwuchs

05.10.16

Holger Geschwindner: „Ohne Spaß an der Sache geht es nicht“

Der langjährige Trainer und Mentor des Basketball-Superstars Dirk Nowitzki Holger Geschwindner war bei der internen Trainerfortbildung des HSV zu Gast.

Das Raunen, welches an diesem Dienstagabend (6. Oktober) gleich mehrfach durch die Hamburger Volkbank-Arena geht, die nur einen Steinwurf vom Volksparkstadion entfernt liegt, wird von einem ordentlichen Schwung Bewunderung getragen. Die fünf Basketball-Talente demonstrieren während dieser internen Trainerfortbildung des HSV teils koordinativ diffizile Übungen auf ihrem Weg zum Korb, die vermutlich nicht mehr jeder der anwesenden Trainer der Rothosen aus dem Stand nachmachen könnte. Daneben steht, mit einer Aura des Erfolges, aber doch so „normal“ in seiner Schlabberhose, Holger Geschwindner. Der heute 70-Jährige ist so manchem als Basketballprofi bekannt, den meisten aber deswegen, weil er als langjähriger persönlicher Trainer und Mentor von Dirk Nowitzki den Würzburger zu dem machte, was er heute unangefochten ist: der beste deutsche Basketballer aller Zeiten.

„Dirk ist im positiven Sinne süchtig nach Basketball.“ Holger Geschwindner


Direktor Sport Bernhard Peters kennt Geschwindner seit mittlerweile zehn Jahren. Peters hat Geschwindner aus zwei Gründen eingeladen, die so naheliegend, aber doch so bedeutend für die Ausbildung seiner eigenen Trainer beim HSV sind: „Holger Geschwindner verkörpert zwei Aussagen, wie kein anderer: Erstens, dass jeder Spieler individuell zu betrachten und entsprechend zu trainieren ist und zweitens, dass man es nur an die absolute Spitze im Sport schafft, wenn man diesen liebt.“ Tatsächlich werden diese Aspekte in der gut 90-minütigen Diskussion, die der etwa einstündigen Praxis-Demonstration folgt, immer wieder deutlich: „Ohne Spaß an der Sache geht es nicht. Dirk ist im positiven Sinne süchtig nach Basketball“, ist einer dieser Sätze von Geschwindner, die im Kopf bleiben. Als Nowitzki 16 ist, sieht Geschwindner ihn nach einem Spiel mit einer „Rentnertruppe“ zufällig im Anschlussspiel. „Er ist mir aufgefallen, weil er intuitiv beinahe alles richtigmachte, er aber kein Handwerkszeug hatte. Ich kam mit ihm ins Gespräch und traf ihn einige Wochen später in Würzburg wieder. Dort sagte seine Mutter zu mir, dass Dirk ihr gesagt hätte, dass wir ja mal gemeinsam trainieren könnten. Das haben wir dann getan.“ Bis zu seinem Abitur jeden Tag, danach zweimal am Tag.

Als David Hasselhoff im Nowitzki-Trikot auf der Tribüne stand

Geschwindner, studierter Mathematiker und Physiker, denkt bei seiner Trainingsplanung immer einen Schritt weiter beziehungsweise um die Ecke. Er fügt ständig Elemente aus anderen Sportarten in sein Training ein, ob aus dem Fechten („eine gute Verteidigung ist wichtig, erst wenn diese steht, kann man angreifen“) oder dem Fußball („die Beinarbeit habt ihr uns voraus“). Die Schützlinge, die heute mit in Hamburg sind, spielen in Vereinen. Geschwindner trainiert sie ehrenamtlich zusätzlich. Alle sollen ein Musik-Instrument spielen, ob sie es können oder nicht. „Aber so bleiben sie zum einen auf dem Boden, weil sie merken, dass sie darin nicht so gut sind. Zum anderen geht es um Harmonie. Musik ist harmonisch, ein Bewegungsablauf bis zum Schuss ebenfalls.“ Auch als Mittel zur Fokussierung sei Musik geeignet, viele Spieler würden die falsche Musik vor Spielen hören. Nowitzki scheint die richtige zu hören, auch wenn er einmal nach einem wichtigen Korb einem Reporter gegenüber behauptete, er habe vor dem Wurf David Hasselhoff gesummt und dieser eine Woche später im Nowitzki-Trikot auf der Tribüne stand.

Vor jeder Saison wird eine neue Sache intensiv einstudiert

Es sind Anekdoten wie diese, die gemischt mit der immer spürbaren Expertise Geschwindners, den Abend kurzweilig machen. Neben den Basketballern hat er mit Christian Mohr einen ehemaligen Footballer der NFL mitgebracht. Auch Mohr gibt gemeinsam mit Geschwindner ehrenamtlich Training und kann aus seiner Erfahrung einige interessante Geschichten erzählen. Der Aspekt des Trainings, der in seiner Sportart in den USA pyramidenförmig von der Mannschaft über Mannschafsteile bis zum einzelnen Spieler aufgebaut ist und vor allem Videoanalysen und Krafttraining beinhaltet, sorgt für Erstaunen. Die Aussage, dass jedes Footballspiel von der Belastung her so wie ein kleiner Autounfall einzustufen sei, ebenfalls. Die Trainer des HSV bekommen interessante Einblicke. Geschwindner, der mindestens dreimal im Jahr zu Nowitzki in die USA reist und mit ihm trainiert, erzählt, dass er mit Nowitzki vor jeder Saison eine neue Sache besonders intensiv übe. Beispielsweise perfektionierte er mit ihm den Rebound, nachdem Nowitzki dafür kritisiert wurde. Anschließend hatte er die besten Rebound-Statistiken der Mannschaft. Es geht eben nur über den Spaß – und das Training. „Aber er nimmt die Dinge sehr schnell auf. Auch ich wachse so immer mit der Aufgabe.“ Stets gleich geblieben sei hingegen die Persönlichkeit des Super-Stars. „Der Hype um ihn ist ihm fast unangenehm. Er würde schließlich auch Basketball spielen, wenn er keinen Applaus dafür bekäme“, führt Geschwindner aus. Diese Bescheidenheit ist einer der Werte, welche die HSV-Trainer ihren Schützlingen auch stets mit auf den Weg geben sollen. Auch deswegen passt dieser Abend. „Von so einem Meister-Trainer lernen zu können, ist immer ein Mehrwert“, konstatiert Andreas Schumacher, U14-Trainer bei den Rothosen, am Ende – und auch in seiner Stimme schwingt dieser Schuss Begeisterung mit.