Zum Inhalt springen

Gernandt: "Ich trete als Aufsichtsratsvorsitzender zurück"

Verein

13.12.16

Gernandt: "Ich trete als Aufsichtsratsvorsitzender zurück"

Der Aufsichtsrat legt seinen Vorsitz mit sofortiger Wirkung nieder: „Nachhaltige Führungsarbeit ist in dieser Konstellation nicht möglich"

Karl Gernandt, seit Mai 2014 Aufsichtsratsvorsitzender des HSV, hat sein Amt als Vorsitzender des Kontrollgremiums mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der 56-Jährige bleibt ein ordentliches  Mitglied des sechsköpfigen Rats, der nun bis zur Wahl eines neuen Aufsichtsratsvorsitzenden von einem der beiden Stellvertreter – Felix Goedhart oder Jens Meier – angeführt wird. Auf HSV.de bezieht Gernandt Stellung zu seiner Entscheidung.

HSV.de: Herr Gernandt, warum haben Sie sich für den Rücktritt vom Aufsichtsratsvorsitz entschieden?

Karl Gernandt: Ich muss diesen Schritt leider gehen, weil zu viele bewusste Indiskretionen innerhalb unseres Gremiums dem HSV und seinen handelnden Personen in den vergangenen Monaten erheblichen Schaden zugefügt haben, aktuell die sportliche Trendwende gefährden und inhaltliche Führungsarbeit in dieser Konstellation nicht möglich ist. Ich kann und werde nicht die Hauptverantwortung für so ein Verhalten tragen und bin entsetzt, mit welchen Kräften im Verein und im Aufsichtsrat die sportliche und langfristige Weiterentwicklung riskiert wird. Wenn persönliche  Motive über professionelles Verhalten gestellt werden, macht dies nachhaltige Führungsarbeit unmöglich.

Karl Gernandt bei einem HSV-Spiel.
Karl Gernandt war seit 2014 Aufsichtsratsvorsitzender des HSV.

Sie selbst standen in den vergangenen Tagen und Wochen vermehrt in der öffentlichen Kritik, weil Sie sich vermeintlich nicht eindeutig positionierten und jetzt, da ein sportlicher Trend zum Positiven erkennbar ist, dann doch eine Veränderung auf der Position des Vorstandsvorsitzenden vorgenommen haben. Können Sie das nachvollziehen?

Gernandt: Selbstverständlich kann ich sachgemäße Kritik nachvollziehen und auch annehmen. Es gibt Situationen, in denen man ganz gleich mit welcher Aktion negative Kritik auf sich zieht. In diesem Dilemma steckten wir wohl seit September dieses Jahres. Man muss in dieser Hinsicht aber ganz eindeutig differenzieren. Ich halte die Entscheidung, einen Wechsel auf der Position des Vorstandsvorsitzenden vorzunehmen, für inhaltlich richtig. Wir als Aufsichtsräte dürfen eine solche Entscheidung nicht von engen Freundschaften oder von drei oder vier Ergebnissen, einem aktuellen Positivtrend oder ähnlichem abhängig machen. Es ist unsere Aufgabe, eine mittel- und langfristige Betrachtung vorzunehmen. Das haben wir getan und dann haben wir mit sechs Räten einen einstimmigen Beschluss gefasst. Zudem haben wir angesichts der erkennbaren sportlichen Verbesserungen beschlossen, den Wechsel erst nach dem letzten Spiel des Jahres 2016 vorzunehmen und mit maximaler Diskretion vorzugehen, um die gute Arbeit unseres Trainers Markus Gisdol mit der Mannschaft nicht mit öffentlichen Personaldiskussionen zu überlagern. Schon wenige Tage nach dem Beschluss wurde ich von Medienvertretern mit den vertraulichen Gesprächen unseres Gremiums konfrontiert, außerdem mit der Beschlusslage und weiteren Details. Das ist in keiner Weise akzeptabel und gibt mir zu denken, ob sich wirklich alle ihrer Verantwortung bewusst sind und das Wohl unseres HSV im Fokus haben. Dass ich für die Folgen eines derartigen Verhaltens öffentlich gescholten werde, kann ich nicht akzeptieren. Das gleiche gilt übrigens im gleichen Maße für Dietmar Beiersdorfer und seine Arbeit bei der Sportdirektorensuche – diese wurde auch komplett unterminiert. Ich halte es für unerlässlich, dass nun schnellstmöglich wieder Ruhe im und um den HSV einkehrt und sich alle handelnden Personen hinter den sportlichen Zielen vereinen und darauf fokussieren. Ich selber werde mit bestem Beispiel vorangehen und mich gemäß meiner neuen Rolle und der dazugehörigen Geheimhaltungspflicht nicht mehr öffentlich äußern.

Der zweite Vorwurf, der Ihnen bis heute anhängt, ist der des vermeintlichen Erfüllungsgehilfen von Gesellschafter Klaus-Michael Kühne. Was sagen Sie dazu?

Gernandt: Wer die transparenten Geschäftsbeziehungen von Herrn Kühne zum HSV genau betrachtet, der wird sehr schnell feststellen, dass Herr Kühne entgegen häufiger und langwährender Gerüchte keinerlei wirtschaftlich geprägte Interessen am HSV hat. Im Gegenteil – diese Zusammenarbeit ist immer von Transparenz in den Gremien, von einstimmigen Aufsichtsratsbeschlüssen und von einer unglaublichen Großzügigkeit geprägt. Daher lässt sich nicht einmal theoretisch eine Konstellation herstellen, für was ich diesbezüglich in der Erfüllung behilflich sein könnte. Sie können sicher sein, dass meine guten Verbindungen zu Herrn Kühne stets zum Wohle des HSV beigetragen haben und beitragen. 

Sind mit Ihrem Rücktritt die Ziele von 2014 offiziell gescheitert?

Gernandt: Wir haben bei Amtsantritt versprochen, den völlig maroden wirtschaftlichen und sportlichen Zustand des HSV nachhaltig wieder aufzubauen. Hierzu ist uns gelungen, rund 120 Millionen Euro frisches Geld in die Kasse zu bringen, ein gesundes Eigenkapital wiederaufzubauen sowie das Campus-Projekt für unsere Nachwuchsarbeit zu realisieren. Dies ist mit harter Arbeit und vor allem enormer und dankenswerter Unterstützung von Menschen und Institutionen im Umfeld des HSV gelungen. Unser Nachwuchskonzept zeigt erste Erfolge, die Arbeit hierbei gilt als sehr gut.  Nicht ausreichend geliefert haben wir in der Fußball-Bundesliga. Hier haben wir den erhofften weiteren Schritt nach vorne in 2016 komplett verpatzt. Dennoch wäre es falsch nun alles Aufgebaute der letzten Jahre zu verdammen. Für mich bleibt die Enttäuschung über das egoistische Verhalten in Gremien und  Umfeld des HSV und damit die Unmöglichkeit einer diskreten und ruhigen Arbeitsweise. Zu guter Letzt: Ich bin überzeugt, dass der HSV diese Saison mit erhobenem Haupt beenden wird – alles muss diesem Ergebnis untergeordnet werden.