
Vorbericht
28.08.25
Rothosen vs. Kiezkicker – Hamburgs Derby zurück im Oberhaus
Es ist kein Spiel wie jedes andere – im Zuge des 2. Spieltags der Bundesliga empfängt der Hamburger SV den FC St. Pauli zum 112. Hamburger Stadtderby. Das wäre schon brisant genug, doch für die Rothosen steht zudem das erste Bundesliga-Heimspiel seit sieben Jahren an.
Wenn am morgigen Freitagabend im ausverkauften Volksparkstadion das Flutlicht scheint, dann ist zumindest für 90 Minuten das Spotlight des deutschen Fußballs vollumfänglich auf diesen Ort gerichtet. Denn dann stehen sich der Hamburger SV und der FC St. Pauli zum 112. Hamburger Stadtderby gegenüber (ab 20.15 Uhr live im HSVnetradio). Das allein ist eine riesige Nummer, wie die zwölf Zweitliga-Duelle der beiden Clubs in der jüngsten Vergangenheit zwischen 2018 und 2024 gezeigt haben. Doch dieses Mal duellieren sich die beiden Stadtrivalen auf der größten deutschen Fußballbühne — liefern sich das erste Duell im Oberhaus seit 14 Jahren. Und hier kommt die zweite große Besonderheit aus HSV-Sicht ins Spiel. Für die Rothosen ist der 2. Spieltag der noch frischen Saison 2025/26 auch das erste Bundesliga-Heimspiel seit mehr als sieben Jahren. Letztmals am 12. Mai 2018 mit der Partie gegen Borussia Mönchengladbach war die Bundesliga im Volkspark zu Gast. Nun folgt morgen das Comeback, das ob der Brisanz des Stadtderbys jeden Fußballfan elektrisiert.

HSV mit vollem Personal
So auch HSV-Cheftrainer Merlin Polzin. Er weiß als gebürtiger Hamburger nur allzu gut, welche Doppeldeutigkeit in der morgigen Partie steckt. „Es ist unser erstes Heimspiel nach all den Jahren in der 2. Liga – dieses wollen wir mit aller Macht gewinnen“, erklärte der 34-Jährige im Vorfeld der Partie und richtete wie bereits vor dem Aufstiegsspiel gegen Ulm emotionale Worte an die Fans. „Wir werden am Freitag nicht Elf gegen Elf spielen, sondern wir sind mindestens 50.000 HSVer, die alles geben werden, damit wir den Derbysieg holen.“
Wie sich Derbysiege anfühlen, hat der Bramfelder in der Vergangenheit in der Rolle des Assistenztrainers erlebt, darunter der immens wichtige 1:0-Heimsieg im letzten Vergleich im Mai 2024, als die Rothosen den vorzeitigen Aufstieg der Kiezkicker verhinderten. „Unser letzter Sieg war nicht ganz unwichtig für alle HSVer. Doch auch die vorherigen Spiele waren besonders“, weiß Polzin und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Sei es das Comeback im Schneetreiben vom Millerntor im Dezember 2023, als der HSV durch ein völlig kurioses Eigentor mit 0:2 ins Hintertreffen geriet, aber noch zum 2:2 ausglich, oder der 4:3-Sieg der Rothosen im vorletzten Vergleich im Volkspark im April desselben Jahres, als die 57.000 Zuschauer eines der spektakulärsten Derbys aller Zeiten erlebten.
„Jedes Derby steht für sich. Wir sind maximal gewillt, dieser Liste am Freitag eine coole Geschichte hinzuzufügen“, gibt der Coach die Richtung vor. Im 112. Vergleich kann der 34-Jährige dabei personell aus dem Vollen schöpfen, stellte unter anderem eine Startelf-Rückkehr von Jean-Luc Dompe, dem letztjährigen Top-Vorlagengeber der 2. Liga, in Aussicht. Zudem gehen die Rothosen nach dem couragierten Auftritt und Punktgewinn zum Bundesliga-Start in Gladbach mit Rückenwind ins Spiel, fühlen sich nach einer intensiven Vorbereitung auf ihrem Weg bestätigt.

St. Pauli mit verändertem Gesicht
Rund acht Kilometer vom Volksparkstadion entfernt herrscht dieser Tage eine ähnliche Stimmungslage. Mit dem 3:3-Remis gegen Borussia Dortmund zum Bundesliga-Start haben die Kiezkicker einen gefühlten Sieg errungen. So glichen sie die Partie nach einem 1:3-Rückstand in den Schlussminuten noch zum 3:3 aus und machten damit erstmals seit 1996 wieder einen Zwei-Tore-Rückstand im Oberhaus wett. Dabei war erstaunlich, welche Offensivkraft die Braun-Weißen um gleich fünf Neuzugänge in der Startelf, darunter die Doppelspitze um Andreas Hountondji und Mathias Pereira Lage, phasenweise entwickeln konnten.
In der vergangenen Saison hatte der FC St. Pauli als Aufsteiger vor allem mit der zweitbesten Verteidigung der Liga (nur 41 Gegentore) souverän die Klasse gehalten. Trainer Alexander Blessin ist es dabei gelungen, die Spielweise der Kiezkicker anzupassen. Dabei wählte der lange Zeit im Nachwuchs von RB Leipzig tätige Schwabe einen defensiveren Spielansatz als Vorgänger Fabian Hürzeler. In dieser Saison soll nun die nächste Weiterentwicklung im Spiel mit dem Ball erfolgen. Dafür haben die Kiezkicker in der Sommerpause ordentlich Personal bewegt und zum Bundesliga-Start statt einer Grundausrichtung im altbewährten 3-4-3 verstärkt auf ein 3-4-1-2 gesetzt.
Anders als sein Gegenüber muss Coach Blessin für das Derby ein paar Ausfälle verkraften: Neben Kapitän Jackson Irvine stehen wohl auch Ceesay (Risswunde am Fuß), Jones (Schulter-OP), Mets (Aufbautraining) und Nemeth (Probleme im Adduktorenbereich) nicht zur Verfügung. Die Vorfreude auf sein persönlich erstes Derby ist beim 52-jährigen Trainer dennoch vorhanden: „Deutschlandweit sucht das seinesgleichen, es gibt aktuell keine Stadt mit zwei Bundesligavereinen. Es jetzt selbst mitzuerleben, ist eine große Sache. Darauf freuen wir uns einfach.“
Und darauf freut sich ganz Fußball-Deutschland: Drama und Emotionen, zugleich fußballtaktisch ein interessantes Kräftemessen. Über das 112. Stadtderby ist nicht nur in diesem Text viel geschrieben worden: Entscheidend ist jetzt – in solchen Spielen mehr denn je – auf dem Platz.